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Christoph Reichenau

Jetzt rechnen alle – mit Kopf und Herz

Viele Jäger sind des Hasen Tod. Die Reform der Altersvorsorge wird gejagt von rechts und von links, dazu von Gruppen mit Einzelanliegen – bis am 24. September.

Es ist eine schwierige Vorlage, die uns das Bundesbüchlein auf 50 Seiten zumutet. Sie besteht zudem aus zwei Abstimmungsfragen: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,6 Prozent zu Gunsten der AHV benötigt das Volks- und das Ständemehr; für das Bundesgesetz über die Reform der Altersvorsorge 2020 genügt das Volksmehr. Soll die Reform durchkommen, braucht sie zweimal ein Ja.

Was kann ich wissen?

Für alle ist klar: Es braucht jetzt eine Reform. Einzige Gegenstimme: Der K-Tipp will zuerst die Reserven der Pensionskassen aufbrauchen und den AHV-Fonds weiter hinunterfahren.

Viele kritisieren Vieles, Grundsätzliches und eher Details. Das Spektrum der Vorwürfe reicht von der Erhöhung des Frauenrentenalters in der AHV auf 65 Jahre ohne gleichen Lohn bis zur Senkung des Koordinationsabzugs in der 2. Säule nur auf 40 Prozent anstatt auf null. Und es geht vom AHV-Zuschlag für Neurentner (70 Franken für Alleinstehende, 140 bis 226 Franken für Ehepaare) bis zu den Erhöhungen der Lohnabzüge und der Mehrwertsteuer. Die Gegnerschaft setzt sich aus zahlreichen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen von links bis rechts zusammen. Ein vorherrschender Gedanke ist nicht auszumachen.

Die Reform bringt eine Lösung auf Zeit, für zehn bis fünfzehn Jahre. In wenigen Jahren wird man eine weitere Reform aufgleisen müssen für die Zeit danach. Wer blickt weiter voraus? Wer weiss, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln? Wer kannte vor fünfzehn Jahren den heutigen Zustand? Alles ändert sich, aber die für alle existentiellen Sozialwerke sollen «nachhaltig» saniert werden – das ist unrealistisches Wunschdenken. Wo sind, zum Beispiel, für das postulierte Rentenalter 67, die nötigen Arbeitsplätze?

Was soll ich tun?

Ich stelle mir vor, der 24. September ergibt ein Nein. Die Altersreform ist gescheitert. Woran? Das Rätselraten beginnt. Wegen des Rentenalters 65 für Frauen? Wegen der Senkung des Umwandlungssatzes in der 2. Säule? Wegen der Bevorzugung von Ehepaaren beim AHV-Zuschuss? Wegen der Mehrbelastung der Jüngeren?

Jede Neinsager-Gruppe wird die Deutungshoheit über das Resultat beanspruchen. Im Tohuwabohu rasch eine gerechtere, ausgewogenere, günstigere, zukunftsfähigere Reform zu zimmern wird nicht einfacher werden. Dies umso weniger als die Neinsager, die «Sieger», auf ihren Positionen beharren dürften. Die aber gehen weit auseinander. Es bräuchte einen gewaltigen Kraftakt, um einen neuen Kompromiss – einen in den Augen der Gegner besseren Kompromiss – auszuhandeln. Woher kommt der Glaube, dies sei möglich?

Deshalb: Ich nehme die Vorlage als grösstmöglichen Konsens oder als kleinstmögliches Übel an. Auf Zeit.

Was darf ich hoffen?

Jede und jeder Stimmberechtigte prüft die Vorlage (das Bundesgesetz über die Reform der Altersvorsorge 2020) aufgrund des Bundesbüchleins, der Partei- und Verbandsparolen, der Medienberichte und -kommentare, der Leserbriefe und der Diskussionen im Freundeskreis.

Sie und er tun es mit dem Blick auf ihre persönliche und familiäre Lage, aber auch mit dem Blick auf das Ganze, auf alle, die in der Schweiz leben. Dabei dürfte klar werden, dass egoistische Interessen fehl am Platz sind, dass Übertreibungen in die Irre führen, dass parteipolitisches Getöse eher verfälscht als klärt. Ich darf hoffen auf die nüchterne Vernunft der rechnenden Köpfe und auf ihr Wissen, dass Beharren auf dem eigenen Vorteil und Rechthaberei niemandem helfen.

Nach geschlagener Schlacht wird zumindest eine gewisse Vernunft wieder einkehren. Was heute nicht sein kann, weil es nicht sein darf, wird morgen sein dürfen, da es sein muss.

Was ist der Mensch?

Der Mensch ist vernunftbegabt und emotional, triebgesteuert und beeinflussbar, ein gesellschaftliches Wesen mit einem Gewissen. Er rechnet mit dem Kopf, er denkt auch mit dem Herzen. Er weiss, dass er allein nicht existieren kann. Deshalb ist er auf andere angewiesen.

Eine Erscheinung dieses Wissens ist die Altersvorsorge. Sie funktioniert, solange alle – oder doch sehr viele – dazu beitragen, um davon zu profitieren. Solange sie sich auch im Blick der anderen erkennen. Der 24. September wird den Grad der Solidarität in unserem Land zeigen. Ich bin zuversichtlich.