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«Die Linke in der Schweiz ist visionslos»

Mit Tamara Funiciello steht seit vergangenem Samstag eine Bernerin an der Spitze der Juso. Wird sie die Partei umkrempeln? Mit welcher Volksinitiative ist zu rechnen? Und was macht die SP falsch?

Die Bernerin Tamara Funiciello ist neue Juso-Präsidentin. (Bild: Claudio de Capitani)

Vergangenen Samstag wurdest Du zur Präsidentin der grössten Jungpartei des Landes gewählt. Was erwartet die Jungsozialisten nun?

Tamara Funiciello: Ich möchte eine Juso, die breiter vernetzt ist, etwa mit den Gewerkschaften und mit den linken ausserparlamentarischen Blöcken. Es ist nötig, dass man vermehrt zusammenarbeitet. Wir brauchen eine starke Linke, wir brauchen unbedingt linke Strategien. Denn das fehlt diesem Land im Moment. Ich glaube, dass die Juso in diesen zwei Punkten eine entscheidende Rolle spielen kann. Wir haben das im Rahmen der 1:12-Initiative geschafft. Genau so etwas brauchen wir wieder. Und diese Chance bekommen wir, mit unserem neuen Projekt.

Dieses neue Projekt soll eine Volksinitiative sein. Das haben die Delegierten am vergangenen Samstag entschieden, ohne aber überhaupt ein konkretes Thema zu haben. Geht Form über Inhalt?

Diesen Weg sind wir bereits bei der Spekulationsstopp-Initiative gegangen. Das Instrument der Initiative hat eine ausserordentliche Schlagkraft. Man ist auf der Strasse, um Unterschriften zu sammeln, man hat Kontakt mit den Leuten, man hat Aufmerksamkeit. Die Juso ist, im Gegensatz zu anderen Parteien wie etwa die FDP, initiativfähig. Das ist ein starkes Zeichen. Deshalb ist es wichtig, dass wir dieses Instrument auch nutzen. Einerseits, um auf unsere Schwerpunkte aufmerksam zu machen. Andererseits aber auch, um neue Diskurse zu eröffnen und neue Perspektiven zu suchen.

In Deinem Wahlkampf hast Du die Einführung der 25-Stunden-Woche gefordert. Hast Du damit bereits das Thema gesetzt?

Ich habe diese Idee lanciert und in den Raum geworfen. Ob sie aufgenommen wird oder nicht, das wird die Basis entscheiden. Logisch hätte ich diese Forderung aber nicht aufgestellt, wenn ich sie nicht für wichtig halten würde, und ich hoffe, dass Arbeitszeit grundsätzlich eine Thematik bleibt. 

Arbeitszeitverkürzung gehört in das Gebiet der Gewerkschaften. Warum soll sich gerade die Juso darum kümmern?

Ich finde, dass die Gewerkschaften und die Juso zusammenarbeiten sollten. Schlussendlich sind wir die Vertreterinnen und Vertreter der Lohnabhängigen. Das sind wir in der Juso und in den Gewerkschaften, jedoch mit unterschiedlichen Rollen. Wenn man 25 Stunde-Woche fordert, hat das ja nicht mehr nur eine gewerkschaftliche, sondern – ich würde sagen – auch eine gewisse revolutionäre Tendenz. Ausserdem hat die Arbeitszeitverringerung eine sehr lange Geschichte. So wurde etwa der 1. Mai zu Ehren eines Aufstands lanciert, der Ende des 19. Jahrhunderts in Chicago stattfand und bei dem für eine Arbeitszeitverringerung gekämpft wurde. Es ist eine Forderung, hinter der sich die Arbeiterschaft sehr häufig gestellt hat. Weiter betrifft das Vorhaben der 25-Stunden-Woche nicht nur die Angestellten, sondern auch diejenigen, die unbezahlte Care-Arbeit leisten. Waschen, Putzen, Pflegen – all das lastet im Moment vor allem auf dem Rücken der Frauen. Deshalb ist die Arbeitszeitverkürzung zugleich eine feministische Forderung. Ich glaube, dass sich darüber unterschiedliche Interessen und Gruppen miteinander verbinden lassen.

Wirtschaft und Feminismus sind also die Themen, die Deine Amtszeit bestimmen werden?

Als erste Präsidentin der Juso habe ich eine Plattform, um das Thema Feminismus weiter in den Fokus zu rücken. Dort gibt es auch Anschlusspunkte an die SP, die sich dort momentan neu positioniert – insofern, dass man auch linken Feminismus macht, und nicht nur, wie ich es nenne, BDP-Feminismus. Ich meine, es ist wichtig und richtig dass man für Lohngleichheit kämpft. Aber die Diskriminierung von Frauen geht weiter. Sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung sind Themen, die stärker aufgegriffen und vor allem in den Zusammenhang mit dem kapitalistischen System gestellt werden müssen. Dazu kommt das Thema «Migration», das in den vergangenen Jahren von der Linken im Allgemeinen – nicht nur in der in der Schweiz, sondern in ganz Europa – vernachlässigt wurde. Wir müssen aufpassen, dass wir den Rechten das Feld nicht überlassen. Denn wir haben Antworten auf die Migrationsthematik und diese Antworten sind internationalistisch.

Wie ist das zu verstehen?

Man muss sich bewusst sein, warum Menschen fliehen müssen. Wegen Krieg, mangelnder Perspektiven, Diktaturen. All das steht im Zusammenhang mit dem Kampf um Ressourcen – und somit im Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Diese Verbindung muss unbedingt aufgezeigt werden. Es gilt es auch klar aufzudecken, dass nicht der Mensch mit einem anders farbigen Pass Schuld daran hat, dass ich weniger Lohn habe, sondern dass es die Chefs sind, die mir weniger Lohn geben. Dass dort die Interessen zusammenprallen. Das ist die Perspektive, die wir als Linke einnehmen müssen. 

Die SP tut das nicht? 

Nicht genug. Die Antworten sind nicht klar, nicht pointiert genug. Die Linke in der Schweiz ist visionslos. Die SP startet sehr häufig mit einem Kompromiss in einen Kampf. Das ist falsch. Die SP muss mit krasseren Forderungen starten und dann erst im Kompromiss enden. Es ist notwendig, klare Ansprüche zu formulieren, Problematiken aufzudecken und Alternativen aufzuzeigen. Das macht die SP für mich im Moment zu wenig. 

In Bern hast Du kürzlich mit einer Provokation von Dir Reden gemacht: Du wolltest das Ende des Rot-Grün-Mitte-Bündnis, weil die GFL eine rechtsbürgerliche Partei sei...

Sie ist eine rechtsbürgerliche Partei, das sehen wir an vielen Entscheidungen, die sie treffen und bei denen sie gegen uns stimmen. Mir leuchtet deshalb nicht ein, welchen Mehrwert uns dieses Bündnis genau bringen soll. Ich trauere dem heute noch nach, das wir nicht die Chance ergriffen und einen linken Block gebildet haben – und das in der linksten Stadt in der Schweiz! Ich bin überzeugt, dass wir es auch auf diesem Weg geschafft hätten, die nötigen Gemeinderatssitze zu holen.

Bereits Anfang Jahr bist Du aus dem Vorstand der Juso Stadt Bern ausgetreten. Wirst Du nun auch ihre kantonalen Posten räumen?

Momentan bin ich Co-Präsidentin der Juso Kanton Bern und in der Geschäftsleitung der SP Kanton Bern. Das sind Ämter, die ich in nächster Zeit abgeben werde. Wir haben engagierte Leute, die den Platz bekommen sollen. Ich selbst werde bestimmt genug zu tun haben, mit dem Juso-Präsidium.

 

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