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«Mit den Asylsuchenden – nicht neben ihnen»

Interview mit Franziska Teuscher, GB-Gemeinderätin und städtische Sozialdirektorin, über eine menschliche Asylpolitik und «gelebte Integration» in der Stadt Bern.

Franziska Teuscher besucht die Kollektivunterkunft Viktoria in Bern (Foto: Peter Eichenberger)

Franziska, du hast dich erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Stadt Bern mehr Geflüchtete aufnimmt und ihnen lebenswerte Unterbringungsmöglichkeiten anbietet. Wie hat sich dieser Prozess gestaltet?

Franziska Teuscher:

Wir haben in den letzten anderthalb Jahren das Engagement der Stadt Bern im Asylbereich verstärkt: Einerseits haben wir bis heute 350 zusätzliche Plätze in oberirdischen Zentren in der Phase I des Asylverfahrens geschaffen. Die Stadt Bern stellt dem Kanton dafür die ehemalige Feuerwehrkaserne Viktoria und das Renferhaus zur Verfügung. Es brauchte viel Überzeugungs- und Umsetzungsarbeit an verschiedenen Stellen; doch nun bin ich froh, dass es uns gelungen ist, unser Engagement substanziell zu erhöhen. Im Gegenzug können wir per Mitte Jahr endlich die unterirdische Notunterkunft Hochfeld schliessen.

...und andererseits?

Andererseits haben wir auch für Menschen in der Phase II, für welche die Stadt Bern zuständig ist, zusätzlichen Wohnraum geschaffen – alleine 2015 für 200 Menschen. Wir setzen übrigens bewusst auf kleine Unterkünfte. Für die Bewohnenden bedeutet das weniger Hektik, und für uns ist es einfacher, geeignete Unterkünfte zu finden. Ich bin der Meinung, dass auch der Kanton auf ein dezentrales Unterbringungskonzept setzen sollte.

Gibt es weitere Möglichkeiten, Geflüchtete aufzunehmen und sie oberirdisch unterzubringen?

Ja, sie können auch bei Privatpersonen wohnen, die bereit sind, ein Zimmer zu vermieten und Küche und Bad zu teilen. Dieses Engagement ist für uns sehr wertvoll. Denn dank der Beziehung zur Bevölkerung wird es für die Migrantinnen und Migranten einfacher, sich in unserer Gesellschaft zu orientieren.

Bundeszentren sind innerhalb der Linken Kritik ausgesetzt. Auf dem Areal des Zieglerspitals entsteht ein solches Zentrum. Welchen Handlungsspielraum hast du da?

Die Stadt Bern hat sich stark gemacht für menschenwürdige Bedingungen im Bundesasylzentrum: Wir haben uns gegen die Einzäunung des Areals ausgesprochen – mit Erfolg. Die Ausgangszeiten wurden auf unseren Wunsch hin und in Absprache mit dem Quartier und der Gemeinde Köniz verlängert. Am Wochenende müssen die Asylsuchenden sowieso nicht im Zentrum sein. Leider konnten wir keinen Einfluss darauf nehmen, wer das Bundesasylzentrum im Auftrag des Staatssekretariats für Migration führt.

Was macht die Stadt sonst noch rund um das Bundesasylzentrum?

Wir richten eine Begleitgruppe ein, die den Betrieb des Zentrums verfolgen wird. Wichtig ist uns, dass darin alle relevanten Akteurinnen und Akteure vertreten sind – neben den Behörden sind dies die Vertretungen der Quartiere sowie eine Delegierte der Fachkommission für Integration. Zudem ist es uns ein Anliegen, den Austausch zwischen Asylsuchenden und Wohnbevölkerung sowie die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen zu fördern – zu diesem Zweck ist eine Begegnungsstätte geplant; die Konkretisierung erfolgt in Zusammenarbeit mit einer Koordinationsgruppe für die Freiwilligenarbeit. Schliesslich wird das Kompetenzzentrum Integration für die Bewohnenden des Zentrums Beschäftigungsprogramme anbieten.

Wichtig sind nicht nur die Unterbringungsmöglichkeiten, sondern auch die Teilhabe am öffentlichen Leben sowie (Weiter-)Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Wo siehst du hier Handlungsspielräume?

Derzeit erhält gut die Hälfte aller Gesuchstellenden eine vorläufige Aufnahme oder aber eine Anerkennung als Flüchtling. Rasche Integration ist insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Berufslehre absolvieren können, wichtig. Die Stadt Bern will deshalb die bestehenden Programme zur beruflichen Integration des Bundes und des Kantons gezielt ergänzen. Handlungsoptionen auf kommunaler Ebene sehen wir vor allem bei der Förderung von Grundkompetenzen und bei der Bereitstellung von zusätzlichen Beschäftigungs- und Bildungsmöglichkeiten. Zudem sollen vermehrt Freiwillige in die Integrationsarbeit miteinbezogen werden.

Die Asyl- und Migrationspolitik hat einen hohen Stellenwert für dich, und du sprichst dich für «gelebte Integration » aus. Was heisst das konkret?

Integration liegt nicht einfach in der Pflicht der Migrationsbevölkerung, auch die öffentliche Hand ist gefordert: Sie muss Voraussetzungen im Bereich Bildung oder bei der Arbeitsintegration schaffen. Und ebenso ist die Zivilbevölkerung gefragt: Es freut mich daher persönlich sehr, wie viele Freiwillige sich rund um die neuen Durchgangszentren engagieren. Im Moment konzentrieren sich die Aktivitäten besonders auf die «Neuankömmlinge». Ich hoffe, dass wir das zivilgesellschaftliche Engagement auch in der Phase II ausbauen können. Die Herausforderung liegt darin, die Freiwilligen dort abzuholen, wo sie sich engagieren können. Die meisten wollen konkret und sofort helfen.

In einem Satz: Wie sieht denn eine offene Stadt Bern gegenüber Asylsuchenden aus?

In der Stadt Bern leben wir mit den Asylsuchenden – nicht neben ihnen.

Dieser Text erschien zuerst in grün. 23/16.