Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Kommentar /

Christoph Reichenau

Jetzt gilt es, sich zusammenzuraufen

Alec von Graffenried ist Berns neuer Stadtpräsident. Zu hoffen ist, dass ihn seine Handicaps nicht zum reinen Moderator der politischen Interessen werden lassen.

Am Ergebnis gibt es nichts zu deuteln. Mit 57,9 Prozent der Stimmen wurde Alec von Graffenried zum neuen Stadtpräsidenten von Bern gewählt – Respekt und Gratulation. Ursula Wyss, Vertreterin der bei weitem grössten Partei, endete bei 42,1 Prozent – eine Enttäuschung. Sie verdient Anerkennung dafür, trotz ungemütlicher Ausgangslage zum zweiten Wahlgang angetreten zu sein und deutlich gemacht zu haben, dass sie gerne Stadtpräsidentin geworden wäre. Die Wahlbeteiligung von 50 Prozent zeigt, wie wichtig es den Bernerinnen und Bernern war, zwischen zwei valablen Persönlichkeiten entscheiden zu können. Im Vorfeld hatte es da und dort geheissen, es gelte das Resultat des ersten Wahlgangs zu akzeptieren und auf einen zweiten Urnengang zu verzichten. Das Interesse der Wählerinnen und Wähler macht deutlich, wie falsch dies gewesen wäre.

Verloren hat die Wahl eine starke, engagierte, ambitionierte Frau mit Profil, die sich nicht scheute, wirkliche Probleme wie die politische Rechtlosigkeit einer grossen Zahl in Bern lebender Menschen anzusprechen. Immer wieder war zu hören und zu lesen, sie fordere viel von ihren Mitarbeitenden und gehe mit ihnen ruppig um. Andere kritisierten, sie vertrete ohne eigene Meinung stur die Auffassungen ihrer Chefbeamten. Vorgeworfen wurde ihr die Professionalität im Politikmachen, der Ehrgeiz in ihren Zielen. Einige lächelten über die Art, in der sie öffentlich redete. Wenig Beachtung fand, welches Programm für Bern Ursula Wyss vorschlug.

«Der Traum aller Schwiegermütter als Stadtoberhaupt. Dass dies vielleicht zu schön ist, um wahr zu sein, hinderte eine Mehrheit nicht am Träumen.»

Christoph Reichenau

Insgesamt stand im Wahlkampf das Persönliche viel stärker im Scheinwerferlicht als der politische Inhalt. Dies nützte Alec von Graffenried, der sich so lange wie möglich erklärtermassen nicht zu Inhalten äussern wollte – und sich dennoch verbat, eine leere Projektionsfläche zu sein. Cool und entspannt wie er sich gab, ein bisschen über dem politischen Alltag schwebend, gelang es ihm, sich als Moderator eher denn als Präsident zu präsentieren. Der Schwiegermuttertraum als Stadtoberhaupt. Dass dies vielleicht zu schön ist, um wahr zu sein, hinderte eine Mehrheit nicht am Träumen. Die Mehrheit setzt sich aus Angehörigen vieler Netzwerke zusammen, die unterschiedlich transparent geworden sind.

Der patente Kerl also, nicht die speedige Frau. Für eine Stadtpräsidentin ist die Zeit offensichtlich noch nicht reif. Dass die Mehrheit vermutlich nicht bewusst gegen eine Frau votierte, sondern mit unbewussten Bildern und Vorstellungen, macht die Entscheidung bedeutsam. Und dass wohl auch in der SP und im Grünen Bündnis einige Frauen gegen die Kandidatin entschieden, macht es nicht besser.

Was ist jetzt? Bern hat einen Stadtpräsidenten mit einer Wählerbasis, die sich von der GFL bis weit ins bürgerliche Lager erstreckt. Er wird, so gesehen, neben Reto Nause im fünfköpfigen Gemeinderat in der Minderheit sein. Hinzu kommt, dass er wegen seiner beruflichen Vergangenheit  ab und zu bei Geschäften seiner Präsidialdirektion – zu der das Stadtplanungsamt gehört – in den Ausstand treten muss. Das macht ihn nicht zur lahmen Ente, aber zum scharf beobachteten Planungsdirektor, und das ist gut so. Zu hoffen ist, dass die Handicaps den Präsidenten nicht zum reinen Moderator der verschiedenen politischen Interessen werden lassen, als der er im Wahlkampf erschienen ist.

Der lange Wahlkampf, der bereits im Frühjahr 2016 begonnen hat, ist zu Ende. Die neuen Behörden der Stadt – der Stadtrat und der Gemeinderat – können definitiv ihre Arbeit aufnehmen. Im Gemeinderat besteht diese – abgesehen von der Leitung der einzelnen Direktionen – darin, sich jede Woche zur Behandlung der Geschäfte zusammenzuraufen. Zu fünft, mit dem Stadtschreiber zu sechst, um einen Tisch zu sitzen und konstruktiv zu diskutieren ist nach so langer Zeit der Konkurrenz und Gegnerschaft nicht selbstverständlich. Dennoch ist es das, was wir alle, Wählerinnen und Wähler, jetzt erwarten. Die Tränen des Siegers, die mutige Vernunft der Verliererin, sie lassen Gutes hoffen. Wenn durch die Zeit des harten Kampfs der gegenseitige Respekt gewachsen ist, können die Verletzungen heilen.