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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Undogmatisch, solidarisch, dynamisch

BERNER WAHLEN 2016 «Der jugend-kulturelle Aufbruch der 80er-Jahre und der politische Umbruch in den 90er-Jahren haben mein kulturelles und politisches Selbstverständnis wesentlich geprägt. Jetzt muss diese Stadt wieder aufbrechen.»

Christian Pauli ist parteiloser Stadtratskandidat auf der Liste des Grünen Bündnisses (Foto: zvg).

RotGrünMitte heute, so wie ich das erlebe: eine lieb gewordene und leider oft auch schwerfällige Selbstverständlichkeit. Die Linken sind sattelfest. Das M bröckelt und schwadroniert, derweil die Rechten in dieser Stadt nur noch kläffen. Zwischenpositionen haben es schwer: Die liberalen Bürgerlichen etwa, die in der Kulturpolitik historisch gesehen eine wichtige Rolle spielen würden, paktieren immer wieder mit der SVP und machen so gut wie alles falsch. Es gibt keine Alternative zu RGM – und dies äussert sich mitunter im Hang zur Überheblichkeit. Aber gut (nur ein paar Beispiele): Dank RGM haben wir die Reitschule gehalten. Dank RGM sind wir endlich – eigentlich viel zu spät – auf dem Weg zu einer Velostadt, die den Namen auch verdient. Dank RGM wird das genossenschaftliche Bauen zum grossen Thema. Dank RGM kann Bern zur Hauptstadt der inklusiven und teilhabenden Kultur werden.

Verkrustungen aufbrechen

Dies ist die doppelte politische Krux in dieser Stadt: Die erfolgreiche RGM-Regierung neigt zu Verkrustung, die in 24 Jahren zwangsläufig gewachsen ist. Aber nur RGM selber kann die Verkrustung aufbrechen. Wie das geht? Ein paar Denkanstösse: Unproduktive Seilschaften kappen. Bürokratie abbauen. Mutiger werden. Kurze Wege gehen. Wir sind die Hauptstadt im Taschenformat. Small is beautiful. Alles ist da. Aber mit (zu) viel Gemütlichkeit. Ich wünsche mir einen Aufbruch. Reform von innen und unten und oben. Bern soll neu gegründet werden. Mehr Dialog und Diskurs. Eine bessere Durchmischung. Weniger Shopping in der Altstadt. Mehr Bern West im Zentrum. Bern muss wachsen, ohne grossspurig zu werden.

Bern ist undogmatisch, solidarisch, dynamisch:

• Bern in vier Jahren ist bekannt als eine Stadt, die sich aktiv um die Aufnahme und Integration von flüchtenden Menschen bemüht.

• Bern ist eine Stadt, die internationale Solidarität sucht und das bekannt macht.

• Bern stellt den Velofahrerinnen und Velofahrern ein dichtes und sicheres Radnetz und eine adäquate Infrastruktur zur Verfügung.

• Bern hat eine linke, jugendnahe Polizeiführung. (Das Sicherheitsdepartement gehört in die Hände der grössten Partei, der SP.)

• Bern betreibt eine innovative, dynamische, mutige Kulturförderung und nimmt kulturelles Schaffen als Leitmotiv der gesamten Politik auf.

• Bern spielt beim sozialen und genossenschaftlichen Wohnungsbau national eine Vorreiterrolle.

Kultur als Leitmotiv

Mein Steckenpferd ist die Kulturpolitik. Und die Stadt Bern hat sich gerade eine neue Kulturstrategie verpasst. Wie gut das passt! Denn die Kulturstrategie listet für die nächste Legislatur 2017-2020 nicht weniger als 49 direktionsübergreifende Massnahmen auf – ein Masterplan, ein Anspruch, den es nun konsequent zu verfolgen gilt. Die Kulturstrategie hat das Potential, die Stadtberner Kulturpolitik in den nächsten vier Jahren voran zu bringen. An diesem selber gesetzten Leitmotiv wird sich der neue Gemeinderat und die Verwaltung messen lassen müssen. Und der Stadtrat muss – auch finanziell – hinstehen, damit dieser Kraftakt möglich ist. Andere Schweizer Städte richten kulturell mit der grossen Kelle an. Das ist nicht der Berner Weg. Wir backen hier kleine(re) Brötchen, aber wir tun es auf unsere, alternative Weise. Die Kulturstadt Bern muss ein jüngeres, offeneres, überraschenderes Gesicht zeigen. 

Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die zehn Forderungen an die Stadtpräsidiums-Kandidatinnen und -Kandidaten, mit denen Berner Kulturschaffende die Kulturpolitik vitalisieren wollen.

Mehr Platz im Quartier

Ich wohne in einem Quartier, das keines ist. Im Altenberg reihen sich am Aarehang Häuser, Strassen und Wege aus allen möglichen und unmöglichen Epochen. Eine überraschende Vielfalt, die es zu entdecken gilt. Aber fast ohne Gastro- oder Kulturmöglichkeiten. Keine gemeinsamen Plätze. Der gemeinsame Nenner ist die Aare. Ein unglaublich grosszügiger Grünraum mitten in der Stadt. Ein Nähest-Erholungsgebiet. Dies gilt es zu schützen und sanft zu entwickeln.

Zum Beispiel der verkannte Klösterlistutz. Heute einfach nur ein Parkplatz. Ich schlage vor, dass man die dortige Tropfsteinhöhle regelmässig begehbar macht und den untersten Teil des Klösterlistutzes als Begegnungsplatz öffnet. Wie mit der Schützenmatte so mit dem Klösterlistutz: Weg mit den Autos, her mit den sozialen und kulturellen Allmend zuunterst in der Altstadt. Wir müssen den Touristinnen und Touristen auch etwas von dem bieten, was diese kleine, pralle rot-grüne Stadt ausmacht. 

Journal B hat StadtratskandidatInnen vier Fragen vorgelegt mit der Bitte, sie als roten Faden für eine Stellungnahme zu benutzen. Die Fragen lauten: 1. Was bedeutet für Sie RGM resp. welche wichtigsten Errungenschaften hat RGM erreicht? 2. Worin sehen Sie die grösste Herausforderung für die städtische Politik in der nächsten Legislaturperiode? 3. Für welches Thema wollen Sie sich hauptsächlich engagieren? Mit welchen Ziel? 4. Haben Sie ganz konkrete Anliegen zu Änderungen/Neuerungen in Ihrem Quartier? Im Rahmen dieser Serie werden die Stellungnahmen dokumentiert.

Bisher erschienen:

Semiramis Mordasini (Jungfreisinnige): «Wirtschaft, Bildung und ehrenamtliche Arbeit»

Melanie Mettler (Grünliberale Partei): «Mut statt zaudern»

Rafael Egloff (JUSO): «Staatsbürgerschaft jetzt!»

Beat Wyss (PdA): «Selbstorganisiert das gute Leben erkämpfen»