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Christoph Reichenau

Modernisierung KMB: Architekten wehren sich

Die Dachstiftung Kunstmuseum Bern – Zentrum Paul Klee will das Projekt «Modernisierung KMB» freihändig vergeben. Jetzt regt sich Widerstand. 

Seit zwanzig Jahren will das Kunstmuseum Bern (KMB) mehr Ausstellungsraum für Gegenwartskunst. Am Begehren hat sich trotz der Eröffnung des Zentrums Paul Klee (ZPK) 2005 mit 2‘500 Quadratmetern Ausstellungsfläche nichts geändert. Obwohl viel unternommen worden – und gescheitert – ist, wurde die Öffentlichkeit nie sachlich umfassend über das Begehren und seine Begründung informiert. 2013 präsentierte das KMB ein Erweiterungsprojekt für 8,7 Millionen im Innern des vom Architekturbüro Atelier 5 errichteten Trakts aus dem Jahr 1983 (Inhouse-Ausbau). Die Baubewilligung ist erteilt. Die Finanzierung ist auch heute noch offen.

Neue Dachstiftung

Das war vor vier Jahren. In der Zwischenzeit haben sich die Bedingungen am Kunstplatz Bern grundlegend verändert: Seit 2015 vereint eine Dachstiftung KMB und ZPK. Die Stiftung verfügt über:

- die weltweit wichtigsten Werke Paul Klees;

- bedeutende Sammlungen von Kunst aller Gattungen aus vielen Epochen, darunter reichhaltige Bestände von Kunst der Gegenwart;

- qualifiziertes und engagiertes Personal für die Kunst;

- geeignete Liegenschaften mit vielfältigem Ausstellungsraum;

- gesicherte Subventionen des Kantons und beachtliche Beiträge von Mäzenen und Sponsoren.

Auf zwei Standorte verteilt, besteht damit ein Kunstschatz von gesamtschweizerischer, teilweise weltweiter Bedeutung. Vor allem der Klee-Bestand ist eine Art Goldstandard im internationalen Leihverkehr, der es ermöglicht, sonst unerreichbare Leihgaben nach Bern zu holen.

Der Stiftungsrat ist neu zusammengesetzt. Als Präsident wirkt Jürg Bucher, ehemaliger CEO der Schweizerischen Post, heute Verwaltungsratspräsident der Valiant Bank, nach seinen Auftritten kein Mann des umsichtigen Abwägens. Im Zentrum der geschriebenen neuen Strategie steht die Stärkung der Kunst in Bern und die Stärkung Berns durch die Kunst. Potential ist da; fraglich ist der Wille, es zu nutzen.

Altes Projekt

Vernünftigerweise hat der Stiftungsrat den Inhouse-Ausbau neu beurteilt. Unverständlicherweise hält er daran fest. Ja, er bettet ihn ein in die Gesamtsanierung des Atelier 5-Trakts. Gesamtkosten nun: 40 Millionen. Warum ist diese Verknüpfung nötig? Was Sanierung, was neue Ausstellungfläche ist, wird nicht ausgewiesen. Wozu genau der Ausstellungsraum gebraucht wird, was dort mit gleichviel Personal und gleich bleibenden Mitteln konkret gemacht werden soll – Fragezeichen.

Trotzdem treibt der Stiftungsrat das Projekt voran. Er hat beim Kanton ein Finanzierungsgesuch für 32 Millionen Franken gestellt. Er hat darüber die Medien am 21. Juni orientiert. Und er hat am 27. Juni im Simap (dem Informationssystem über das öffentliche Beschaffungswesen in der Schweiz) publiziert, dass er am 31. Mai den Architekturvertrag für das Projekt «Modernisierung KMB» freihändig dem Berner Architekturbüro Jordi und Partner vergeben hat. Interessantes Detail: Der Preis ist mit 1 Franken angegeben, die Honorierung erfolge nach (nicht geschätzten) Baukosten.

Freihändig heisst: Ohne öffentliche Ausschreibung des Auftrags, wie dies die kantonale Verordnung über das öffentliche Beschaffungswesen (ÖBV) verlangt. Begründung des KMB: «Der dringende Sanierungsbedarf und die gleichzeitig architektonisch und betrieblich-organisatorisch untrennbare Verknüpfung mit dem bereits im Jahre 2010 beauftragten Projekt zur Gewinnung zusätzlicher Ausstellungflächen im KMB erfordert eine freihändige Vergabe.»

Plötzlich pressiert es

Legen wir die Wörter nicht auf die Goldwaage! Lassen wir stehen, dass das 2013 offiziell vorgestellte Projekt anscheinend schon 2010 vergeben worden ist. Versuchen wir einfach, den Sinn der Dringlichkeit aus dieser Begründung heraus zu verstehen: Ist die Vergabe dringlich geworden, weil die Arbeit am Projekt schon so lange dauert, ohne dass die Finanzierung gesichert ist? Ist sie dringlich geworden, weil – wie das KMB offiziell erklärt – die Klimaanlage überaltert ist und, falls sie aussteigen sollte, nach neuen Vorschriften nicht mehr repariert werden dürfte? Dann müsste der Atelier 5-Trakt geschlossen werden. Nur dieser Trakt, denn im alten, angrenzenden Salvisberg-Bau ist dieselbe Klimaanlage bereits ersetzt worden.

Ist das glaubwürdig? Nein. Wer seit Jahren am Museumstrakt des Ateliers 5 architektonisch herumstudiert, wer einen Inhouse-Ausbau für mehr Ausstellungsfläche 2013 bekannt gibt und dafür die Baubewilligung einholt (und erlangt), der hat den Sanierungsbedarf längstens erkannt. Jetzt Dringlichkeit zu behaupten, erscheint selbst einem Laien unredlich. Oder – und daran mag ich nicht denken – das strategische Management des Projekts ist einfach unfähig. Unfähig aus der Fixierung darauf, endlich im eigenen Haus etwas zu realisieren.

Kleiner Rückblick: Als 2013 das Inhouse-Projekt – damals noch ohne Gesamtsanierung – den Medien präsentiert worden ist, erklärte der damalige KMB-Präsident Christoph Schäublin auf Nachfrage, das Museum unterliege der Beschaffungsverordnung nicht, da es die Hälfte der Kosten aus Eigenmitteln – die bis heute nicht nachgewiesen sind – finanziere.

Einsprache und Aufsichtsbeschwerde

Es scheint, dass das KMB nun den Bogen überspannt. Dem Vernehmen nach haben zahlreiche Berner Architekturbüros im Sinne einer Sofortmassnahme den Entscheid zur freihändigen Vergabe beim Regierungsstatthalteramt Bern angefochten. Sie verlangen aufschiebende Wirkung, korrekte Ausschreibung des Architekturauftrags und dann die Neuvergabe. Zudem soll die Sektion Bern des schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) bei der Erziehungsdirektion eine Aufsichtsanzeige eingereicht haben. Sie wird die Erziehungsdirektion zwingen, von Amtes wegen dem Projekt «Modernisierung KMB» nachzugehen.

Das ist gut so. Das KMB hat mit den Einsprechenden anscheinend Kontakt aufgenommen. Dies lässt hoffen. Denn mit dem Projekt «Modernisierung KMB» wird nicht, wie behauptet, «das Bestmögliche» gemacht. Im Gegenteil: Ohne Sinn für das Mögliche wird das Nächstliegende bestätigt und dafür Dringlichkeit beansprucht. Dafür hätte es die neue Dachstiftung nicht gebraucht.

Neue Chancen

Wenn die Dachstiftung ihr Potential zugunsten der Kunst und von Bern wirklich nutzen will, zeigt sie Mut und macht aus einem Projekt zwei: Das erste ist die zwingende Sanierung des Atelier 5-Trakts. Das zweite besteht in der Prüfung der Frage, ob es zusätzlichen Ausstellungsraum zwingend braucht. Wird der Bedarf bestätigt, ist in erster Linie der Südhügel des ZPK ins Auge zu fassen: Er wurde bereits im Hinblick auf eine Umnutzung als Ausstellungsort konzipiert. Und für die Auslagerung der heute darin untergebrachten Verwaltung ist im Gegenzug der Atelier 5-Bau geeignet.

Eine Gesamtbeurteilung der Liegenschaften der Dachstiftung könnte zu einer weiteren Überlegung führen. Seit langem empfinden Kunstinteressierte Renzo Pianos dreihügeliges, grossformatiges ZPK eigne sich im Grund eher für Gegenwartskunst als für die eher kleinformatigen Werke Klees – und diese fänden im Atelier 5-Bau einen geeigneteren Ausstellungsort. Dieser Frage könnte man sich nun stellen.

Mehr Nachdenken

Erforderlich ist nun Aufarbeitung und vertiefte Analyse. Beides hat die Dachstiftung bisher versäumt. Wir Kantonsbürgerinnen und -bürger, die das KMB zu 65 Prozent subventionieren, haben ein Recht darauf. Es darf nicht sein, dass aus fadenscheinigen Gründen eine freihändige Vergabe zugelassen wird. Sie stünde der bestmöglichen Lösung für den Kunstort Bern im Weg. Nichts Anderes zählt.

Doch, es gibt noch etwas Anderes. Wenn der Stiftungsrat glaubt, mit dem eingeschlagenen Vorgehen ans Ziel zu kommen, irrt er sich. Welche Grossrätin und welcher Grossrat spricht Geld für eine freihändige Vergabe des KMB, wenn alle andern öffentlich ausschreiben müssen? Wie glaubwürdig ist eine Kultureinrichtung, die ohne Not Ausnahmen beansprucht und einem Architekturwettbewerb im Weg steht? Die Dachstiftung schadet so nicht allein ihrem Anliegen, sie schadet dem Kunstort Bern – und der Architekturkultur in Bern. Affaire à suivre.