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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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13.07.2016 | 11:39

Die Betreiber haben die Reitschule bis auf weiteres geschlossen. Ihre Not muss gross sein. Trotzdem: aufgeben gilt nicht. Ohne Reithalle wäre die Stadt zu schön.

Jetzt gilt es, die Parolen umzusetzen. (Foto: zvg)

Ich bin eine von denen, die nichts gegen die Reithalle haben. Ab und zu nutze ich das attraktive Kulturangebot und begegne bei dieser Gelegenheit alten Bekannten. Auch bin ich jeweils heimlich etwas stolz, wenn sich einer bei der Zugeinfahrt in den Berner Bahnhof über die Sauordnung auf dem Vorplatz und die Sprayereien beklagt. UNESCO Weltkulturerbe mit gelebten Widersprüchen, denke ich dann, und wähne mich etwas weniger bünzlig als die Stänkerer im Zug.

Etappensieg für die SVP.

Nun haben die Betreiber des alternativen Kulturzentrums den Laden dicht gemacht. Bis auf weiteres, wie sie in ihrem Communiqué schreiben, weil sie keine Lust mehr haben, «Freiraum zu sein, dem nicht Sorge getragen wird.» Gut so. Selbst wenn die Stadtberner SVP jetzt jubelt: ein Schandfleck weniger. Gönnen tue ich ihnen den Etappensieg nicht, aber henu, es geht um mehr. Nicht nur um die «verfehlte Jugend-, Nachtleben-, Sicherheits-, Drogen- und Asylpolitik der Stadt Bern, des Kantons und des Bundes», wie es die Reitschulbetreiber in einem etwas gewagten Rundumschlag formulieren. Auch nicht primär um die Gewaltbereiten und Drogenverkäufer, die sich im Gelände tummeln und das Klima buchstäblich vergiften.

Gut getarnte Langeweile.

Es geht um die grosse Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer rund um die Reithalle. Um ihr scheinbar geringes Interesse und ihr spärliches Engagement für irgendetwas. Ja, um die Langeweile der Herumstehenden auf dem Vorplatz. Natürlich ist sie gut getarnt diese Langeweile im autonomen Shabby Chic der letzten dreissig Jahre. Auch der Wohlstand ist hinter den Secondhand Klamotten kaum sichtbar. Ebenso wenig die solide Grundausbildung und die Zukunftspläne, die man grade noch hinauszögern kann. Aus ihrer Sicht mag es hier tatsächlich nicht viel zu tun geben. In einer Stadt, in der alles so gut läuft. Mit gutmeinenden Eltern, die immer ein offenes Ohr und viel Verständnis haben. In einem Land, in dem es mehr als alles gibt und weniger konsumieren der neue Luxus ist.

Schichtwechsel ist angesagt.

Vielleicht löst das perfekte Leben ja noch mehr als Langeweile aus. Eine Art lähmende Ratlosigkeit mit dem Biss und dem Nährwert eines Marshmellows. Die Folgen davon stellen die Reitschulbetreiber vor unlösbare Probleme und zwingen sie nun zur Kapitulation. «Der Reitschule wird eine Verantwortung übergestülpt, die wir weder tragen können noch wollen», schreiben sie im Communiqué. Gut so. Die Reithalle ist keine Aufbewahrungsanstalt für Gelangweilte. Und ich glaube, es ist an der Zeit, dass die aktuellen Betreiberinnen und Betreiber noch vor ihrer Pensionierung die Schlüssel den Jungs und Mädels übergeben. Ganz unter dem Motto: Schluss mit Langeweile, jetzt seid ihr dran.