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KOLUMNE /

Fredi Lerch

31.08.2016 | 10:00

Jürg Frischknecht (1947-2016) war der herausragende investigative Journalist in der WoZ der frühen Jahre. Als Dank und Erinnerung die Rekonstruktion unserer spannendsten Zusammenarbeit.

Am 18. Juli 2016 ist der Journalist Jürg Frischknecht 69-jährig gestorben. WeggefährtInnen haben ihn mit treffenden Nachrufen gewürdigt: Hanspeter Guggenbühl auf infosperber, Andreas Simmen auf der Website des Rotpunktverlags (rpv), Res Strehle im Tages-Anzeiger und Ruth Wysseier in der WOZ. Ich bin überzeugt, dies von meiner Seite am besten zu tun, indem ich unsere spannendste Zusammenarbeit zu rekonstruieren versuche.

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Seit der ersten Ausgabe der WoZ im Oktober 1981 arbeitete Jürg Frischknecht als ständiger Mitarbeiter für die Zeitung. Er war ein herausragender investigativer Journalist von unbedingter Zuverlässigkeit und kritisch-solidarischer Hilfsbereitschaft. Seit ich im Oktober 1982 auf der WoZ-Redaktion in Zürich als Redaktor arbeitete, gehörte ich zu jenen, die seine Beiträge von Fall zu Fall ins Blatt setzten. Weil sich unsere journalistischen Themen nur wenig überschnitten, kam es darüber hinaus selten zur Zusammenarbeit. Als es jedoch im Sommer 1993 darum ging, über den ideologisch schillernden Publizisten Achmed Huber ein Porträt zu schreiben, spannten wir zusammen.

Frischknecht interessierte sich für den Mann als «unheimlichen Patrioten»: In seinem Buch «Rechte Seilschaften» (zusammen mit Peter Niggli, rpv 1999) würdigte er ihn später entsprechend – das Personenverzeichnis des Buches bringt zehn Verweise auf Huber (siehe insbesondere S. 692 f.). Im Rahmen meiner Recherche zum Berner Nonkonformismus der 1960er Jahre interessierte mich dagegen vor allem der junge Achmed Huber, den ich im Buch «Muellers Weg ins Paradies» (rpv 2001) laut Register gar siebzehnmal erwähnt habe.

Nach der Meldung von Frischknechts Tod habe ich nun in meinem «Nonkonformismus-Archiv» das Personendossier «Achmed Huber» konsultiert. Darin fand sich im Material zum Porträt ein Post-It-Zettel von Frischknecht mit der handschriftlichen Notiz: «Zu Deinen Akten. Herzlichen Dank für die Mithilfe! Jürg». Aus dieser Formulierung wird klar: Hier ist im folgenden von einer journalistischen Arbeit Jürg Frischknechts die Rede, die ich mit meinen Mitteln unterstützt habe.

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In meinem elektronischen NONkONFORM-Archiv habe ich auch eine Worddatei vom 30. Januar 1992 gefunden. Damals, so belegt die darin festgehaltene Notiz, sprachen Frischknecht und ich auf der WoZ-Redaktion in Zürich über bedeutende nonkonformistische Publizisten – von Roman Brodbeck, Werner Wollenberger oder Urban Gwerder in Zürich über die Nationalzeitung und Paul Ignaz Vogels «neutralität» in Basel bis zu Heinz Däpp, Mario Cortesi oder eben Achmed Huber in Bern. Zu Huber fasste ich damals Frischknechts Hinweise wie folgt zusammen: «Dessen politische Position offenbar schon damals zweifelhaft; insbesondere habe sich Frischknecht immer wieder gewundert, warum Huber [in seinen Artikeln, fl.] immer etwa en passant – mehr als bonmots – Zitate von Hitler eingeflochten habe.»

Bevor wir gut anderthalb Jahre später, am Nachmittag des 23. August 1993, Huber in seinem Haus in Muri bei Bern besuchten, nahm Frischknecht am 12. August mit ihm telefonischen Kontakt auf und sagte mir danach, Huber habe ihm bestätigt, sich seit 1961 in rechtsradikalen Kreisen bewegt und sich deren Gedankengut angeeignet zu haben («NONkONFORM»-Personendatei, siehe unter Huber, Achmed). Ich meinerseits trug das Arbeitspapier «Achmed Huber in der Berner Subkultur der 60er Jahre» zusammen, in dem ich dessen Aktivitäten rund um den Diskussionskeller «Junkere 37» auflistete und die seinerzeitigen Aktivisten Sergius Golowin und Zeno Zürcher sowie den Chefredaktor der «Berner Tagwacht», Richard Müller, nach ihren Erinnerungen an Huber befragte. Für Golowin stand Huber damals am linken Rand der Sozialdemokratie, für Zürcher war er zwar bemerkenswert deutschfreundlich, daneben zwar antizionistisch, aber sicher nicht antisemitisch und für Müller war es 1993 «wirklich neu», dass Huber ein Rechtsextremer sein könnte.

Frischknechts Porträt, das in der WoZ Nr. 34/1993 erschienen ist, trug den Titel «Allianz zwischen Halbmond und Hakenkreuz» und findet bis heute als Quelle Beachtung, wie Hubers aktueller wikipedia-Eintrag belegt [eingesehen: 15.8.2016, fl.].

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In meinem Material zum Porträt findet sich auch eine 13-seitige Transkription aus den Gesprächen, die Frischknecht an jenem Nachmittag mit Huber führte. Ich sass zumeist schweigend daneben, weil ich von den aktuellen rechtsextremen und islamistischen Netzwerken zu wenig verstand, um mitreden zu können.

Diese Transkription trägt Abschnittstitel, aus denen hervorgeht, dass Frischknecht sowohl eine 90 Minuten- als auch eine 60-Minuten-Tonbandkassette auf der A- und der B- Seite bespielt hat. Wäre die Transkription vollständig, müsste sie demnach viel länger sein. Aber das, was Frischknecht im Porträt dann in direkt zitierten Halbsätzen verwendet hat, findet sich hier im Umfeld von Hubers mit viel fabulierenden Schwung vorgetragener Rede transkribiert.

Ich habe die Transkription noch einmal gelesen und bin zum Beispiel auf eine nicht verwendete Passage gestossen, in der Huber damit prahlte, in der Türkei einen Wahlkampf des islamistischen Politikers Necmettin Erbakan (1926-2011) mit kurzen Reden unterstützt zu haben. Dabei sei es ihm um «zwei Sachen» gegangen, erläuterte er: «Erstens: Ich bin Sozialdemokrat in der Schweiz und habe meine Partei gern, aber hier, in der Türkei, da wäre ich nicht Sozialdemokrat, das ist eine amerikahörige, freimaurerhörige, judenhörige Partei, ich wäre Refah [Refah Partisi, RP [Wohlfahrtspartei], fl.], also die Partei von Erbakan. Und ich bin [zweitens, fl.] gegen Europa. Die Schweizer sind gegen Europa, das Schweizer Volk lehnt diesen ganzen Scheissladen von Freimaurern und Juden und Amerikanern ab in Brüssel – das hat wahnsinnig Applaus gegeben.»

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Frischknechts Porträt erschien am 27. August 1993. Ungefähr vierzehn Tage später legte mir mein Kollege auf der WoZ-Redaktionsstelle Bern, Urs Frieden, der damals für die Zeitung im Bundeshaus akkreditiert war und Huber dort ab und zu traf, einen Brief aufs Pult mit der Notiz: «Von A. Huber erhalten. Eingeschwärzt: Name eines bürgerlichen Politikers». Der zweiseitige Brief, datiert vom 8. September 1993, hält zum WoZ-Porträt fest: «Meine iranischen und türkischen Freunde aus der Islamischen Bewegung (‘Islamisten’) waren der Meinung, es sei an der Zeit, gewisse Signale an gewisse Leute zu senden – – und so wählten wir die ultralinke WoZ samt Jürg Frischknecht und Fredy Lerch, die viereinhalb Stunden bei mir zu Hause interviewten und recherchierten und dann eher ahnungslos die Signale reproduzierten. Die Sache war, für uns, ein voller Erfolg. Was die WoZ-Leutchen wohl bis zur Stunde noch nicht gemerkt haben…»

Immerhin war das Porträt auch aus der Sicht der WoZ-Leutchen nicht ganz erfolglos: Ende Januar 1994 wurde Huber aus seiner SP-Sektion Bern-Ost ausgeschlossen. Die «Berner Tagwacht» meldete am 2. Februar 1994: «Der Ausschluss Achmed Hubers aus der SP geht auf vergangenes Jahr zurück, als Journalist Jürg Frischknecht in der ‘Wochenzeitung WoZ’ Huber Kontakte zu rechtsextremen Kreisen nachwies.»

Einige Tage später hatte ich von Urs Frieden eine «Notiz für jf und fl betr. Ahmed Huber» mit Neuigkeiten aus dem Bundeshaus auf dem Pult: «Huber hat mir gestern erzählt, er sei am letzten Montag (21.2.94) erstmals mit JM Le Pen zusammengekommen, und zwar sei er in dessen Haus zum Mittagessen eingeladen gewesen. Le Pen habe seit längerem trotz seiner Fremdenfeindlichkeit Kontakte zur islamischen Bewegung, insbesondere zum FIS [Front islamique du Salut = Islamische Heilsfront, fl.] (ist vermutlich in Frankreich bekannt/hat auch taktische Gründe). Le Pen habe alles über die Alpeninitiative und den positiven Ausgang wissen wollen [gemeint ist die nationale Volksinitiative, die tags zuvor mit 51,9 Prozent der Stimmen angenommen worden war, fl.] und habe geschwärmt, dass den Brüsseler Bürokraten eins ausgewischt worden sei. Huber hat nach eigenen Angaben auch damit aufgetrumpft, dass Jeanne d’Arc (unfreiwillig) islamisches Gedankengut vertreten habe, indem sie in ihren Antworten auf inquisitorische Fragen nach ihrem Glauben (Dreifaltigkeit, Sohn Gottes etc.) Formulierungen verwendet habe, die so oder ähnlich im Koran stehen. Le Pen habe dies entzückt, und er sei mehrmals zur Hausbibliothek gehuscht, um die Angaben zu überprüfen. Huber bat mich, diese Infos vorläufig nicht zu verwenden. uf/24.2.94.»

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Jahre später, am 1. Mai 1999 erzählte mir mein damaliger Nachbar in Bern, der Schriftsteller Kurt Marti, er habe auf der Strasse eben Achmed Huber getroffen und mit ihm unter anderem über das seinerzeitige WoZ-Porträt gesprochen. Ich notierte mir: «Die Geschichte von jf. in der WoZ sei ‘fair’ gewesen und habe ihm nur genützt: Er sei zur SP rausgeworfen worden, was sowieso nicht mehr seine Partei gewesen sei. Seither referiere er häufig bei den Schweizer Demokraten, wo er viele seiner alten Genossen wieder treffe. Darüber hinaus geniesse er seither das Vertrauen der radikalen Islamisten in der Schweiz. Dort habe der Artikel verschiedene Türen geöffnet.» («NONkONFORM»-Personendatei, siehe unter Huber, Achmed)

Als Huber am 15. Mai 2008 starb, widmete ihm die Berner Tageszeitung «Der Bund» einen Nachruf mit dem Titel «Unheimlich freundlich – und unheimlich» und dem Lead: «Er war von gewinnender Art. Gleichzeitig verkehrte der zum Islam konvertierte Ahmed Huber ungeniert mit Holocaust-Leugnern, Ex-SS-Leuten und fanatischen Islamisten.» (Bund, 27.5.2008) In diesem Nachruf ist auch nachzulesen, wie sich Huber innerhalb der «Islamischen Bewegung» hat nennen lassen: Ahmad Abdallah Ramadan al-Swissri.

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Die Papiere, die ich vor bald einem Vierteljahrhundert zusammengetragen habe, haben etwas beklemmend Aktuelles: Im Schlepptau von Jürg Frischknecht lernte ich damals einen schlitzohrigen Strategen kennen, dem es scheinbar vor allem darum ging, dem rechtsextremen Milieu in Mitteleuropa die Vorurteile gegenüber der «Islamischen Bewegung» zu nehmen. Achmed Huber agitierte – so sehe ich das heute – quasi antirassistisch im Interesse einer möglichst breiten rechtsextremen Allianz gegen «Freimaurer, Juden und Amerikaner».

Wenn ich heute in der Zeitung den Titel lese: «Jihadverdächtiger mit rechtsextremer Vergangenheit verhaftet» (Tages-Anzeiger, 17.8.2016), dann frage ich mich schon: Warum zieht ein Rechtsextremer mit islamistischen «Arabern» in den Krieg, die er doch als Rassist verachten und bekämpfen müsste? 

Neu ist diese Frage nicht. Ende 2006 hat der deutsche Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber die Klammer im «Verhältnis von Islamisten und Rechtsextremen» vor allem in den Bestrebungen für eine autoritäre Staatsform und im gemeinsamen Antisemitismus gesehen (und en passant auch den «Schweizer Muslim und Rechtsextremist[en] Ahmed Huber» erwähnt). Seine Quintessenz damals: «Je höher ideologisiert die Anhänger der beiden extremistischen Weltbilder sind, desto stärker dürfte trotz der gemeinsamen Feindbilder letztendlich die Ablehnung sein.»

Vielleicht sollte man die «Allianz zwischen Halbmond und Hakenkreuz» vor dem Hintergrund der Aktualitäten als Arbeitshypothese ernst nehmen und fragen, ob Armin Pfahl-Traughbers Einschätzung von 2006 immer noch stimmt, wonach es sich «bei den Kontakten zwischen Islamisten und Rechtsextremisten […] um Einzelfälle oder Einzelpersonen» handle.

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Irgendwie typisch für den unbestechlich klaren Geist des stets bescheidenen Jürg Frischknecht: Das Thema, das er vor fast einem Vierteljahrhundert ins Auge fasste, scheint heute noch immer aktueller zu werden (was auch Daniel Rysers eben erschienene, hervorragende Reportage über Qaasim Illi und die «Die Dschihadisten vom Bümpliz» in der WOZ Nr. 34/2016 belegt). 

Danke, Jürg, für alles.

Dank auch an Ursula Bauer für die Erlaubnis, Jürg Frischknechts Huber-Porträt an dieser Stelle zweitzuveröffentlichen (Mail, 13.8.2016) und Urs Frieden dafür, seine Notizen verwenden zu dürfen (Mail, 12.8.2016).