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Sagt, was Bern bewegt
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Kommentar /

Christoph Reichenau

Die Frage

Am G20 Gipfel in Hamburg demonstrierten auch Bernerinnen und Berner aus der Reitschule. Diese blieb deshalb zwei Tage geschlossen. In Hamburg haben die unentschuldbaren Gewaltexzesse das Engagement Vieler zerstört.

Natürlich geht der G20-Gipfel uns an, wie er alle angeht. Er betrifft uns Bernerinnen und Berner auch auf besondere Weise: Die Reitschule war am 8./9. Juli geschlossen, weil diese für die Kundgebung gegen den Gipfel mobilisierte und viele Reitschülerinnen und -schüler selber daran teilnahmen. Die Reitschule – so der neue Bekult-Präsident Bernhard Giger – ist «einmalig und authentisch. Mit einem Wort: Original 100 Prozent Bern».

Wogegen und wofür haben die Leute der «100 Prozent Bern»-Reitschule demonstriert? Ging es um das «Format» G20, also um die Legitimation oder Legitimität der Organisation, um deren nicht allen genehme Zusammensetzung, um ihren Mangel an völkerrechtlicher Verankerung, um die Heerscharen offizieller Teilnehmender, um ihren insgesamt «unheilvollen Trend» (wie die NZZ schrieb)? Falls das «Format» G20 Anlass zum Protest bot, dann wäre eine erstaunliche Verwandtschaft festzustellen zwischen der neoliberalen NZZ und der Linken, die den Neoliberalismus bekämpft – «les extrêmes se touchent».

Richteten sich die Aufmärsche dagegen, dass Staatschefinnen und -chefs unterschiedlicher Inspiration, Macht und Glaubwürdigkeit überhaupt miteinander reden und um eine möglichst richtige Politik ringen? Falls dem so wäre – was wäre die Alternative? Und was wäre mit dem gutschweizerischen Motto: «Me muess halt rede mitenand»?

Oder ging es darum, die in Hamburg versammelten politisch Verantwortlichen «anzuspornen» (wie Angela Merkel anerkannte) für bestimmte Inhalte, etwa Klimapolitik oder Sicherheit. Und abzubringen von undifferenzierten globalen Lösungen, beispielsweise in den Handelsbeziehungen? War es der Sinn des Protests, darauf hinzuweisen, was es konkret braucht, um Gefahren abzuwenden und menschenwürdige Verhältnisse für alle herbeizuführen? Wenn es um Inhalte ging, um Ängste und Bedenken, um Vorstellungen und Forderungen – zeigte dann nicht gerade die bunte Vielfalt der friedlich Demonstrierenden mitsamt Kindern und Alten, wie zahlreich die guten Ansätze sind und wie nötig es ist, diese zu bündeln und in griffige Massnahmen überzuführen? Wie zweckmässig also – guten Willen und Verständigungsbereitschaft der Verantwortlichen vorausgesetzt – G20 als «Format» sein kann?

Auch wenn ich mich frage, mit welchen Zielen genau in Hamburg demonstriert worden ist und ich nicht alle gutheisse – es ist keine Frage, dass dies legal, legitim, ja erwünscht war. Die Mächtigen allein zu lassen, kann gerade in Demokratien keine Haltung sein. Es ist richtig, öffentlich kundzutun, dass die Bürgerinnen und Bürger (mit und ohne politische Rechte) Interessen, Wünsche, Idee haben, und dass Politik bestenfalls eine Annäherung daran sein kann. Es ist wichtig, den Verantwortlichen «oben» zu zeigen, dass sie «von unten» beobachtet, aber auch, dass sie nicht alleingelassen werden. Fast bildhaft wurde am Fernsehen deutlich, wie sich die Bewegtheit der Vielen und die Formalitäten der Wenigen gegenseitig bedingen, wie man sich aneinander reibt und dennoch nicht voneinander lassen kann und darf.

Nicht in dieses Bild von ernsthafter bis spielerischer Anteilnahme und Auseinandersetzung gehören die in Hamburg massiv aufgetretenen gewalttätigen, kriminellen Zerstörer (ich vermute eine männliche Mehrheit). Und doch scheinen sie unvermeidlich. Sie nutzen die friedlich Demonstrierenden als Deckung. Und die Engagierten lassen sich von den Enragierten missbrauchen. Missbrauchen von einer kleinen Minderheit, die sich anmasst, alles zu überschatten. Von einer Minderheit, welche die Legitimation derer «oben» verneint und gleichzeitig für sich beansprucht, das Recht und die Gewalt in die eigene Hand zu nehmen.

Gegen Gewalttäter waren in Hamburg 20‘000 Polizistinnen und Polizisten zusammengezogen worden. Dennoch kam es zu massiven Zerstörungen. Wie weit ein problematischer Einsatz der Polizei dazu beitrug, weiss ich nicht. Die physische Gewalt gegen Personen und Sachen hatte in meiner Sicht ihren Ursprung jedoch nicht darin. Ihre Folge: Hunderte verletzte Polizisten, geplünderte Läden, verbrannte Autos, eingeschlagene Scheiben, Wut und Enttäuschung der Geschädigten. Das ist kein Beitrag für eine bessere Welt.

Hätte der G20-Gipfel in China, in Russland, in der Türkei stattgefunden, die Bilder der Zerstörung hätte es nicht gegeben, weil die Zerstörer – aber auch die friedlich Demonstrierenden – mit Gewalt auf Distanz gehalten worden wären. Nun wird nach Seattle und Genua ausgerechnet Hamburg und damit Deutschland, einer der liberalsten Staaten, «bestraft» für gerade diese Liberalität, die eigentlich der Wunsch der Demonstrationen war. Das ist gefährlich und grotesk. Gefährlich, weil die Gewalttäter keinen Unterschied machen und selbstherrlich alle Staaten in einen Topf werfen. Grotesk, weil beim nächsten Gipfel auch in einem liberalen Land ein noch grösseres Polizeiaufgebot nötig erscheinen könnte. Nur um Leute in Schach zu halten, die eine verfehlte Politik vorschützen, um vorübergehend in Zerstörungslust und Allmachtsfantasien à la Erdogan auszubrechen.

Was bleibt? Die Bilder der Mächtigen und die der Gewalttäter. Die Wunden und Scherben, die Angst und der Zorn der Geschädigten. Diese Bilder verdrängen die letztlich positiven Nachrichten vom Gipfel und die kecken, ernsten und bedenkenswerten Voten aus der Zivilgesellschaft. Auch aus der Reitschule. Direkte physische Gewalt übertönt Engagement, auch solches gegen strukturelle Gewalt. Wie die positive Aktion Vieler für Gerechtigkeit und Menschenwürde die gewalttätigen Aktionen Weniger in Schach halten kann, das ist die Frage. Auch in der Reitschule. Und zwar ob sie nun zur Gewalt aufgerufen hat – wie die Staatsanwaltschaft prüft – oder nicht.