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Wassernot im grössten Freiluftgefängnis

Im Rahmen der laufenden Veranstaltungen zu «10 Jahren Gaza-Blockade» hat die Ingenieurin Marina Muenchenbach über das Problem der Wasserversorgung berichtet: technisch ist es lösbar, politisch nicht.

Marina Muenchenbach: «Im Gazastreifen ist einfach nicht genug Wasser vorhanden.» (Foto: Valentina Maggiulli)

In der Stadt Bern ist es so: 141’920 EinwohnerInnen leben auf 51,6 Quadratkilometern, Bevölkerungsdichte: 2750 Personen/km2. Aus dem Grundwasserstrom des Aaretals entnimmt die Wasserverbund Region Bern AG pro Minute 50- bis 65’000 Liter Wasser, aus jenem des Oberen Emmentals zusätzlich 26’000 Liter. In die Leitungen kommt das Wasser physikalisch, chemisch und mikrobiologisch gereinigt in einwandfreier Qualität. Hat man Durst, öffnet man einen Wasserhahn und denkt sich nichts dabei.

Im palästinensischen Gazastreifen mit der Grossstadt Gaza City ist es dagegen so: knapp 1,8 Millionen EinwohnerInnen – davon mehr als eine Million Flüchtlinge – leben auf 365 Quadratkilometern, Bevölkerungsdichte: über 4900 Personen/km2. Auch weil die Lebensgrundlage Wasser nicht in genügendem Masse zur Verfügung gestellt wird, weil die Wasserinfrastruktur nach drei Kriegen innert zehn Jahren zerstört und deren Wiederaufbau wegen der vollständigen Blockade nicht möglich ist, ist dieser schmale Streifen Land am Mittelmeer heute «das grösste Freiluftgefängnis der Welt».

So sagt es der Bereichsleiter OeME-Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Heinz Bichsel bei der Begrüssung zur Veranstaltung «Prekäre Wasserversorgung» in der Reihe «10 Jahre Gaza-Blockade» im Kirchgemeindehaus Paulus.

Wadi Gaza-Flut und Spaghettikochwasser

Die Referentin an diesem Abend ist Marina Muenchenbach, Ingenieurin und Expertin im Nothilfe- und Entwicklungsbereich, jahrelang engagiert im Gaza-Streifen, zurzeit im Irak. Es gebe zwei Arten von Wasser, beginnt sie: Oberflächenwasser – also Niederschläge – und Grundwasser.

Wegen der kleinen Fläche des Gazastreifens, die zudem stark überbaut ist, reichen Niederschläge nicht weit. Fällt der Regen jedoch auf die israelischen Hügel im Landesinnern, wird das Wasser zurückgehalten. Wenn nach starken Regenfällen allerdings die Überlaufbecken voll sind, dann tritt der gewöhnlich ausgetrocknete Fluss Wadi Gaza über die Ufer und setzt im Gazastreifen Wohngebiete unter Wasser. So wird die Ressource Regenwasser zur zerstörerischen Kraft. Gewöhnlich aber muss die Bevölkerung das Wasser zukaufen – insbesondere von der israelischen Mekorot Water Company Ltd.

Und was den Grundwasserbedarf im Gazastreifen betrifft, ist er viermal so hoch wie der Nachfluss. Das hat zur Folge, dass vom Meer her unterirdisch Salzwasser ins Landesinnere vordringt und die Grundwasserbestände versalzt. 95 Prozent des Grundwassers schmecke, so Muenchenbach, «ungefähr so wie Spaghettikochwasser» und sei nicht trinkbar. Das Problem sei aber eigentlich nicht die Wasserqualität, sondern die Wasserquantität: «Es ist einfach nicht genug vorhanden.»

Schmutziges Wasser macht krank

Die israelische Armee hat im Krieg von 2014, das belegen projizierte Fotos, Wasserinfrastrukturen – namentlich die Hochtanks von Bani Suheila – systematisch bombardiert. «Als jemand», sagt Muenchenbach, «die neun Jahre lang beim IKRK gearbeitet hat, weiss ich, dass ich strikt neutral, unabhängig und nicht-parteiergreifend zu sein habe. Aber während des Kriegs 2014 wurde derart klar, dass ganz bewusst und gezielt Infrastruktur zerbombt wurde, dass ich zu zweifeln begann.»

45 Prozent der heute vorhandenen öffentlichen Infrastruktur sei insbesondere durch Nitrate «biologisch kontaminiert». Folgen: Durchfallerkrankungen, Hepatitis A, parasitäre Infektionen – und Hautkrankheiten bei jenen, die im stark verschmutzten Meer baden. «Die technische Lösung des Problems wäre möglich», sagt die Referentin als Ingenieurin. «Man repariert alle undichten Wassernetzwerke. Man sammelt das Regenwasser und leitet es gefiltert ins Wassersystem. Man baut Kläranlagen und führt das geklärte Wasser der Landwirtschaft zu. Dazu baut man Meerwasserentsalzungsanlagen.» Umsetzbar ist diese technische Lösung des Problems nicht, weil die Blockaden der israelischen und der ägyptischen Grenzen die Einfuhr der nötigen Baumaterialien verunmöglichen. «Aber noch wenn selten ein Neubau möglich wird: Der Betrieb braucht Strom – und der Strom, den man von Israel kauft, ist unterdessen so knapp, dass Privathaushalte pro Tag nur noch vier Stunden Strom haben. Für die industrielle Nutzung fehlt er meistens ganz.»

Kleine Tropfen auf einen sehr heissen Stein

Dass die Situation noch weiter kompliziert wird dadurch, dass es auf palästinensischer Seite zwei politische «Wasserautoritäten» gibt, erwähnt Muechenbach nebenbei. Zum Verhältnis zwischen der Fatah in Ramallah und der Hamas in Gaza sagt sie nur soviel: «Die beiden reden nicht miteinander und planen nicht miteinander.»

Wichtiger zu betonen ist ihr: «Es ist nicht so, dass in Gaza nichts gemacht wird. Es gibt Menschen und Organisationen, die jeden Tag aufs Neue, von Norden bis Süden, mit kleinen und mittleren Lösungen versuchen, die Situation zu verbessern.» Die Beispiele, die sie gibt, erscheinen wie sehr kleine Tropfen auf einen sehr grossen, sehr heissen Stein.

In Gaza City leben Menschen

Im Kirchgemeindehaus Paulus sassen während dieses Vortrags ungefähr 35 Leute. Aus Wortmeldungen zu schliessen viele gut informierte Insider. Dass Wasserversorgung zum unlösbaren Problem werden kann, für das man sich interessieren sollte, muss man sich in Bern zuerst noch vorzustellen lernen.

Der Begriff der «humanitären Katastrophe» fiel mehrmals. Und dass sie die Medien wenn möglich übersehen, hat insbesondere den Grund, dass es nicht opportun ist, Israel einer unmenschlichen Politik zu zeihen. Die Mainstream-Wahrheit lautet: Im Gazastreifen leben mehr oder weniger 1,8 Millionen vermummte Terroristen, die mit strikter Blockaderepression in Schach gehalten werden müssen. Nicht opportun ist die Tatsache, dass im Gazastreifen überwiegend eine zivile Bevölkerung unter schwierigsten Bedingungen zu überleben versucht – ohne Perspektive auf eine absehbare Änderung. Und ganz falsch wäre es, öffentlich zu fragen: Wie viele hunderttausend Menschen darf man eigentlich wie lange in Geiselhaft nehmen, bis die Uno nachhaltig daran erinnert, dass es eine Menschenrechtskonvention gibt? Und: Warum ist es der internationalen Staatengemeinschaft eigentlich egal, wenn mit ihren Hilfsgeldern aufgebaute Infrastruktur wiederholt zerbombt wird?

En passant hat Muenchenbach auch gesagt: «Die Menschen in Gaza wollen eigentlich gar keine humanitäre Hilfe. Sie sagen: Wir brauchen die Aufhebung der Blockade, wir brauchen Wasser und Energie, damit wir endlich wieder arbeiten können. Wir sind keine Bettler, wir können uns selber durchbringen.» Die Alternative sei, auch das sagte die Referentin, dass die Probleme an einen Punkt führen könnten, an dem ein Leben im Gazastreifen nicht mehr möglich sei.

Fredi Lerch