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Journal B

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So war es auf dem Bock

Zwei Journal-B-Vorstandsmitglieder, die Stadtratspräsidenten waren, im Gespräch über ihre Amtsjahre 2010 und 2016.

Thomas Göttin, 2016 auf dem Bock, hier bei seiner Wahl (Bild: Riesen)

Beide sitzen im Vorstand von Journal B. Und beide waren höchste Berner. Urs Frieden (GB, Stadtratspräsident 2010) im Gespräch mit Thomas Göttin (SP, Stadtratspräsident 2016) zu den Erfahrungen auf dem «Bock». So wird das erhöhte Präsidiumspult im Ratssaal genannt.

Urs Frieden: Thomas, welche persönliche Bilanz ziehst Du nach Deinem Amtsjahr?

Thomas Göttin: Der Stadtrat hat in einer guten Ratskultur deutlich mehr Geschäfte behandelt als in den letzten Jahren. Damit hat er als wichtige demokratische Institution seine Aufgabe besser auf der Höhe der Zeit wahrnehmen können als auch schon. Das freut mich und macht mich auch etwas stolz. Zudem habe ich an vielen Anlässen wunderbare und engagierte Menschen in einer hellwachen Stadt angetroffen und ihnen die Wertschätzung der offiziellen Politik überbringen können.

UF: Der Abbau des Pendenzenbergs, den Du als erstes ansprachst, war mir auch wichtig. Aber ich schwankte als Stadtratspräsident immer zwischen Effizienzdenken und dem Laufenlassen inhaltlicher Debatten. Wie hast Du diese Situation gelöst?

TG: Mit einer Wette: Mit Christa Ammann von der Alternativen Linken war ausgemacht, dass ich nie von «Effizienz» sprechen werde. Das hat meine Einstellung beeinflusst: dass nämlich für die Parlamentsmitglieder zurecht die inhaltlichen Debatten im Zentrum stehen. Was wiederum paradoxerweise dazu geführt hat, dass sie kürzer wurden.

UF: Was waren Deine Highlights im Amtsjahr?

TG: Es war für mich ein bewegender Moment, als der Könizer Parlamentspräsident im Berner Rathaus die Leitung des ersten informellen Treffens der beiden Parlamente übernahm. Immerhin bestehen die beiden Gemeinden seit Jahrhunderten nebeneinander. Und nie hätte ich erwartet, dass ich zusammen mit meiner Partnerin in Bern ein Schiff taufen würde. Auch die Auftritte mit Nationalratspräsidentin Christa Markwalder bei der Stadtratsband «Fraktionszwang» und der Aareschwumm mit dem deutschen Botschafter werden mir in bester Erinnerung bleiben. Verpasst habe ich leider den Ball der Verteidigungsattachés im Bellevue...

UF: Bei mir war das Highlight auch ein Zusammentreffen zweier verwandter Parlamente: die gemeinsame Parlamentssitzung mit dem Kinderparlament. Verbunden aber auch mit dem Tiefpunkt: den Protesten der SVP-Fraktion, weil der damalige Präsident des Kinderparlaments aus dem Kosovo stammt.

TG: Wie siehst eigentlich Du mit einem Abstand von nun sechs Jahren dein Jahr als Stadtratspräsident?

Urs Frieden, 2010 auf dem Bock, hier mit der Glocke des Stadtratspräsidenten (Bild: Blatter)

Urs Frieden, 2010 auf dem Bock, hier mit der Glocke des Stadtratspräsidenten (Bild: Blatter)

UF: Es war ein intensives, anstrengendes Jahr, mit Ups und Downs, wie das obige Beispiel zeigt. Der verschärfte Ton im Parlament und die Einsamkeit des Amtes, das ist nichts für Sensibelchen. Mehrheitlich hatte ich Spass, aber in schwachen Stunden dachte ich mir, wieso ich mir das antue. Und wie hast Du alles unter einen Hut gebracht? Du bist ja unter anderem auch noch Kommunikations-Chef beim Bafu...

TG: Ich hatte dieses Jahr zum Glück mehrere Hüte, einen edlen Barsisio für den Neujahrsempfang, einen Hut wenn's regnet, den Velohelm für schnelle Fahrten. Aber nein, ich kann sehr gut abschalten und den Moment geniessen.

«Ich weiss nit wohin»

UF: Welchen Stellenwert wird dieses Amt in Deiner Biografie einnehmen?

«Ich fahr und weiss nit wohin, mich wundert dass ich so fröhlich bin»

Inschrift

TG: Es war sich eine grossartige Erfahrung. Ich würde das nicht als Höhepunkt bezeichnen, denn dahinter steht eine Vorstellung von Auf- und Abstieg, was mir fremd ist. «Ich fahr und weiss nit wohin, mich wundert dass ich so fröhlich bin», diesen Spruch habe ich auf einer wochenlangen Wanderung durch die Schweiz einmal an einer Scheune angetroffen, und er begleitet mich seither.

UF: Früher war man als Stadtratspräsident schon fast im Vorzimmer zum Gemeinderat. Seit Adrian Guggisberg (CVP, Stadtratspräsident 1989) hat das niemand mehr geschafft. Seither markiert das Amt eher das Ende einer politischen Karriere...Bei dir auch?

TG: Gerade das Beispiel Guggisberg zeigt, dass aus einem Stadtratspräsidenten nicht zwingend ein erfolgreicher Gemeinderat geworden ist... Politisch werde ich sicher aktiv bleiben, doch Karriereplanung ist nicht so mein Ding. Aber auch Du bist ja weiterhin politisch engagiert, und bei Journal B sind wir gar gemeinsam unterwegs.

UF: Und doch wäre es zu wünschen, dass dieses Amt auch ein Sprungbrett sein kann. Meine Partei, das Grüne Bündnis, portiert nächstes Jahr mit Regula Bühlmann eine Politikerin und Gewerkschafterin, die mit knapp 40 Jahren ihre Karriere noch vor sich hat. Nicht so wie bei uns.

TG: Regierungs- und Parlamentsarbeit unterscheiden sich stark. Man sollte das Stadtratspräsidium nicht «nur» als Sprungbrett betrachten. Politische Erfahrung ist eine wertvolle Voraussetzung dafür, die aber natürlich auch jüngere PolitikerInnen mitbringen.

UF: Zum Schluss dieses Gesprächs möchte ich Dich in der Vereinigung der Ehemaligen Stadtratspräsidentinnen und Stadtratspräsidenten willkommen heissen! Wirst Du an unseren Aktivitäten teilnehmen?

TG: Da muss ich schmunzeln. Denn als ich vor drei Jahren gerade erst zum 2. Vizepräsidenten gewählt wurde, war meine allererste Einladung jene zum Treffen der ehemaligen Stadtratspräsidenten. Was macht ihr genau?

UF: Keine Angst, wir treffen uns nur einmal im Jahr. Wir machen eine Führung durch ein spannendes Gebäude, zum Beispiel das Haus der Religionen oder die ewb-Energiezentrale, und gehen dann zusammen essen. Aber politisch melden wir uns nicht zu Wort. Das könntest Du ja ändern, so wie sich die Alt-Bundesräte und alt-Bundesrätinnen bei der Durchsetzungsinitiative zu Wort gemeldet haben...

TG: Ich habe den Eindruck, dass die Politikwissenschaft an einem Mangel an Wissen und Interesse an praktischen Fragen der politischen Arbeit leidet. Vielleicht könnten wir Wissenschaft und Praxis wieder näher zusammen bringen, gerade auch in Bern, das sich ja gerne als Politzentrum der Schweiz ausgibt.