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Kommentar /

Christoph Reichenau

Seltsam vertraut

Um 1920 notierte der Journalist Konrad Heiden nach einer Hitler-Rede: «Alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, und überhaupt alles so lächerlich, dass jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse.» Nicht alle sahen das so.

«Alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, und überhaupt alles so lächerlich, dass jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse. Stattdessen sassen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesichte geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede schon gar nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte.»

So beobachtete der Journalist Konrad Heiden seit den 1920er Jahren Auftritte Hitlers in Deutschland.

In diesen Tagen kommt uns diese Beobachtung seltsam vertraut vor. Am 20. Januar wird Donald Trump als Präsident der USA eingesetzt. Auch wenn niemand sagen kann, dass es mit Trump, Le Pen, Wilders, Orban, Johnson und Konsorten wieder kommen könnte wie vor fast hundert Jahren, die Ängste und Sorgen vieler Menschen sind da.

Die amerikanische Historiker Anne Applebaum sagte im «Bund»-Gespräch vom 27. Dezember 2016: «Ich sage nicht, dass es mit Hitler und einem Massenmord an den Juden enden muss. Aber es liegt etwas Ähnliches in der Luft. […] Während der grossen Depression in den 1930er-Jahren zweifelten die Leute am Kapitalismus und an der liberalen Demokratie. Sie glaubten nicht mehr daran, glaubten, ‘das System’ sei schwach. Es sind die gleichen Dinge, die man heute bei der extremen Rechten hört – und zu einem gewissen Masse auch bei der extremen Linken.»

Wenn wir uns nach der Präsidentenwahl in Österreich, nach Englands Ja zum Brexit und eben der Trump-Wahl (mit immerhin 2,8 Millionen Stimmen weniger als für Hillary Clinton) heute fragen, was kommen wird, dann zählen diese Ängste und Sorgen. Sie sind ebenso ernst zu nehmen wie jene der älteren weissen Männer und Frauen in den USA, die wegen des Freihandels und des ungehinderten Kapitalverkehrs – nicht wegen der Personenfreizügigkeit – weniger verdienen oder den Arbeitsplatz und ihren ehemaligen Platz in der Gesellschaft verloren haben.

Allem Verständnis für deren berechtigte Ängste und Sorgen zum Trotz dürfen wir nicht vergessen, wem sie ihre Stimme gaben: einem rassistischen, Frauen verachtenden, lügenden, stinkreichen Geschäftemacher, der an seine «besseren» Gene glaubt und jene, die er nicht als seinesgleichen erachtet, als Verlierer verachtet. Auch seine Wählerinnen und Wähler.

Für die Präsidentschaft Trump hoffen wir. Wie es mit Hitler kam, wissen wir. Noch ein bisschen besser dank dem Buch, aus dem das Zitat am Anfang stammt – Stefan Aust: Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016, 384 S., Fr. 39.10.