Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

KOLUMNE /

Beat Allemand

10.02.2017 | 18:39

Unser Kolumnist macht sich Gedanken zu «alternativen Fakten» und deren Auswirkungen auf die Demokratie. 

Vor einiger Zeit war ich in Rom. Es gibt dort in der romanischen Kirche Santa Maria eine «Bocca della verità». Es handelt sich dabei um ein Marmorrelief, das den Kopf des Flussgottes Triton abbildet. Einer alten Legende nach verliert jeder seine Hand, der sie ihm in den Mund legt und dabei nicht die Wahrheit sagt. Das scheint eine gewisse Faszination zu haben, denn es stehen Schlangen von Touristen vor dem Relief und warten nur darauf, ihre Hand in den Mund zu tauchen. Wenn sie dann an der Reihe sind, das Schicksal herauszufordern und etwas zu erzählen, das ein wenig geschwindelt ist, dann aber trotzdem mit zwei gesunden Händen wieder von dannen ziehen, erscheint auf den meisten Gesichtern so etwas wie eine gewisse Erleichterung. Zum Glück behält die «Bocca della verità» die kleinen geheimen Unwahrheiten der Touristen für sich.

Ich dachte kürzlich daran, als Donald Trumps Pressesprecher bei seiner ersten Pressekonferenz im Weissen Haus entgegen allen offensichtlichen Tatsachen behauptete, die Zuschauermenge bei der Amtseinführung Trumps sei die grösste aller Zeiten gewesen. Das war gelogen. Zahlen sind nicht elastisch, sie sind von unbarmherziger Eindeutigkeit: Entweder stimmen sie oder sie sind falsch. Trump und seine Mitarbeiter nennen solche Behauptungen seit neustem «alternativen Fakten». Bewusst verwischen sie damit die Grenze zwischen Tatsachenwahrheiten und Meinungen. Im Gerangel um Macht und Einfluss bleibt die Wahrheit meist auf der Strecke (man denke etwa an die Rechtfertigung für die amerikanische Invasion im Irak!).

Ich ärgere mich, wenn Menschen lügen. Wie kann ich ihnen zuhören, wenn ich nicht weiss, ob die Worte stimmen oder nicht? Wer vertrauen gewinnen will, wem daran gelegen ist, dass ihm zugehört wird, der wird nicht lügen wollen. Wenn Menschen lügen, verliere ich die Lust, ihnen zuzuhören. Es ist, als hätten wir uns nichts mehr zu sagen. Besonders stossend ist es, wenn Menschen vorgeben, lautere Motive zu verfolgen, und dabei geschickt die öffentliche Meinung mit den Mitteln der Lüge, der Übertreibung, der Verunglimpfung bedienen – und dabei noch erfolgreich sind.

Aus anderen Kontexten wissen wir, dass im Kampf für die Wahrheit und für eine Gesellschaft, in der nicht mehr gelogen wird, zuweilen – gelogen werden muss. Ich denke dabei etwa an den politischen Widerstand gegen den europäischen Faschismus. Auf das Mittel der Lüge zu verzichten, wäre manchmal tödlich für viele gewesen, es bedurfte also des Mutes zum Lügen, zur Täuschung, zur Verstellung. Mit absoluter Ehrlichkeit hätte man wohl nichts ausrichten können. Und wenn letzten Endes etwas Gutes herauskommt, wäre es töricht, sogleich «Lüge!» zu rufen.

Bei Präsident Trump ist es anders. Er beherrscht die Kunst des Lügens für seine Macht und bedient mit ihr die kurzfuttersüchtige Presse. Er setzt Wörter in die Welt, was Wahrheit ist, spielt keine Rolle. Es geht immer um seine Person. Damit wird die Demokratie, auf die wir mit Recht stolz sind, letztlich ausgehöhlt.