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Journal B

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Abschied von der Zeitungslandschaft

MEIN BEWEGTES 2016.– 2016 wurde Radio RaBe 20 Jahre alt. Die zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen machten auch bewusst, wie stark sich die Medienlandschaft in Bern in dieser Zeit verändert hat.

Als Radio RaBe am 29. Februar 1996 seinen Betrieb aufnahm, war die Häme gross. Die Initiantinnen und Initianten, zu denen auch ich gehörte, wurden je nach Interessenlage als naive Utopistinnen verspottet oder als Totengräber eines freien und hochqualifizierten Journalismus beschimpft. Die Medienzunft war sich einig wie selten, dass dieses dritte Lokalradio in Bern keine Chance habe und auch keine erhalten solle.

Die Medienzunft war sich einig, dass Radio RaBe keine Chance habe und keine erhalten solle.

Willi Egloff

Die damals noch bestehende sozialdemokratische «Berner Tagwacht» fürchtete, dass Spenden aus dem linken Kuchen zum neuen Medium abwandern könnten. Die beiden Lokalradios «ExtraBern» und «Förderband» sahen ihre mit viel Aufwand erzielten Hörerzahlen bedroht. Ihre Financiers im Hintergrund, die beiden Tageszeitungen «Berner Zeitung» und «Bund», boykottierten den schrägen Vogel in ihrer Berichterstattung fast vollständig. Die BZ beispielsweise beschränkte sich darauf, wiederholt Zeitungsenten über die unmittelbar bevorstehende Einstellung des Sendebetriebs zu produzieren.

Zwanzig Jahre später ist alles anders. Radio RaBe krächzt lauter und selbstbewusster denn je. Es baut sein Programm langsam aber stetig aus, und die Programmqualität ist mit der eines professionell gemachten Radios durchaus vergleichbar. Viele der früheren Skeptikerinnen und Skeptiker tragen selbst zu diesem Programm bei, oder sie sind zumindest Mitglieder des Trägervereins geworden. Radio RaBe ist eine anerkannte Stimme in der Berner Medienlandschaft.

So ganz nebenbei ist Radio RaBe auch zum einzigen lokal finanzierten, tagesaktuellen Medium geworden. Die «Tagwacht» gibt es nicht mehr, ihre Nachfolgerin, die Wochenzeitung «Hauptstadt», ebenso wenig, und der «Bund» besteht gerade noch als eine Art Berner Lokalausgabe des Zürcher «Tages-Anzeigers». Die beiden kommerziellen Lokalradios haben mehrfach ihre Namen geändert und sind heute Aussenstellen eines Aargauer und eines Zürcher Verlags. Und auch über die Zukunft der «Berner Zeitung», die als einziges Printmedium noch über eine ausgebaute Redaktion verfügt, entscheidet ein Zürcher Verlagshaus.

Heute ist Radio RaBe das einzige lokal finanzierte, tagesaktuelle Medium in Bern.

Willi Egloff

Das 20-Jahr-Jubiläum von Radio RaBe führte daher nicht zuletzt auch vor Augen, wie rasch und grundsätzlich sich die lokale Medienlandschaft verändert hat und noch verändern wird: Lokale Tageszeitungen wird es relativ bald nicht mehr geben, weil der Aufwand für Herstellung und Vertrieb über Abonnements nicht gedeckt werden kann, und weil die Werbung immer stärker in andere Medien fliesst. Das Publikum orientiert sich inzwischen mehrheitlich aus den beiden Gratiszeitungen oder aus dem Internet. Auch lokales Radio lässt sich nicht nachhaltig über Werbung finanzieren, wie die kurze Geschichte von Radio ExtraBE und Radio Förderband illustriert. Kommerzielle Lokalradios können heute nur existieren, indem sie zu Anhängseln überregionaler Radioverbünde werden. Lokal überlebensfähig sind einzig Gemeinschaftsradios wie Radio RaBe, die von ihren Mitgliedern getragen werden und vom staatlichen Gebührensplitting profitieren.

«Berücksichtigt man, dass Medien eine zentrale Integrationsfunktion für die Gesellschaft erbringen, so muss man konstatieren: Die Schweiz wird über grosse Strecken durch Gratismedien zusammengehalten», schreibt der Zürcher Kommunikationswissenschaftler Mark Eisenegger in der neusten Ausgabe der «bärner studizytig». Angesichts der bescheidenen inhaltlichen Qualität dieser Blätter ein durchaus bedenklicher Befund.

Hoffentlich ist es bald möglich, für das lesende Publikum Alternativen zu den lokalen Printmedien zu entwickeln.

Willi Egloff

Die zahlreichen Veranstaltungen, mit denen RaBe 2016 seine 20-jährige Existenz feierte, haben mir immer wieder bewusst gemacht, wie wichtig solche alternativen Medien für das lokale Zusammenleben der Gesellschaft sind. Das Jubiläum hat aber auch in Erinnerung gerufen, dass tagesaktuelle Medien auf lokaler Ebene durchaus möglich sind; nicht als werbefinanzierte Unternehmen, sondern als genossenschaftlich betriebene und politisch abgestützte Dienstleistungen. Auf dieser Basis wird es hoffentlich bald einmal möglich sein, auch für das lesende Publikum Alternativen zu den aussterbenden lokalen Printmedien zu entwickeln. Zum Beispiel in Form der lokalen Onlinezeitung, die Sie gerade lesen.