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KOLUMNE /

Simon Küffer

20.01.2017 | 05:12

Unser Kolumnist hat es nie richtig begriffen: warum finden alle Leute Steuern so Scheisse? Steuern ermöglichen Demokratie und sind der letzte Ort ausgleichender Gerechtigkeit.

Vorstellungen aus Disneyfilmen: Prinz John auf seinen Steuereinnahmen. (© Disney)

Steuern haben einen unglaublich schlechten Ruf. Selbst bei vernünftigen Freunden hält sich hartnäckig die Vorstellung, der böse Staat nähme einem sein Hartverdientes weg: erwachsene Köpfe mit kindlichen Bildern von Prinz John, der auf den Geldsäcken der Hungernden sitzt. Das Gegenteil ist der Fall: Steuern sind vielmehr der kollektiv organisierte Robin Hood – sie nehmen den Reichen und geben den Armen.

Was geben mir denn bitte die Steuern? mag man fragen. Nun, das fängt frühmorgens an: Sie schalten das Licht an (Energie, mit Steuern bezahlt), Sie benutzen die Toilette (Kanalisation, mit Steuern bezahlt), nehmen eine Dusche (sauberes Wasser, mit Steuern bezahlt), putzen sich die Zähne (Forschung, mit Steuern bezahlt), essen ein gesundes Frühstück (Lebensmittelkontrolle, mit Steuern bezahlt), kleiden vielleicht Ihr Kind für die Schule (Bildung, mit Steuern bezahlt), gehen wohlbehütet über die dunkle Strasse (Sicherheit, mit Steuern bezahlt) und nehmen den Zug (öffentlicher Verkehr, mit Steuern bezahlt) in die Stadt. Dies alles in einer knappen Stunde.

Denken Sie bitte nicht, mit Ihren lächerlichen Stromgebühren oder Bahntickets wären diese Leistungen ja schon bezahlt. Denken Sie bitte noch weniger, wenn Sie keine Steuern zahlten, könnten Sie sich diese Dinge ja privat leisten. Glauben Sie wirklich, in einem kaputten Staat gehörten Sie zu den Privilegierten, die sich Villen mit privaten Abwassersystemen, privaten Schulen und kleinen Privatarmeen leisten können und sich hinter Mauern vor den Slumbewohnern schützen? Nein, Sie wären – rein statistisch gesehen – ein Slumbewohner. Und nur als Nebenbemerkung: diese Staaten sind kaputt, weil ihre Reichen keine Steuern zahlen – sie verstecken ihr Geld in Steueroasen wie der Schweiz.

Stellen wir uns eine Gruppe Menschen vor, die alle unterschiedlich viele Kekse haben: die meisten haben vielleicht 5, viele haben 10, ein paar haben 100 und ein paar wenige haben 1000. Nun müssen alle einen bestimmten Anteil, einen bestimmten Prozentsatz in einen Pott werfen, aus dem dann jeder gleich viele Kekse kriegt. Es leuchtet nun ein, dass die mit wenigen Keksen einen möglichst grossen Anteil abgeben möchten, weil sie dann vielmehr zurückkriegen. Genau das ist das Prinzip der Steuern: prozentual hohe Steuern sind gut (und progressive noch besser), ausser man ist steinreich. Und in dem Fall hat man sowieso genug.

Aber genau hier wird es nun spannend: die mit vielen Keksen drohen nun, unsere Gruppe zu verlassen, weil sie so viele abgeben müssen – obwohl sie nach Abgabe immer noch hundertmal mehr Kekse haben als wir. Ginge es tatsächlich nur um Kekse, würden wir sagen: dann geh halt, wir brauchen keine Arschlöcher. Im Falle der Steuern aber setzen sie damit nicht weniger als die Demokratie ausser Kraft. Denn erstens ist mit Erpressung keine freie Entscheidung möglich, und – viel wichtiger – zweitens bekommt ja die Demokratie zu einer Farce, wenn sie gar keine Mittel mehr zum Handeln hat.

Und genau deshalb ist diese Abstimmung tausendmal wichtiger als all die stupide Symbolpolitik, mit der man uns in den letzten Jahren zugeschwemmt hat (Minarettverbot, Burkaverbot, blablabla): ohne Steuern keine Demokratie! Denn hier wird ja erst das Fundament gelegt, um überhaupt entscheiden und handeln zu können: die finanziellen Mittel. Das Volk kann z.B. noch lange entscheiden, es möchte jetzt Burkas verbieten, wenn sie die Polizisten gar nicht bezahlen kann, um dieses Verbot durchzusetzen – nicht zu sprechen von tatsächlich wichtigen (und menschlichen) Anliegen.

Man ist besorgt um die schwindende «Souveränität des Volkes», um die unvorstellbare wirtschaftliche Ungleichheit, um die Millionen Flüchtlinge, die weltweit unterwegs sind – hier ist die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun: eine wahrhaft demokratische Entscheidung treffen und sich nicht erpressen lassen, die Reichen dazu zwingen, ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten – gerade auch in den Ländern, die das am meisten nötig haben.

NEIN zur Steuerreform! – nicht nur für den Mittelstand, sondern für die Demokratie, für unsere Kinder, für alle Menschen weltweit.

PS: Und übrigens: wenn das keine Gruppe mehr akzeptiert, dann kann der mit den 1000 Keksen gar nirgends mehr hin. Ich zumindest will nicht als die Gruppe bekannt sein, die die Arschlöcher ermöglicht...