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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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«Wir Frauen müssen unbequem sein»

Früher sass Barbara Gurtner für die die POCH im Nationalrat. Heute demonstriert sie mit der GrossmütterRevolution für die Rechte älterer Frauen. Mit Journal B spricht sie über Rente, Lohngleichheit und über die Sitzbänke in der Stadt Bern.

Barbara Gurtner spricht am Frauenstreiktag am 14. Juni 2016 in Bern (Photo: Monika Flückiger).

Heute Nachmittag geht die GrossmütterRevolution in Bern auf die Strasse. Revolution ist ein grosses Wort. Müssen die Politikerinnen und Politiker vor Ihnen zittern?

Nein, überhaupt nicht (lacht). Aber ich finde Revolution ein wunderbares Wort. Und wir sind Frauen aus einer Generation, die es sich gewohnt ist, zu demonstrieren. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren sind wir mit unseren Anliegen auf die Strasse. Und wir tun es immer noch.

Welche Anliegen sind das?

Die GrossmütterRevolution beschäftigt sich mit Themen rund ums Alter. Etwa mit dem Fragen: Wie ist unsere Stellung in der Gesellschaft? Welches Grosselternbild herrscht vor? Und: Wir setzen uns für Anliegen ein, für die wir uns schon früher eingesetzt haben. Einerseits für die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit, also der Betreuungsarbeit, die grösstenteils von Frauen geleistet wird. Andererseits für die Lohngleichheit. Denn: Ungleicher Lohn bedeutet ungleiche Rente. Und das bekommen wir heute, als Grossmütter, hautnah zu spüren.

Dann ist es wohl kaum ein Zufall, dass Sie nur drei Wochen, bevor am 24. September über die Altersreform abgestimmt wird, auf die Strasse gehen?

Doch, eigentlich schon. Wir haben bereits vor einem Jahr gewusst: Die Grossmütter wollen auf die Strasse. Der Termin wurde bereits vor längerer Zeit festgelegt. Die AHV ist schliesslich auch nicht das einzige Thema bei uns. Was wir wollen, geht weiter: Wir möchten ein gutes Leben im Alter, mehr Zuwendung statt Bürokratie und mehr Generationensolidarität. Obwohl das natürlich auch bei der Altersvorsorge ein grosses Thema ist.

Sie sprechen von Solidarität bei der AHV. Wird die Reform angenommen, sind es die Frauen, die ein Jahr länger arbeiten müssen. Ihnen entgehen dann jährlich 1,3 Milliarden Franken in Form von Rente und zusätzlichen AHV-Beiträgen. Finden Sie das solidarisch?

Nein, überhaupt nicht.

Und trotzdem werden an der Demo vor allem Befürworterinnen zur Reform sprechen?

Ja, das ist so. Aber für mich steht die Altersreform dort gar nicht so sehr im Zentrum. Und auch bei mir war der erste Gedanke, als ich gehört habe, dass das Frauenrentenalter steigen soll: Das geht ja gar nicht. Mittlerweile sehe ich, dass die Reform die Situation der Frauen in gewissen Punkten verbessert: Die 70 Franken mehr Rente kommen der 1. Säule zu Gute und damit den Frauen, weil sie oft gar keine 2. Säule haben. Weiter stärkt die Reform die Teilzeitarbeit, wovon auch mehrheitlich Frauen betroffen sind. Aber ich muss zugeben: Es gibt auch einige Punkte, die weh tun.

Zentrale feministische Punkte werden in der Reform nicht berücksichtigt: Zum Beispiel die Lohngleichheit und die unbezahlte Care-Arbeit.

Diese Fragen sind nach wie vor nicht gelöst. Ich muss auch festhalten: Die GrossmütterRevolution ist keine Partei, sondern eine Plattform. Wir fassen keine Parole, sondern diskutieren die Fragen. Und gerade bei der AHV-Reform gehen bei uns die Meinungen auseinander. Was die Themen Lohngleichheit und Care-Arbeit anbelangt, sind wir uns einig: Hier muss die Frauenbewegung aktiv werden – und gerade auch die Jungen müssen sich wehren. Denn: Mit der Lohnungleichheit wird die Bundesverfassung Tag für Tag verletzt.

Was erwarten Sie von den jungen Frauen denn konkret? Ein Frauenstreik wie 1990, als gefordert wurde, dass die Lohngleichheit endlich im Gesetz verankert wird?

Ja, zum Beispiel. Es braucht junge, taffe Frauen, die das Ganze vorwärts treiben. Wenn wir brav bleiben, kommen wir nie weiter. Natürlich ist es einfacher, nicht anzuecken. Auch für uns war es nicht immer angenehm, als Unangepasste in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber letztlich war es nötig. Und es hat auch Spass gemacht. Und das macht es noch immer (lacht).

Was unterscheidet denn die Frauenbewegung ihrer Generation von der Frauenbewegung heute?

Wir bewegten uns damals im Sog der 68er-Bewegung, es war Aufbruchsstimmung. 1971 wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt, das hat Auftrieb gegeben. In den 70er- und 80er-Jahren haben wir einiges in Bewegung gebracht. Zum Beispiel die Fristenregelung, vor der es kaum möglich war, eine Abtreibung vorzunehmen. Oder die Verankerung der gleichen Rechte für Mann und Frau in der Bundesverfassung. Das ist nicht vom Himmel gefallen. Schritt für Schritt ging es vorwärts. Mit der Lohngleichheit ist aber – bis heute – eines unserer grossen Anliegen unerfüllt geblieben. Und ich möchte, dass meine Enkelinnen, die jetzt bald im Berufsleben stehen, endlich den gleichen Lohn und die gleichen Chancen haben wie Männer.

Kommen wir auf die Frage des Alters zurück. Was tun Sie, über die GrossmütterRevolution hinaus, um den Forderungen der älteren Generation Gehör zu verschaffen?

Ich bin für das Grüne Bündnis im Rat für Seniorinnen und Senioren der Stadt Bern. Das ist ein beratendes Gremium des Gemeinderats, das es seit zehn Jahren gibt. In dieser Zeit ist es uns gelungen, dem Alter ein Gesicht zu geben. Heute gibt es in der Stadt Bern keine Planung des öffentlichen Raums mehr, bei der wir nicht einbezogen werden. Ausserdem organisiert Bern alle zwei Jahre die Stadtteilkonferenz. Eingeladen sind dort Organisationen, die im öffentlichen Raum tätig sind – von Kindereinrichtungen bis zum Seniorinnenrat. Gemeinsam diskutieren wir, was ein Stadtteil, ein Quartier, braucht, um gut zu funktionieren. Dort findet ein Austausch zwischen jüngeren und älteren Menschen statt. Auch das ist Generationensolidarität.

Wo begegnen sich Alt und Jung in der Stadt Bern?

Ganz einfach: Auf einer Sitzbank, zum Beispiel. Ein paar Sitzbänke in einem Quartier können ein sozialer Ort sein, an dem man sich trifft, sich austauscht und soziale Kontakte pflegt. Auch unter den Generationen. Solche Dinge sind genauso wichtig wie Veranstaltungen in Quartierzentren. Man muss die Menschen zusammenbringen, sie und ihre Bedürfnisse sichtbar machen. Das ist zentral, auch im Zusammenhang mit neuen Alters- und Grossmütterbildern.

Wie sieht denn dieses Grossmütterbild aus?

Noch heute wird von älteren Frauen erwartet, dass sie Grosselternarbeit übernehmen. Diese Arbeit ist, wie Care-Arbeit, Freiwilligenarbeit, deren Kosten eigentlich in Milliardenhöhe gehen würden, aber nirgends abgebildet werden. Stattdessen wird es als selbstverständlich erachtet, dass Grossmütter die Kinder hüten – und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Dabei darf man als Grossmutter auch einmal Nein sagen. Und das tun, was man gerne möchte. Eine Weiterbildung vielleicht oder eine Reise, Träume verwirklichen, Talente ausüben. Man soll sich als Grossmutter abgrenzen dürfen.

Und was für eine Grossmutter sind Sie?

Ich bin als 52-Jährige Grossmutter geworden. Habe noch gearbeitet, war Grossrätin, hatte eigentlich gar keine Zeit, um Grossmutter zu sein. Weil ich als Feministin lange für Tagesstätten und Kinderkrippen gekämpft habe, kannten meine Töchter diese Strukturen, und es war für sie selbstverständlich, diese Angebote zu nutzen, als sie Kinder bekommen haben. So, dass sie nur selten auf die Grossmutter zurückgreifen mussten. Aber ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen vier Grosskindern. Mit einer meiner Enkelinnen war ich zu ihrem 18. Geburtstag bei der Premiere des Films «Die göttliche Ordnung», bei dem es um den Kampf um das Frauenstimmrecht geht. So eine Grossmutter bin ich (lacht).