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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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KOLUMNE /

Manuel C. Widmer

13.05.2016 | 06:30

Unser Kolumnist, GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer, stösst mit uns auf einen schönen Wahlkampf an.

Mit antikapitalistischem, linkem Prosecco begiessen sie das Ende von RGM. Vor dem Rathaus perlt der Saft der vermeintlichen Sieger die jungen (und älteren) Kehlen hinunter. JA! und JUSO feiern das Ende des Pakts mit dem Teufel. Das Ende des Schlafes im Lotterbett. Die Befreiung aus den Klauen der Mitte – diesem kolossal grossen Klotz am Bein der dezidiert linken Politik.

Jetzt darf wieder geträumt werden! Endlich kann aus diesem staubtrockenen, bürgerlichen Bern ein Hort linker Ideologien gemacht werden. Das fleischgewordene (oder wohl besser gemüsegewordene) Eldorado in der Dürre der Schweizer Politik.

Alles, was bis jetzt durch die GFL verhindert wurde, scheint plötzlich möglich! Alles! Alles – und noch viel mehr... Denn in den letzten 24 Jahren war es ja nur dieses vermeintliche M, dass eine wirkliche linke und vor allem grüne Politik zu verhindern wusste. Der blaue Wolf im grünen Schafspelz, der seit 12 Jahren nicht an der Regierung beteiligt ist und mit 8 Leuten im Stadtrat sitzt. Dieses Grüppchen schafft es seit Jahren, alle linken Anliegen in Stadt- und Gemeinderat zu blockieren oder bodigen.

«An allen gescheiterten linken und grünen Vorlagen ist nur eine Partei schuld!», tönt es zwischen zwei Schlückchen Perlwein, «das wird man wohl noch sagen dürfen, oder?» Natürlich darf man. Muss man ja sogar. Zu lange war RG im Würgegriff von M. Zu lange musste das Proletariat, ja – musste gar die Revolution – warten. Nur wegen der GFL. Aber jetzt hat RG diesen rechtsbürgerlichen Verein endlich abgehängt, kalt gestellt (wie den Prosecco), marginalisiert, in die rechte Ecke gestellt.

Immer noch viele Parkplätze in der Unteren Altstadt? Danke, GFL! Immer noch keine Velobrücke? Danke, GFL! Die Pensionskasse ist im Beitragsprimat nicht mehr finanzierbar? Danke, GFL! Gewaltausbrüche um die Reitschule werden thematisiert? Schuld ist nur die GFL – alle andern verstehen, dass die Revolution nur so anfangen kann. Schlechte Sommer? Verregneter 1. Mai? Danke, GFL! Nicht geschnutzte Velowege im Winter? GFL! Die fehlenden Veloparkplätze hat die GFL geklaut und im Keller versteckt – genauso wie den Differenzbetrag im Budget, damit die Stadt endlich anständige Löhne bezahlen kann. Keine Bären im Bärenpark gesehen? GFL! Tram vor der Nase weggefahren? GFL! Matte überschwemmt? GFL...

Und dann beginnen sie, aufgemuntert durch 11,4 Vol. % und das Paradigma, dass nicht drei Menschen gleichzeitig für das Präsidialamt kandidieren dürfen – unter keinen Umständen von brave, new Berne zu träumen. Einem Bern, in dem nicht mehr diese Konkurrenz der Ideen herrscht. Einem Bern, in dem Träume automatisch wahr werden und in dem – Schlaraffenland gleich – die Umsetzung von Ideen weder den Realitäten noch unnötigen Finanzfragen folgend mit dem Träumen passiert. Ja, das muss begossen werden!

Die Tassen hoch auf ein Bern, in dem endlich alles viel besser wird, als es jetzt ist! Auf ein Bern, dass ja längst schon ein linkes, grünes Paradies sein könnte. Ein Paradies, in dem einen der vegane Burger am Fleischfrei-Tag direkt in den Mund fliegt. Ein Paradies, in dem nur qualifizierte GewerkschafterInnen am 1. Mai auf die Strasse gehen! Ein Bern, in dem nur noch genossenschaftlich gewohnt werden darf – oder in alternativen Wohnformen (dieses «als Familie in einer eigenen Wohnung wohnen» ist ja so was von Establishment!). Ein Bern, in dem Fahrradfahrende endlich tun und lassen können, was und wo sie es wollen. Ein Bern, in der auf Ampeln auch mal ein Transgender abgebildet ist und jeden Tag eine Demo stattfindet. Yeah und Prost!

Da kann man doch glatt noch eine zweite Flasche Schaumwein köpfen. Der Zapfen fliegt. Quirrlig steigen die Bläschen aus den Gläsern und zerplatzen an der Oberfläche – zerplatzen mit einem viel zu lauten Plopp! Das kann nicht der Prosecco sein – nein das ist - .... Aaaaah! Der Partygemeinde bleibt das Edelgetränk in der vom Absingen von ArbeiterInnenliedern trockenen Kehle stecken. Soeben hat die Basis der SP RGM «gerettet». Beschlossen, doch noch 3 Stadtpräsidumskandidaturen zuzulassen.

Also echt, diese SP. Der geht es doch gar nicht um linke, grüne Politik. Eigentlich ist ja die SP schuld, dass es in Bern nicht zügiger vorwärts geht mit dezidierten Anliegen. Immer noch viele Parkplätze in der Unteren Altstadt? Danke, SP! Immer noch keine Velobrücke? Danke, SP! [...]Keine Bären im Bärenpark gesehen? SP! Tram vor der Nase weggefahren? SP! Matte überschwemmt? SP...

Auf einen guten, gemeinsamen Wahlkampf! Prost!