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Als die Agrarfrage noch ein linkes Thema war

Im Archiv für Agrargeschichte in Bern setzt man sich zum Beispiel mit einer Debatte unter deutschen Sozialdemokraten um 1900 auseinander, die zeigt: Auch Linke sollten wieder mehr über die Agrarfrage nachdenken.

Opponenten in der Agrarfrage: Karl Kautsky (1854-1938; Foto links: Deutsches Historisches Museum) und Eduard David (1863-1930; Foto: www.lasalle-kreis.de).

Die Potenziale der bäuerlichen Landwirtschaft in der Industriegesellschaft zu erkennen und politisch zu fördern, ist schwierig. Einfach ist es, mit Negativdefinitionen des Bäuerlichen vermeintlich recht zu haben: Bauern und Bäuerinnen sollen keine Massentierhaltung betreiben, nicht die Böden vergiften, keine Monokulturen betreiben, nicht mit «Agrarfabriken» die Landschaft verschandeln, nicht mit Subventionsforderungen nerven und natürlich nicht so viel verlangen für das Essen auf meinem Tisch.

Peter Moser, der Leiter des Archivs für Agrargeschichte (AfA), sagt: «Eine Fokussierung der Diskussionen über die bäuerliche Landwirtschaft auf das zu Vermeidende ist wenig kreativ und behindert zudem eine kulturelle Weiterentwicklung. Sinnvoller wäre eine Aktualisierung der Debatte um die Agrarfrage, die schon vor gut hundert Jahren einmal geführt worden ist.» Die Agrarfrage wurde in der Tat schon fundierter diskutiert als heutzutage.

Ist die Landwirtschaft ein Teil der Industrie?

Am Parteitag der sozialdemokratischen Partei Deutschlands von 1895 wurde beschlossen, die kontrovers diskutierte «Agrarfrage» «einem gründlichen Studium» zu unterziehen. Denn klar war nach den Erfahrungen des 19. Jahrhunderts, «dass die Landwirtschaft ihre eigentümlichen, von denen der Industrie verschiedenen Gesetze» hat. Die wichtigsten Beiträge zu dieser Debatte waren in der Folge zwei Bücher: Karl Kautskys «Agrarfrage» (1899) und Eduard Davids «Sozialismus und Landwirtschaft» (1903). Ihre Ausgangsfrage lautete: Was ist Landwirtschaft und wie kann die landwirtschaftliche Produktion in einer Industriegesellschaft organisiert werden?

Kautsky war ein orthodoxer Marxist. Marx hatte im ersten Band des «Kapitals» postuliert: «Die kapitalistische Produktionsweise [[…] schafft […] die materiellen Voraussetzungen einer neuen, höheren Synthese des Vereins von Agrikultur und Industrie, auf der Grundlage ihrer gegensätzlich ausgearbeiteten Gestalten». Im Anschluss daran plädierte Kautsky für eine «Aufhebung der Scheidung von Industrie und Landwirtschaft», wobei die Landwirtschaft den Geboten der kapitalistischen Grossindustrie Folge zu leisten habe. Denn zweifellos werde «die Richtung der industriellen Entwicklung» auch «massgeblich für die landwirtschaftliche».

Dagegen argumentierte David, zwischen Industrie und Landwirtschaft gebe es einen grundsätzlichen «Wesensunterschied»: In der Landwirtschaft gehe es «um die Entwicklung lebender Wesen», in der Industrie «um die Verarbeitung toter Dinge». Die industrielle Güterherstellung sei ein «mechanischer», die landwirtschaftliche Produktion hingegen ein «organischer» Prozess.

Die vier Unterschiede 

In einem lesenswerten Essay hat der AfA-Mitarbeiter Juri Auderset den von David betonten «Wesensunterschied» an vier «Brüchen» zwischen Industrie und Landwirtschaft herausgearbeitet. Diese Brüche gibt es unverändert auch heute – trotz aller Bestrebungen zur Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft aus dem Geiste der Industrie:

• Biotische Brüche: Während die industrielle Produktion auf mineralische Ressourcen abstellt, die sie irreversibel verbraucht, um Produkte herzustellen, sind die biotischen Produktionsgrundlagen der Landwirtschaft – Tiere und Pflanzen – Produkte und reproduzierbare Produktionsmittel gleichzeitig. Während Landwirtschaft mit Ressourcen arbeitet, die nur partiell, dafür als Produktionsmittel nachhaltig verfügbar sind, ist es in der Industrie umgekehrt: Deren Ressourcen werden vollständig, aber auch definitiv verschlissen: Aus einem Autopneu wird nie mehr Erdöl.

• Zeitliche Brüche: Während die maschinengetriebenen Produktionsstrassen der Industrie eine lineare und kontinuierliche Zeitstruktur und die Beschleunigung der Produktion nach Massgabe der Nachfrage ermöglichen, bleibt die Zeitstruktur in der Landwirtschaft zyklisch. Bauern können sich nicht um die Jahreszeiten foutieren, und gegen die Frostnächte vom 20. und 21. April letzthin hilft der stärkste Traktor nichts.

• Räumliche Brüche: Hier geht es um die Verfügbarkeit und die Nutzbarkeit der räumlichen Ressourcen. Während in der Fabrik der Raum so organisiert werden kann, dass das reibungslose und effiziente Ineinanderfliessen der Abläufe garantiert ist, ist der landwirtschaftlich genutzte Raum weitaus weniger veränderbar. Während in der Fabrik Arbeitsmittel und Arbeitkräfte fixiert werden und das entstehende Produkt an ihnen zur Bearbeitung «vorbeifliesst», ist in der Landwirtschaft das entstehende pflanzliche Produkt im Raum fixiert, die Arbeitsmittel und Arbeitskräfte arbeiten auf Äckern quasi «aufsuchend».

• Technologische Brüche: Aufgrund der Raumstrukturen entstand beim Einsatz motorisierter Technologie eine grosse Ungleichzeitigkeit. In der Industrieproduktion hatte sich die Dampfmaschine bereits Mitte des 19. Jahrhunderts durchgesetzt. In der Landwirtschaft war der Verbrennungsmotor jedoch dem «organischen Motor» der Zugtiere noch hundert Jahre lang unterlegen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Traktor in der Landwirtschaft immer mehr zum Einsatz. 

Der Reformismusstreit verschluckt die Agrarfrage

Durchgesetzt hat sich, so Peter Moser, im 20. Jahrhundert weder Kautskys industrielle «Agrarfabrik» noch Davids «reiner Landwirtschaftsbetrieb», sondern «jene Mischform von Industrie und Landwirtschaft, die uns heute in der Gestalt einer nach industriellen Prinzipien modellierten Landwirtschaft entgegentritt, die aber immer noch zu einem grossen Teil auf der Nutzung lebender Ressourcen basiert.» Von daher, so Moser, rücke die Frage, die Kautsky und David zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutiert haben, heute erneut in den Fokus: «Was ist bäuerliche Landwirtschaft? Welche Potenziale und Grenzen hat sie?»

Aber warum ist unter den Linken die Agrarfrage im 20. Jahrhundert nicht kontinuierlicher und differenzierter diskutiert worden?

Gibt man in die Suchmaske von Google das Wort «Agrarfrage» ein, erscheint als erste Nennung der Wikipedia-Eintrag zum «Reformismusstreit». Denn 1895 war die Agrarfrage Teil eines Streits zwischen städtischen, industrienahen marxistischen «Orthodoxen» und ländlichen, landwirtschaftsnahen «Reformisten» innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Auf dem Spiel stand die Frage, ob sich die SP in Richtung proletarische Klassenpartei oder in Richtung Volkspartei entwickeln sollte. Dieser Richtungsstreit entbrannte unter anderem an der Agrarfrage.

In dem Mass, in dem sich Kautsky damals durchsetzte, setzte sich eine gegenüber seiner ausgeklügelten Analyse weitaus undifferenziertere Perspektive der Landwirtschaft als Teil der «kapitalistischen Grossindustrie» durch – und prägt die linken Wahrnehmungen der Bauern als Handlanger der Reaktionäre bis heute. Für Eduard Davids sachkundigen Nachweis der Differenzen zwischen Industrie und Landwirtschaft jedoch, zu diesem Schluss kommt Juri Auderset, blieb «kaum mehr als die Ignoranz der Nachgeborenen».

Unter Verwendung von:

• Peter Moser: Zwischen Nachhaltigkeit und Effizienz. Ein Bäuerlich-historischer Blick auf die Potentiale und Grenzen der (bäuerlichen) Landwirtschaft, in: Der kritische Agrarbericht 2015, S. 154-158.

• Juri Auderset: Agrarfrage und Industriekapitalismus. Reflexionen über eine marxistische Debatte (noch nicht veröffentlicht). 

Lesen Sie morgen: Im Gespräch mit Peter Moser, dem Leiter des Archivs für Agrargeschichte.