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Christoph Reichenau

Eine Frage der Ehre

Der Gemeinderat der Stadt Bern hat die Inhaberin der Werbeagentur Contexta, Nadine Borter, in den Stiftungsrat von Konzert Theater Bern gewählt. Sie ersetzt Benedikt Weibel und soll ihm dereinst auch im Präsidium folgen.

Nadine Borter ist Inhaberin der Werbeagentur Contexta in Bern und Zürich, 42 Jahre alt, wohnhaft in Bern und Zürich. Kreativ von Berufs wegen, gut vernetzt, offen und neugierig. Und sie ist – wie es Stadtpräsident Alec von Graffenried wünscht – eine junge Frau mit Führungserfahrung.

Zwei Chancen: «Jung» und «Frau»

«Eine junge Frau», wie schön. Warum Frau leuchtet ein: Viel zu selten wirken Frauen in Führungsgremien, noch viel rarer führen sie sie an. Da ist es richtig und gerecht, Frauen endlich Gelegenheit zu geben, sich im Amt zu erproben, ganz unabhängig davon, ob sich dadurch etwas ändert oder bessert.

«Jung» – im Gegensatz zu alt, altmodisch, immer gleich, nicht mehr zeitgemäss – warum nicht? Ein alterndes Publikum wird womöglich ergänzt durch ein jüngeres, wenn an der Spitze der Institution junge Leute wirken. Leute, die wissen, worauf es ankommt, um Altersgenossinnen und -genossen mehr Gelegenheiten zu bieten, ins Theater, ins Konzert, zu Tanzvorstellungen zu gehen: Kinderhütedienste, anders angesetzte Aufführungszeiten, eventuell kürzere Vorstellungen und dergleichen. Und vielleicht auch Veranstaltungen zum einen und anderen Thema, das Jüngere womöglich mehr beschäftigt als Ältere.

Eine junge Frau also könnte einiges in Bewegung setzen. Das Haus öffnen für die, die es nur oder vorwiegend von aussen kennen. Mit den Ensembles zu den Leuten fahren, aufs Land und sich dort vorstellen. Anlässe organisieren, an denen etwa betagte oder kranke und auf Begleitung angewiesene Menschen gratis oder sehr günstig eingeladen und womöglich abgeholt werden und sich willkommen fühlen.  Zeigen, dass Konzert Theater Bern das Orchester und das Theater und das Tanzhaus der Bevölkerung ist, der ganzen Bevölkerung, und dass es der Leitung nicht egal ist, ob die Leute kommen oder nicht. Das und noch viel mehr: mit den Ausländerinnen und Ausländern. Mit den Schülerinnen und Schülern. Mit Alleinerziehenden und ihren Kindern. Und so fort.

Mehr, nicht weniger Kunst

Wo bleibt bei so viel Kümmern um die Leute denn die Kunst? Sie bleibt, erstens, wo sie schon ist: Auf der Bühne. Neue Leute, mehr Leute ansprechen, heisst nicht, bei der Kunst Konzessionen machen. Es bedeutet, für die Kunst bei den Leuten zu werben im Interesse sowohl der Künstlerinnen und Künstler als auch des Publikums. Und mit mehr Publikum kommt, zweitens, mehr Kreation ins Haus. Wie das? «Auch der Zuschauer handelt», hat der französische Philosoph und Kunsttheoretiker Jacques Rancière geschrieben: «Er beobachtet, er wählt aus, er vergleicht, er interpretiert. Er verbindet das, was er sieht, mit vielen anderen Dingen, die er gesehen hat, auf anderen Bühnen und an anderen Arten von Orten. Er erstellt sein eigenes Gedicht mit den Elementen des Gedichts, das vor ihm ist.» Die Leute im Publikum «sind somit distanzierte Zuschauer und aktive Interpreten des Schauspiels, das ihnen geboten wird».

Mehr Leute bedeutet also nicht weniger Kunst, sondern mehr und vielfältigere und letztlich wirkungsvollere Kunst. Kunst, die in die Gesellschaft wirkt. Wer, wenn nicht eine Werbefachfrau, soll dies mit Aussicht auf Erfolg anpacken? Ich hoffe für uns alle, dass es ihr gelingt!

Ehrenamt für 40'000 Franken?

Wie man hört, wurde Benedikt Weibel für das Präsidium mit 40‘000 Franken im Jahr entschädigt (und der Präsident der Dachstiftung Kunstmuseum-Zentrum Paul Klee mit 50‘000 Franken). Das ist eine stolze Summe für die Leitung eines strategischen Gremiums mit ein paar Sitzungen und weiteren Treffen. Dafür arbeitet – zum Beispiel – eine Grundstufenlehrerin etwa ein halbes Jahr.

Die Summe ist – unabhängig von der Frage, ob ein Mann sie kassiert oder eine Frau – meines Erachtens unangemessen hoch. Dies aus zwei Gründen: Zum einen scheint sie ein gerüttelt Mass an persönlicher Verantwortung widerzuspiegeln. Solche Verantwortung gibt es aber nicht, denn weder fällt das Präsidium eigene Entscheide, noch haftet der Stiftungsrat als Kollektiv – kostspielige Beschlüsse, wie die Freistellung der Schauspieldirektorin Stephanie Gräve vor einen Jahr gehen zu Lasten der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen.

Zum andern höhlt eine Entschädigung in der genannten Höhe den Charakter des Ehrenamts aus. In der Bevölkerung, der die Stiftung KTB gehört (Stifter und Subventionsgeber sind die Stadt, der Kanton und die Regionalkonferenz – also wir alle), ist es eine Ehre, in einem Amt freiwillig zu wirken. Es ist fast eine Verpflichtung, wie in kleinen Gemeinden die Übernahme eines Amts im Gemeinderat. Je mehr solche Ämter substantiell honoriert werden, desto mehr entleert sich ihr Sinn. Das ist in einer Gesellschaft und in einer Kulturszene, die von Freiwilligenarbeit lebt, gefährlich. Und es verhöhnt die vielen anderen, die um Gotteslohn Milizarbeit leisten. Hier scheint mir Geld nicht nur am falschen Ort, sondern geradezu kontraproduktiv ausgegeben zu werden.

Wahl über den «inneren Kreis» hinaus

Ein Letztes. Einmal mehr durften wir von aussen beobachten, wie Ämter vergeben werden. Einmal mehr gab es Indiskretionen, Bruchstücke von Informationen, von Dementis, von Nichts-sagen-wollen. Zuerst sollte Marcel Brülhart auf den Schild gehoben werden, dann war von Alex Tschäppät die Rede, Katrin Diem hätte es gern gemacht, nachher kam Barbara Egger, weitere Namen prominenter Frauen tauchten auf und wieder ab – bis jetzt endlich Nadine Borter präsentiert wird.

Sie kann nichts für das Theater um das Theater. Das halb öffentliche Hin-und-Her ist gewiss kein Meisterstück des Stiftungsrats, des Gemeinderats, des Regierungsrats. Ohne die Befähigung von Nadine Borter in Zweifel ziehen zu wollen – wäre nicht auch ein anderes Vorgehen denkbar (gewesen) als die Vorbereitung im abgedunkelten Raum? Ein Vorgehen, bei dem die Wahlbehörde das Amt öffentlich ausgeschrieben hätte mit Beschreibung der Aufgabe, des Anforderungsprofils, vielleicht weiterer Erwartungen? Jede Frau, jeder Mann hätte sich bewerben können. Am Schluss hätte – wie jetzt eben – der Gemeinderat gewählt.

Der Vorzug? Ein klar geregelter Vorgang. Eine Möglichkeit, über den Kreis der Personen hinaus, die man irgendwie zu kennen glaubt, neue Gesichter zu entdecken. Eine Chance, glaubhaft zu machen, dass es wirklich auf Eignung, Fähigkeit und Engagement ankommt, und nicht auf Zugehörigkeit zu einem «inneren Kreis». Für die offene Gesellschaft und ihr Theater, ihr Orchester und ihr Tanzkorps wäre dies wichtig. Hoffentlich kommt es so beim nächsten Mal.