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Die Wut im Nachhinein

MEIN BEWEGTES 2016. Vor der Atomausstiegsinitiative wurden für den Fall der AKW-Stillegung Entschädigungen gefordert. Jetzt fordern die gleichen Leute für den weiteren Betrieb Subventionen. Beides löst das Problem nicht.

Manchmal wächst die Wut im Nachhinein. Im November haben Volk und Stände den terminierten Ausstieg aus der Atomenergie abgelehnt. Auch der Kanton Bern sagte Nein zur grünen Initiative. Wir Stadtbernerinnen und -berner waren jedoch mit 63 Prozent für die baldige Stilllegung der Kernkraftwerke.

Das Ergebnis setzte noch am Abstimmungsabend eine gehässige Diskussion der Parteipräsidentinnen und -präsidenten über die Energiestrategie 2050 in Gang, die für die Haushalte zu teuer sei und keine sichere Energieversorgung gewährleiste. Zwei Wochen darauf kam das Begehren auf den Tisch, die AKW zu subventionieren, um ihren Nachteil im Wettbewerb mit deutschem Subventionsstrom auszugleichen.

Die gleichen Leute, die vor der Abstimmung gedroht hatten, bei Stilllegung müssten Entschädigungen bezahlt werden, fordern jetzt finanzielle Unterstützung für den weiteren Betrieb von Atommeilern, die deren Eigentümer an liebsten ins Ausland verschenken würden. Wo bleibt die Seriosität und die Nachvollziehbarkeit wirtschaftlicher und politischer Argumente? Wo bleiben die Tatsachen?

Zwei Tatsachen bleiben. Diese haben im Abstimmungskampf kaum eine Rolle gespielt. Für den Fall eines grösseren Unfalls in Mühleberg gibt es keinen fundierten Plan zur Evakuation der bedrohten Bevölkerung. Und trotz jahrzehntelanger Suche steht kein Ort in Aussicht, wo die radioaktiven Abfälle definitiv gelagert werden können. 

Definitiv bedeutet: Für Zehntausende von Jahren, bis sich die Strahlung des Abfalls auf das Niveau der natürlichen Strahlung abgeschwächt hat. Diese Zeitspanne reicht viel weiter in die Zukunft, als wir Kenntnis von der Vergangenheit haben. Wie werden die Menschen dann leben? Wie macht man ihnen die Strahlengefahr bewusst? Gibt es überhaupt sichere Aufbewahrung für so lange Zeit?

Wir wissen es nicht. Wir kennen die Gefahr, aber wir kennen keine Lösung – weder bei einem Unfall, der morgen passieren kann, noch für die vielen vielen Generationen nach uns. Dennoch lassen wir die Atomkraftwerke laufen. Das ist kurzsichtig und verantwortungslos. Und löst – siehe Subventionsforderung – kein einziges Problem. Es verschleppt nur die bekannte Lösung: Energiesparen und erneuerbare Energien. Und es macht wütend.