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Die Jenischen und Sinti fordern ihre Anerkennung

Am Donnerstag wird auf der Schützenmatte in Bern die Feckerchilbi eröffnet. Das traditionelle Kulturfest der Jenischen dauert bis am Sonntag (18.9.).

Warum in der Bundeshauptstadt? 30 Jahre ist es her, dass der damalige Bundesrat Alphons Egli die Jenischen und Sinti um Entschuldigung für die Verfolgung durch die Stiftung Pro Juventute bat, 40 Jahre seit der Gründung der Selbsthilfeorganisation Radgenossenschaft der Landstrasse. Und heuer ist die Petition an den Bundesrat zur Anerkennung der Jenischen und Sinti eingereicht worden. Grund genug, sich zu zeigen und zu feiern, unter sich und mit der Mehrheitsbevölkerung. Das politische und kulturelle Programm ist reich. Es gibt einen Markt, Musikstubeten, Lesungen, Filme, Puppentheater, einen Stadtrundgang, den Golowin-Abend. Aber der Reihe nach.

Bedrohte Kultur

„Der Bund kann Massnahmen treffen, um den Fahrenden eine ihrer Kultur entsprechende Lebensweise zu ermöglichen". So lautet Artikel 17 des 2012 in Kraft getretenen Kulturförderungsgesetzes. Dieses anerkennt damit implizit „die Fahrenden" als legitime und unterstützenswerte Kulturgemeinschaft in der Schweiz.

Sie selbst nennen sich nicht Fahrende, sondern Jenische oder Sinti. Die Jenischen bilden die Hauptgruppe der Schweizer Fahrenden mit einer eigenen Sprache. Die Sinti schauen auf eine lange Geschichte mit Herkunft aus Indien zurück. Jenische und Sinti – so wollen sie genannt werden. Noch besser: Jänische und Sinti. Als Schweizerinnen und Schweizer grenzen sie sich ab von den Roma, ausländischen Fahrenden, die ihrerseits indische Wurzeln haben und in grossen Trecks Europa durchfahren. Auch die Schweiz. Dabei hinterlassen sie oft Unrat, der zu Unrecht den hiesigen Jenischen „angerechnet" wird.

Die unsichtbaren Nachbarn

Die Jenischen und Sinti umfassen etwa 25'000 bis 30'000 Personen. Etwa ein Zehntel von ihnen reist regelmässig in der guten Jahreszeit umher und übt die traditionelle nomadisierende Lebensweise aus (mit Hausieren, Scherenschleifen, Altmaterial sammeln, Korben, Kesselflicken und dergleichen) mit Wohnwagen an wechselnden Durchgangsplätzen. Die grosse Mehrheit der Jenischen und Sinti ist sesshaft. Sie „sind deine Nachbarn, nur kennst du sie nicht", schreibt Daniel Huber, Präsident der Selbsthilfeorganisation Radgenossenschaft der Landstrasse in der NZZ am Sonntag.

Das war nicht immer so. Im Zug der „Aktion Kinder der Landstrasse" der Stiftung Pro Juventute wurden von 1926-1973, vom Bund offiziell unterstützt, mehr als 600 Kinder ihren jenischen Eltern weggenommen und zur Sesshaftigkeit gezwungen. Einiges wurde seither an Wiedergutmachung unternommen: Bundesrat Alphons Egli und Bundesrätin Ruth Dreifuss haben die Fahrenden öffentlich um Entschuldigung gebeten; der Bund sprach finanzielle Abfindungen; die Stiftung „Zukunft für Schweizer Fahrende" setzt sich, vom Bund mitfinanziert, für die Deckung praktischer Bedürfnisse der fahrenden Lebensweise ein. Dabei geht es um die Bildung der Kinder, um Stand- und Durchgangsplätze, um die Förderung der besonderen Sprache und Kultur.

Es darf nichts kosten

Dies alles legte bereits in den frühen 1980er Jahren ein offizieller Bericht der Bundesverwaltung dar. Er empfahl konkrete Massnahmen zur weiteren Ermöglichung der fahrenden Lebensweise, die im Zuge der immer dichteren Besiedelung unseres Landes stets schwieriger geworden war. Gegangen ist wenig. Immer „noch gibt es kein ausreichendes Netz von Stand- und Durchgangsplätzen, das allen 2'500 schweizerischen Fahrenden die Weiterführung ihrer traditionellen Lebensweise ermöglichen würde". Ja, die Lage ist gegenüber 2000 schlimmer geworden. Dies schreibt der Bundesrat 2006 im Bericht über die Situation der Fahrenden in der Schweiz. Dennoch erscheinen die Folgerungen der Landesregierung zahnlos; eine magere Liste von Massnahmen beschliesst der Bundesrat mit dem beschämenden Satz: Er werde sich für deren Umsetzung einsetzen, „allerdings mit dem Vorbehalt, dass sie für den Bund keine zusätzlichen Ausgaben nach sich ziehen".

Bern war und ist aktiv

Stadt und Kanton Bern spielten im Kampf der Fahrenden um Wiedergutmachung und Anerkennung eine besonders aktive Rolle. Der Arzt Jan Cibula, selber ein Rom, führte in der Matte ein Archiv zur fahrenden Kultur und Lebensart. Der Bibliothekar und Schriftsteller Sergius Golowin machte dieses bekannt und trat als Grossrat wirkungsvoll öffentlich für die Anliegen der Fahrenden ein. Regierungsrätin Leni Robert (Erziehungsdirektorin von 1986-1990) setzte sich stark für die Lösung der Schulungsfrage jenischer Kinder, für die interkantonale Regelung der verschiedenen Hausierer- und weiteren Patente, aber auch für Stand- und durchgangsplätze ein.

In der Stadt Bern wurde der Standplatz Buech geschaffen, wo Fahrende in ihren Wagen leben und die Kinder in Oberbottigen zur Schule schicken; seine Erweiterung ist just am Donnerstag Thema im Stadtrat. Und schliesslich haben – spätes Ergebnis der Übernahme mobiler Wohnweise auch durch Nicht-Jenische – in Folge eines Vorstosses von Stadtrat Otto Mosimann 2013 die Bernerinnen und Berner die Schaffung einer Zone für Wohnexperimente in Riedbach – nahe Buech – beschlossen. Deren Realisierung ist allerdings noch umstritten.

Offizielle Anerkennung gefordert

1998 wurden die Fahrenden durch Ratifikation der Konvention des Europarats als nationale Minderheit geschützt. Jetzt haben Fahrende und Nicht-Fahrende eine Petition eingereicht. Sie fordern darin den Bundesrat auf, alle Jenischen und Sinti als nationale Minderheit anzuerkennen. Was genau dies bedeutet, ist offen; sicher ist Wertschätzung und Gleichstellung mit andern Bevölkerungsgruppen gemeint. Wenn am Donnerstag um 16 Uhr Bundesrat Alain Berset an der Feckerchilbi spricht, erwarten die Fahrenden ein Bekenntnis.

Die Feckerchilbi als Treffen der Jenischen und Sinti ist übrigens sehr alt. Ihr Ort war ursprünglich die freie Republik Gersau am Vierwaldstättersee. „Fecker" – das abschätzig für Zigeuner gebrauchte Wort – stand in der Innerschweizer Mundart für streunen, unstetig und müssig umherstreifen. Es ist geblieben.

Seitdem findet die Chilbi an vielen Orten statt, zuletzt 2013 in Zürich, zuvor in Brienz. Und jetzt in Bern. Die Jenischen und Sinti laden ein. Wer hingeht, lernt eine alte, noch immer faszinierende Kultur kennen.

Reden von Stadtpräsident Alex Tschäppät und Bundesrat Alain Berset am 15.9. um 16 Uhr. Programm unter www.feckerchilbi.ch.