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KOLUMNE /

Manuel C. Widmer

27.01.2017 | 05:31

Unser Kolumnist mcw ist Stadtrat der GFL, die den neuen Stapi stellt. Und misst den Graben aus, den die Berner Medien rund um die Wahl beschwören.

Stadtbach von Bern: Grosser Graben oder überschreitbares Rinnsal? (Bild: mcw)

1980 erschien der 25. Asterix-Band: «Le Grand Fossé» – «Der grosser Graben». In einem gallischen Dorf herrscht Krieg. Deshalb wurde dort ein Graben ausgehoben, der das Dorf teilt. Die Einwohner sind unterschiedlicher Meinung: Die einen wollen Griesgramix als Dorfhäuptling, die anderen Grobianix.

Am 16. Januar, nach der Stapi-Wahl, waren in Berner Zeitungen Artikel zu lesen, die sich des Satzes «Gräben zuschütten» häufiger bedienten als oben erwähnter Comic. Gräben in der Bevölkerung wurden beschrieben, Gräben in der Parteienlandschaft. Es wurde gewerweisst, ob und wie diese Gräben überwunden werden könnten. Verschiedene Szenarien wurden ausgebreitet – vom Zusammenraufen bis zum schnellen Ende von RGM wurde nichts ausgelassen.

Nicht erst zwischen erstem und zweitem Wahlgang um das Amt des Stadtpräsidiums wurde der grosse Graben zum Thema – schon vorher, insbesondere während des Nominationsverfahrens in den RGM-Parteien für die Gemeinderatswahlen. Es wurde die Spaltung der Grünen ebenso zum Thema wie das Ende des Bündnisses. Und als klar war, dass die Endausmarchung um das Stapi-Amt zwischen Rot und Grün stattfand, wurde ein Bruch zwischen der SP und der GFL ebenso beschworen, wie der Bruch bei den Grünen, nachdem das GB als grüne Partei die Unterstützung der roten Kandidatin beschlossen hatte. Gräben noch und nöcher...

Nur der Graben selber – der wurde höchstens zwischen Zeitungsseiten und in den sozialen Medien erlebbar. Im Alltag: Fehlanzeige! Ausser, man mag ein paar Nicklichkeiten zwischen WahlhelferInnen an den Flyerverteil-Hotspots zum Graben hochstilisieren.

Langweilig?

Langweilig sei der Wahlkampf zwischen «die Stapi» und «my Stapi», schrieben die Zeitungen. Es fehle das Feuer. Nicht zum ersten Mal liessen die Titel in Berns Zeitungen ahnen, wem der Graben fehlt, wer gerne hätte, das sich – wie im Comic – die linke und dir rechte Dorfhälfte die Köpfe einschlagen.

Nur: Wie kann man sich darüber wundern, dass KandidatInnen zweier Parteien, welche seit 1992 in einem gemeinsamen Bündnis Politik entwerfen, diskutieren und umsetzen, in den meisten Punkten eine ähnliche bis gleiche Position vertreten? Sechsmal haben die Kontrahenten gemeinsame Wahlplattformen verfasst, gemeinsame Ziele definiert und versucht, diese gemeinsam umzusetzen. RGM hat in dieser Zeit nicht nur viele Gemeinsamkeiten entwickelt, sondern auch eine interne Streitkultur – denn das macht Politik aus: das Ausdiskutieren von Ansichten, manchmal auch das Streiten, um dann eine gemeinsame Position zu definieren.

Gut für Bern – aber offensichtlich schlecht für die schreibende Zunft. Diese zeigt sich in letzter Zeit im Stadtrat mit abnehmender Kadenz. Wohl auch, weil die Resultate klar sind und die Reibereien meist schon im Vorfeld in der Zeitung ausgetragen werden. Natürlich sind Stadtratssitzungen kaum «first choice» für einen Zeitvertrieb am Donnerstagabend. Wer die Debatten da aber verfolgt, stellt fest, das gerade innerhalb von RGM durchaus eine Streitkultur existiert, die funktioniert – gepaart mit einer allseitigen hohen Toleranz gegenüber «Anfeindungen». Anlässe für «grosse Gräben» gab es auch in den letzten 24 Jahren – gegeben hat es maximal ein paar Risse.

Kein Wunder also, sollte der langweilige Wahlkampf etwas befeuert werden. Und da sich inhaltliche Gräben kaum ausloten liessen, wurden andere gegraben. Ein Beobachter im Ausland, der sich als Quelle nur der Presse bediente, hätte den Eindruck bekommen können, der Stadtbach sei zum «Grossen Graben» verkommen und teile die Stadt in zwei angriffslustige Stadtteile, die sich zwar nicht mit stinkenden Fischen, aber dafür mit vollen oder leeren Flaschen die Köpfe einschlagen.

Eingeschlagen wurden Köpfe nur virtuell. Tatsächlich wurde dann und wann mit härteren Bandagen gepostet. Vor allem aber in den Online-Kommentaren unter den Befeuerungsartikeln. Oder auf Twitter und Facebook.

Auftritt Destructivus

Im Gegensatz zum Comic-Original hat sich in Bern eine Figur aus einem anderen, älteren Asterix-Band in die Handlung geschlichen: Tullius Destructivus, der von Cäsar im Band «La Zizanie» in das gallische Dorf geschickt wird, um Zwietracht zu säen.

Bis jetzt ist Destructivus' Saat kaum aufgegangen. Und ich hege grosse Hoffnung, dass die paar Samen, die noch irgendwo rumliegen, nicht aufkeimen werden. Einerseits, weil jetzt mal drei Jahre Wahl-Ruhe herrscht. Aber auch, weil die Stadt Bern keine Stadt der Hitzköpfe und Scharfmacher ist. Das Wasser fliesst weiterhin den Stadtbach runter – und sogar ein paar Meter rauf – und die allermeisten können mit einem Hüpfer auf die andere Seite setzen.

Ich wünsche allen GemeinderätInnen eine konstruktive Zusammenarbeit im Geiste der letzten 24 Jahre, den Wahlkomitees eine gute Erholung und Bern, dass es von der kleinen Konkurrenz zwischen Rot und Grün auch weiterhin profitiert. Und dass wir am nächsten Bern-Fest alle am gleichen runden Tisch sitzen, gemeinsam saftige Wildschweine oder vegane Galettes essen, und darüber lachen, dass der «Herr der Misstöne» gefesselt im Baum hängt. Beim Teutates!