Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Hat Hayek wirklich die Swatch erfunden? (II)

Ist Nicolas Hayek der Retter der Schweizer Uhrenindustrie oder war er bloss der Profiteur eines undurchsichtigen Deals der Banken? Dahinter steht auch die Frage: War der Asuag-Konzern tatsächlich ein Sanierungsfall?

In der Region Grenchen gibt es Gründe, den alten Zeiten nachzutrauern. Die Büste im Vordergrund zeigt Rudolf Schild-Comtesse (1900-1978), einen der mächtigsten Patrons. (Foto: Bettina Hahnloser)

2006 erschien das Buch «Zeitzeugen der Quarzrevolution»: Autor Lucien Trueb hatte mit Protagonisten der technologischen Revolution in der Uhrenindustrie der 1960er und 1970er Jahre Interviews geführt. Eine Passage in diesem Buch ist besonders brisant: Pierre Renggli, bis 1983 CEO und Verwaltungsrat des Asuag-Konzerns, behauptet dort (Seite 236ff.), die Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG (Asuag) sei 1982 nicht sanierungsbedürftig gewesen – die Gläubigerbanken hätten die Aktionäre unrechtmässig faktisch enteignet und die Asuag mit dem anderen grossen Uhrenkonzern, der Société Suisse pour l'Industrie Horlogère (SSIH), (zwangs)fusioniert. 

Rengglis Aussage entfacht eine Debatte

Der von Renggli vermutete Grund hinter dieser Aktion: Die 1925 gegründete Holding SSIH mit den beiden Marken Tissot und Omega sei nicht mehr zu retten gewesen – es sei denn, man schliesse sie mit der ungleich potenteren Asuag zusammen. So habe man der SSIH und damit dem vielen Geld der Gläubigerbanken das Überleben garantiert. Und so habe sich Nicolas Hayek 1985, der als früherer SSIH-Berater mit einem Investorenpool die Mehrheit an den fusionierten Konzernen übernahm, in ein gemachtes Nest setzen können und sei damit zum Milliardär geworden.

Die Aussage warf keine Wellen. Erst zehn Jahre später publizierte das Gratisblatt «Biel Bienne» (24./25. Februar 2016) aufgrund des von der Schreibenden verfassten Buches «Der Uhrenpatron und das Ende einer Ära» ein Interview mit Pierre Renggli, in welchem er seine Vorwürfe an die Adresse der damaligen Bankenvertreter wiederholte. Das war der Start eines Disputs, der die Gemüter seither erhitzt. Noch immer steht Aussage gegen Aussage. Wer heute in dieser Sache recherchiert, stösst auf viele Emotionen – beim damaligen Generaldirektor der Schweizerischen Bankgesellschaft, Peter Gross, aber vor allem beim letzten Führungsstab der unabhängigen Asuag.

Peter Gross hat in den letzten Monaten mehrere Male seine Sicht der Dinge öffentlich darlegen können. Renggli ist der einzige der damaligen Asuag-Spitze, der sich offen äussert, die andern Herren geben im Gespräch lediglich zu verstehen, dass sie ihm beipflichten, wobei sie sich nicht zurückhalten mit ihrer Empörung über die Geschehnisse jener Zeit und über das damalige Gespann Hayek/Gross.

Wie entstand die Asuag?

Blenden wir zurück: Die Geschichte der schweizerischen Uhrenindustrie hat etwa den gleichen Komplexitätsgrad wie eine qualitativ hochstehende mechanische Uhr. Sie kennt viele Krisen und Jahrzehnte der Hochkonjunktur, während denen es sich in dieser Branche sehr gut leben liess. Die Krisen hatten mit den externen Bedingungen wie Krieg, Inflation oder Wirtschaftsdepression zu tun, aber bis in die 1930er Jahre auch mit den Produktionsbedingungen der Uhr selber.

Die Produktion zerfällt in Uhrwerke sowie Uhrenteile einerseits und in die Etablissage, also den Zusammenbau zur fertigen Uhr. Die Herstellung der Uhrwerke wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts laufend mechanisiert und automatisiert, die Etablissage aber nicht. Sie blieb bis lange ins 20. Jahrhundert Hand- und Heimarbeit. Das bedeutete: Überproduktion von Uhrwerken und Bestandteilen.

Zyklische Krisen waren die Folge. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurden immer mehr Uhrwerke ins Ausland verkauft. Das rief die Fertiguhrenindustrie und die Politik auf den Plan: Man befürchtete den Aufbau von Konkurrenzunternehmen im Ausland. In den 1930er Jahren wurde dem Export von Uhrwerken der Riegel geschoben – und die Industrie buchstäblich in Ketten gelegt: Alle Uhrwerkproduzenten hatten sich unter das Dach der neu gegründeten Allgemeinen Schweizerischen Uhrenindustrie AG (Asuag) zu begeben. Das 1934 erlassene staatliche Uhrenstatut schrieb ihnen faktisch ein Plansoll vor – wer expandieren oder umstellen wollte, musste sich dies bewilligen lassen. Und von nun an sassen der Bund, die Gläubigerbanken und Gewerkschaftsvertreter im Verwaltungsrat der Ausag, eines reinen Industriekonzerns...  

Der Schuldenschnitt nach gemeisterter Krise

Die Schweiz blieb verschont vom Weltkrieg, und die Uhrenindustrie konnte in den Kriegsjahren und danach aus dem Vollen schöpfen. Dann aber holten die ausländischen Konkurrenten auf: Vor allem Japan begann mit seinen billigeren, aber qualitativ durchaus genügenden Ankeruhren via Virgin Islands die USA zu überschwemmen. Allerdings verkaufte sich die Schweizer Qualitätsuhr immer noch bestens, auch bei der technologischen Umstellung auf die elektronische Uhr war die Branche anfangs noch vorne dabei: In der Schweiz wurde in den 1960er Jahren die erste Quarzarmbanduhr entwickelt.

Dann aber stockte es. Aufgrund ihrer Strukturen waren die Japaner flexibler, kauften neue Patente ein und warfen ab 1975 en masse ihre Quarzuhren auf den Markt. Bereits 1978 hatte die Schweiz wieder aufgeholt: Die Uhrwerkherstellerin ETA präsentierte der staunenden Öffentlichkeit die dünnste Quarzuhr der Welt – mit einer Höhe von knapp zwei Millimetern. Die Japaner waren, so erzählt man sich noch heute schadenfreudig, ausser sich vor Wut.

Der Mann der Stunde war Ernst Thomke: Der gelernte Uhrmacher und studierte Chemiker und Mediziner war 1978 als Generaldirektor in die Uhrwerkfabrik ETA, das Flagschiff der Ausag, in Grenchen eingetreten. Die Wolken über der schweizerischen Uhrenindustrie waren schon ziemlich dunkel. Thomke zauderte nicht lange: Die alte Garde, darunter die Sprösslinge der Gründerfamilien, ekelte er hinaus, die andern spornte er zu Höchstleistungen an: «Wenn wir schon untergehen, dann mit wehenden Fahnen», fasste er später grinsend sein damaliges Motto zusammen. Sein Verdienst: Er setzte sich über Absprachen hinweg, sprengte die Ketten und krempelte den Laden um. So war es möglich, dass ETA Ende 1978 technologisch wieder an der Spitze war – und dass die Swatch vier Jahre später das Licht der Welt erblickte.

Trotzdem: Die Rationalisierungsmassnahmen, die Restrukturierung der Asuag, Sünden der Vergangenheit und die neue Technologie verschlangen viel Geld. Hinzu kamen Inflation und ein starker Franken. Und so waren die Gläubigerbanken Anfang 1983 der Meinung, die Asuag sei überschuldet und müsse saniert werden. In der Folge wurde das Aktienkapital um 90 Prozent geschnitten (was eine faktische Enteignung der Minderheitsaktionäre war), neu aufgestockt und Schulden umgewandelt. Nun waren die Gläubigerbanken die alleinigen Besitzer – ausgerechnet sie, die jahrzehntelang im Ausag-Verwaltungsrat gesessen hatten, ohne das Unheil kommen zu sehen.

Welche Rolle spielten die Banken?

Die Banken führten die SSIH und die Asuag zusammen – den neuen Konzern taufte man wenig später Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie AG (SMH) und 1998 dann The Swatch Group AG. Die Beraterfirma Hayek Engineering hatte zwischen 1981 und 1983 die beiden Konzerne durchleuchtet. Nicolas Hayek, der sich als Berater anfänglich skeptisch gegenüber der von Thomke vorangetriebenen Neuentwicklung namens Swatch zeigte, wusste deshalb bestens, welches Potential darin steckte. 1985 durfte er, zusammen mit einem Investorenpool, die Mehrheit der SMH von den Banken übernehmen. Wenig später war er Milliardär – und knüpfte fortan emsig und erfolgreich an der Legende, er sei der Retter der Schweizer Uhrenindustrie gewesen.

Wenn schon, dann sind es die Gläubigerbanken gewesen, die die Branche in der Krise mit Geldspritzen gerettet haben. So sagt es heute Bruno Bohlhalter, der damals Direktor bei der Schweizerischen Volksbank war und 2016 über die Krisen in der Uhrenindustrie dissertiert hat. Die Asuag habe saniert werden müssen, sagt er – und wer etwas Anderes behaupte, der verstehe nichts von Bilanzen und Finanzen. Vertreter der damaligen Geschäftsleitung der Asuag mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Franken und die geprellten Minderheitsaktionäre bleiben dabei: Man habe absichtlich eine Überschuldung konstruiert, um den maroden Milliardenkonzern SSIH zu retten.

Seit dem Interview von Pierre Renggli im «Biel Bienne» wird diskutiert und gestritten – bis heute. Mittlerweile haben sich auch WissenschafterInnen eingeschaltet, die unabhängig sind – also weder mit der damaligen Asuag noch mit den damaligen Gläubigerbanken verbandelt sind. So zum Beispiel Philipp Aerni, Direktor des Center for Corporate Responsibility and Sustainability an der Universität Zürich. Bei der Präsentation seiner Studie «When Corporatism Leads to Corporate Governance Failure» im Januar 2017 in Solothurn geriet man sich in die Haare: Aerni stützt die These Rengglis, dass die Asuag damals nicht nachlasswürdig gewesen sei. Nach einem Wortgefecht stand Bohlhalter, der unter den Zuhörern war, auf und verliess den Saal.

Wurde die Asuag-Überschuldung konstruiert?

Tatsache ist: Die treuhänderische Bewertung eines Unternehmens beruht nicht auf exakter Wissenschaft, sie ist vielmehr Ermessensfrage und hängt unter anderem davon ab, wie man die Zukunftsaussichten beurteilt und welche Beträge man abschreibt. In manchen Fällen lassen sich Ergebnisse konstruieren. Weder Nicolas Hayek noch Peter Gross, Generaldirektor bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (der die früheren Uhrenpatrons verachtete und als Oberst die Sanierung generalstabsmässig dirigierte) verstanden etwas von Uhren. Von beiden sind in Protokollen, die heute im Bundesarchiv zugänglich sind, Aussagen überliefert wie diese: «Die Swatch-Uhr wird die Uhrenindustrie auch nicht retten.»

Bekanntlich kam es anders. Peter Gross sagte 2010 in einem Interview: «Wir versuchten [1981, als die SSIH saniert wurde, Bettina Hahnloser], die grössere Konkurrentin Asuag zur Zusammenarbeit zu bewegen. Keine Chance. Die Chefs der Allgemeinen Schweizer Uhren AG [sic!] sassen auf dem hohen Ross. Allerdings hielt ihre Sicherheit nicht lange, denn Anfang 1982 steckte auch die Asuag in Finanznöten.» Dies musste Gross wohl mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben.

Peter Gross begann erst nach dem Tod von Nicolas Hayek, über jene Zeit zu sprechen. Seine Motivation, wie er selber zugab: Ihm stiess die «Geschichtsklitterung» von Hayek als alleinigem Retter der Uhrenindustrie auf, weil jener die Rolle der Banken völlig ausblendete. Mit seiner Kritik an den Grossbanken biss Hayek gar später die Hand, die ihn einst gefüttert hatte. Peter Gross’ Rolle hingegen wurde nicht honoriert – im Gegenteil: 1987 wurde er vom damaligen SBG-Chef Robert Holzach entlassen, dies ohne schönredende Angaben von Gründen in der Öffentlichkeit – damals ein ausserordentlicher Vorgang.

Vor einigen Monaten meldete sich ein damaliger Mitarbeiter der Schweizerischen Treuhandgesellschaft, welche 1983 die Asuag bewertete, bei einem Journalisten des «Bieler Tagblatts»: Er könne bestätigen, dass er damals von den Banken den Auftrag erhalten habe, eine Überschuldung der Asuag zu konstruieren. Das sei gar nicht so einfach gewesen, die Millionen irgendwo in der Bilanz zu verstecken. Der Journalist publizierte dessen Aussagen unter dem Titel «Der Mann für Projekt 9» – wie vereinbart ohne Namensnennung (BT, 30.12.2016).

Wirtschaftshistoriker und Ex-Banker Bruno Bohlhalter aber bleibt bei seiner Aussage: An einem Vortrag Ende September im Rahmen der jetzigen Ausstellung in Grenchen betonte er, die Asuag sei faktisch zahlungsunfähig und die Sanierung deshalb «unvermeidbar» und «ohne Alternative» gewesen. Erstaunlicherweise wies aber der aus der Fusion von Asuag und SSIH entstandene Konzern schon im ersten Jahr seines Bestehens einen operativen Gewinn aus – die Zukunftschancen, zuvor von den Banken kleingeredet, sind demnach doch nicht ganz so schlecht gewesen.

Ende gut, alles gut? Nein, sagt Ernst Thomke heute: Wegen ihrer Stellung als Quasimonopol habe die Swatch Group die technologische Entwicklung vernachlässigt. Das werde sich rächen. Und manchen ehemaligen Asuag-Mitarbeitenden stösst die Geschichte der Patronfamilie, die sich in Biel in ein gemachtes Nest setzte, die Verdienste der früheren Geschäftsleitung und der Beschäftigten kleinredete und sich als Retter in der Not aufspielte, noch immer auf.