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Eingesperrt ohne Ende: Leben im Gaza-Streifen

10 Tage Aktionen zu 10 Jahren Gaza-Blockade: Mit einer Veranstaltungsreihe ruft das Forum für Menschenrechte in Israel/Palästina eine kaum beachtete humanitäre Katastrophe in Erinnerung. – Gespräch mit der Co-Organisatorin Valentina Maggiulli.

                Valentina Maggiulli, Programm-verantwortliche Nahost des cfd: «In Gaza Stadt gibt es viel Resignation. Sie ist politisch gemacht und muss enden.» (Foto: Fredi Lerch)

Journal B: Zehn Aktionstage zu zehn Jahren Gaza-Blockade – was erhofft sich das organisierende Forum für Menschenrechte in Israel/Palästina von der Aktion?

Valentina Maggiulli: Es gibt zwar einen Kreis von Leuten, die sich für die ungelöste Palästinafrage im Allgemeinen und die Blockade des Gaza-Streifens im Speziellen engagieren. Mit diesen Aktionstagen möchten wir Leute über diesen Kreis hinaus interessieren dafür, was es zur Gaza-Blockade über die auch aus politischen Gründen zurückhaltende Medienberichterstattung hinaus zu erfahren gibt, wenn Leute reden, die in Gaza leben oder Gaza aus eigener Anschauung kennen. Gleichzeitig dienen die Tage zur Lancierung eines Offenen Briefes an Bundesrat und Parlament mit klaren Forderungen – ein Beitrag, der über die Aktionstage hinaus wirken soll.

Welches sind die Programmschwerpunkte der Aktionstage?

Unsere Ausgangsfrage war: Was sind die wichtigsten Aspekte dieser Blockade? Vom humanitären Standpunkt aus betrachtet sind es die Wasserknappheit im Gaza-Streifen, die grossen Probleme der Gesundheitsversorgung und der schleppende Wiederaufbau der Infrastruktur nach dem Krieg von 2014. Dann gibt es die wirtschaftlich-politische Frage der Rüstung. Warum ist die israelische Waffenindustrie so erfolgreich? Weil ihre Waffen kriegserprobt sind. Das ist ein starkes Verkaufsargument, an dem sich zum Beispiel auch die schweizerische Rüstungsindustrie orientiert. Als dritten Schwerpunkt bieten wir mehrere kulturelle Veranstaltungen, die auch ein jüngeres Publikum ansprechen könnten.

Sie erwähnen die jüngeren Leute. Ist es nicht so, dass sie den Konflikt zwischen Israel und Palästina kaum zur Kenntnis nehmen – vielleicht, weil sie sich sagen, es sei dort ja schon immer so gewesen?

Es stimmt, in der Schweiz interessieren sich weniger jüngere Leute für diese Thematik, im Gegensatz etwa zu England oder Italien. Die Interessierten in der Schweiz sind meist älter, Leute, die die Region aus eigener Anschauung kennen, die vielleicht früher einmal in einem Kibbuz waren und sich so auch für die palästinensische Sicht zu interessieren begannen. Zwar gibt es schon auch junge, die sich engagieren, auch in der Kerngruppe, die die Aktionstage organisiert. Aber es wäre schön, wenn wir gerade auch junge Leute ansprechen könnten. Ich selber arbeite nun seit 13 Jahren an diesem Thema und ich muss sagen: Es gibt keinen spannenderen politisch-religiösen Konflikt um Land als den zwischen Palästina und Israel. Er ist eine grosse Tragödie, aber auch von faszinierender Komplexität.

Sie sind eben von einer Reise aus Gaza-Stadt zurückgekommen. Wie ist die Situation im Moment?

Ich habe zwischen 2011 und 2014 in Palästina gelebt und bin seit 2015 immer wieder für Kurzbesuche im Gazastreifen. Ein grosses Problem ist momentan die extreme Knappheit an Elektrizität, pro Tag hat man nicht mehr als drei Stunden Strom. Das macht nicht nur den Alltag sehr schwierig. Die Wirtschaft liegt völlig darnieder, auch weil Benzin für die Generatoren zu teuer ist. Auch die Spitäler haben ein Riesenproblem damit, ihre Apparaturen am Laufen zu halten. Ein anderes aktuelles Thema ist, dass die palästinensische Autonomiebehörde an die ehemaligen Staatsangestellten nicht mehr die ganzen Gehälter auszahlt. Das bedeutet zum Beispiel, dass der Konsum weiter zurückgeht, weil das Geld fehlt, was die Wirtschaft noch mehr zurückbindet. Im Bereich der Wohnhäuser ist seit dem Krieg zwar einiges wieder aufgebaut worden. Aber für grössere Anlagen, Fabriken, Elektrizitätswerke, Kläranlagen fehlen die Baumaterialien. Ich muss sagen, ich habe bei meinem jetzigen Besuch in Gaza vermehrt Resignation und Hoffnungslosigkeit beobachtet.

2017 könnte man bei Veranstaltungen zu dieser Region auch 100 Jahre Balfour-Deklaration, 70 Jahre Nakba oder 50 Jahre Sechstagekrieg zum Thema machen. Warum setzt das Forum den Fokus auf 10 Jahre Gaza-Blockade?

Einerseits, weil dieses Thema in der Öffentlichkeit vernachlässigt wird, die Medien schauen auch aus politischen Gründen weg: Es ist eine riesige humanitäre Katastrophe im Gang und niemand macht etwas. Andererseits sind wir der Meinung, dass wir unseren menschenrechtsbasierten Ansatz an diesem Thema am besten zeigen können. Und abgesehen davon; Ich kenne auch andere palästinensische Gebiete und bin der Meinung, dass es den Menschen nirgends schlechter geht als in Gaza.

Was verstehen Sie unter dem menschenrechtsbasierten Ansatz?

Er bedeutet zum Beispiel, dass Israel – und selbstverständlich auch Palästina – die einschlägigen UNO-Resolutionen und die Menschenrechtscharta einhalten muss. Dazu kommt das humanitäre Völkerrecht, von dem Israel behauptet, es greife im Gaza-Streifen nicht, weil Israel dort keine Besatzungsmacht sei. Dagegen appellieren wir an Israel anzuerkennen, dass eine faktische Besatzung vorliegt, die Unrecht ist und enden muss.

Zehn Jahre Gaza-Blockade heisst auch, dass sich zehn Jahre lang politisch kaum etwas bewegt hat. Geht das endlos so weiter?

Ich denke, es ist heute wichtig zu verstehen, dass die Leute in Gaza wirtschaftlich erfolgreich leben könnten ohne diese Blockade. Es gibt keinen Grund, warum sie sich nicht entwickeln könnten. Die Leute dort sind sehr gut ausgebildet, weltoffen, motiviert, resilient – nirgends habe ich resilientere Leute kennengelernt als in Gaza! Wir dürfen die Menschen nicht nur zu Opfern machen, wir müssen aufzeigen: Es gibt ein enormes Potential. Die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen ist «manmade», politisch gemacht. Das ist die Tragödie: Junge Leute mit Master-Titel können aus ihrem Leben nichts machen, sind seit ihrer Geburt noch nie aus dem Gaza-Streifen herausgekommen, haben nicht einmal die Perspektive, dass die Blockade in zwei Jahren vorbei ist. Eine Politik, die Menschen ein solches Leben aufzwingt, kann man im 21. Jahrhundert nicht aufrechterhalten.