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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Wie wär’s mit einem Null-Energie-Quartier?

BERNER WAHLEN 2016 «Geben wir dem Gemeinderat den Kredit, das Erreichte zu konsolidieren, ohne sich dem Vorwurf der Perspektivlosigkeit auszusetzen. Aber daneben muss RGM auch zur Vision zurückkehren.»

Manuel C. Widmer ist Stadtratskandidat der Grünen Freien Liste (GFL). (Foto: zvg)

Gerne erinnere ich mich an die ersten RGM-Treffen nach den Wahlen 1992. Die grossen Konferenzen zur Stadtpolitik – weitab von der Stadt, in Frieswil. In der Euphorie des eher überraschenden ersten Wahlsieges trafen sich VertreterInnen von SP, GB, GFL, EVP, JA! und JUSOs, um dem Sieg ein Gesicht und der Legislatur einen Stempel zu geben. Vieles, was heute in Bern selbstverständlich erscheint, war damals noch eine Utopie, eine Vision.

Zum Beispiel ein Bundesplatz, auf dem nicht Autos dicht an dicht parken, sondern Kinder im Sommer in den Wasserfontänen spielen.

Nachhaltigkeit braucht Pflege: Erreichtes verwalten

RG, mal mit mehr, mal mit weniger M, trat an, um Bern zu verändern. Und hat das auch. Und heute? So visionslos wie die aktuellen Wahlplakate ist das Bündnis sicher nicht. Aber in der Realität angekommen. In den letzten Jahren wurden die grossen Visionen weniger, die «Leuchttürme» häufiger. Nach 24 Jahren scheint das Ziel ein neues, aber nicht minder schweres: Erreichtes verwalten!

Das erscheint zuerst mal langweilig. Ist aber sauschwer. Der Investitionsstau bei den Städtischen Schul- und Sportanlagen steht dafür symptomatisch. Was aufgebaut wird, braucht Unterhalt. Was für das kleine Einfamilienhaus gilt, gilt ebenso für Leuchttürme und Visionen. Nachhaltigkeit lebt auch von Pflege.

Und genau da würden – immer vorausgesetzt R, G und M erhalten weiter das Vertrauen der BernerInnen – die zwei grössten Herausforderungen in den nächsten Jahren liegen. Erhalten, ohne visionslos zu werden und Visionen zu verwirklichen versuchen, ohne zu vergessen, dass diese sorgsam behandelt werden müssen. Den Wählenden aufzeigen, erlebbar machen, dass der Erhalt der Errungenschaften der letzten 24 Jahre nicht ohne Aufwand zu haben ist. Dies aber löst weder Freudentaumel noch Feuerwerke aus – eher Ernüchterung oder gar Langeweile. Zu Unrecht! 

Geben wir dem neuen Gemeinderat den Kredit, dass er uns nicht mit immer neuen, fantastischen Projekten beeindrucken muss. Geben wir ihm den Kredit, das Erreichte zu konsolidieren, ohne sich dem Vorwurf der Perspektivlosigkeit auszusetzen.

Die grossen Würfe für die Zukunft

Aber RGM muss auch zur Vision zurückkehren. Und diese kann und darf sich nicht in einer Velobrücke erschöpfen. Wo bleiben die grossen Würfe für die Zukunft? Wo ist der mutige Blick nach vorne? Wo kann es Bern der Welt zeigen? Bern könnt ein Null-Energie-Quartier bauen, in dem Bewohner und Firmen im Sektor Energieeffizienz, Alternativenergien und entsprechende Architektur samt Baufirmen direkt mit angesiedelt sind. Ein Quartier mit neuen Ideen, was die Erschliessung und die Verkehrswege angeht. Wo neue Wohnformen (Generationen-Häuser) Platz finden. Ein Quartier, das von der halben Welt besucht wird, weil es Schule machen soll und kann. Ein Quartier, in dem neue Technologien unter realen Bedingungen ausprobiert, verbessert und optimiert werden können. So eine Vision würde Bern guttun.

Im Kleineren wünsche ich mir, dass der Jugendraum an der Nägeligasse nicht nur endlich Realität, sondern auch eine Erfolgsgeschichte wird. Der Vorplatz braucht diese Entlastung ebenso dringend wie die Jugendlichen den Raum. Und Raum brauchen die Jugendlichen auch in den Quartieren. Die Stadt muss wieder Freiräume schaffen, wo man sich aufhalten kann und mag – ohne Konsumzwang. 

Dann freue ich mich auf die erste «Quartierküche» – ein Arbeits- und/oder Integrationsprojekt, welches Essen für die KITAs und Tagesschulen im Quartier produziert, damit die Kinder lokales gesundes Essen bekommen – statt Vorgefertigtes aus Zürich.


An der zweiten Tramachse muss weitergedacht werden – eine Entflechtung des öV in der Innenstadt ist dringend. 


Als Lehrer wünsche ich mir, dass die Stadt noch mehr (oder endlich, je nach Sichtweise) die LehrerInnen-Gesundheit in den Mittelpunkt der Bemühungen stellt. Gesunde Lehrpersonen machen gute Schule! Die Stadt dürfte die Bemühungen des Erziehungsdirektors endlich mittragen und die Reformschritte entschleunigen. Keine Entschleunigung hingegen dürfen die Investitionen in den Schulraum erleben – ob es um neuen Raum geht oder um die Renovation von älteren. Schulraum muss den pädagogischen Ansprüchen genügen – Privatwohnungen und alte, von Strassen umgebene Restaurants sind dafür wenig geeignet.


Das Parlament ist kein Hundezwinger

Und ich wünschte mir eine Rückkehr zu einem respektvollen Stadtratsbetrieb. Dass Links und Rechts nicht wie die Hunde Pawlows bei jedem Reizwort zu bellen beginnen. Dass Obstruktion nicht mehr als Mittel missbraucht wird, um (mediale) Aufmerksamkeit zu erheischen und vor allem, dass nach dem Rat wieder vermehrt ein Bier zusammen getrunken wird.

Und dann wäre da ja noch der Loryplatz! Der Platz, der einst Treffpunkt eines Quartiers war und heute noch knapp als Umsteigeinsel für den öV und als Verteilkreisel für den MIV dient. Aber leider immer noch nicht als Platz fürs Quartier, für Menschen.

Und ich freue mich auf den Velo-Gegenverkehr entlang der Schwarztorstrasse. Denn dann gehört das Trottoir wieder den FussgängerInnen, welche dieses heute nicht ganz freiwillig mit vielen FahrradfahrerInnen teilen müssen.

Ja, diese Ideensammlung ist nicht sonderlich visionär. Sie besteht mehrheitlich aus Weiterentwicklung von bereits Erreichtem. Denn – wie oben beschrieben – die Herausforderung in den nächsten vier Jahren besteht vor allem darin, Errungenschaften der letzten 24 Jahre zu konsolidieren, ihnen Nachhaltigkeit zu verschaffen. Und das ist schon ein grosses Stück Arbeit. 

Journal B hat StadtratskandidatInnen vier Fragen vorgelegt mit der Bitte, sie als roten Faden für eine Stellungnahme zu benutzen. Die Fragen lauten: 1. Was bedeutet für Sie RGM resp. welche wichtigsten Errungenschaften hat RGM erreicht? 2. Worin sehen Sie die grösste Herausforderung für die städtische Politik in der nächsten Legislaturperiode? 3. Für welches Thema wollen Sie sich hauptsächlich engagieren? Mit welchen Ziel? 4. Haben Sie ganz konkrete Anliegen zu Änderungen/Neuerungen in Ihrem Quartier? Im Rahmen dieser Serie werden die Stellungnahmen dokumentiert.

Bisher erschienen:

Semiramis Mordasini (Jungfreisinnige): «Wirtschaft, Bildung und ehrenamtliche Arbeit»

Melanie Mettler (Grünliberale Partei): «Mut statt zaudern»

Rafael Egloff (JUSO): «Staatsbürgerschaft jetzt!»

Beat Wyss (PdA): «Selbstorganisiert das gute Leben erkämpfen»

Christian Pauli (GB) : «Undogmatisch, solidarisch, dynamisch»

Timur Açasayar (SP): «Chancengleichheit und Raum für alle»