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Journal B

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«Was mit den Flüchtlingen passiert, ist nicht richtig»

Letzten Samstag haben rund 1000 Menschen auf dem Bundesplatz für einen humanen Umgang mit Flüchtlingen in Europa demonstriert. Sie forderten, dass die EU Flüchtlinge nicht aus Griechenland in die Türkei schickt.

  • «Sehr geehrte Frau Sommaruga!» Die Regisseurin Ursina Greuel verwendet deutliche Worte und richtet sich als einzige Rednerin eine klare Forderung an die Schweizer Politiker. (Foto: Naomi Jones)
  • Etwa 3000 Menschen, so schätzen die Organisatorinnen, haben sich auf dem Bundesplatz eingefunden, um für eine menschliche Flüchtlingspolitik zu demonstrieren. Andere Quellen sprechen von 1000 Leuten. (Foto: Naomi Jones)
  • The Lady Goes Rock featuring Yvonne Moore & Mat Callahan haben Bob Marleys Song «Get up» adaptiert. «Stand up and fight for human rights.» (Foto: Naomi Jones)
  • Die zweifache Mutter und Chauffeurin Diana Hinz hat die Demonstration organisiert. «Was mit den Flüchtlingen passiert ist nicht richtig. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und trage Schuldgefühle von vor 70 Jahren in mir. Ich will nicht, dass es noch mehr werden.» (Foto: Naomi Jones)
  • Die Berner Sängerin Birgit Ellmerer hat Diana Hinz auf Facebook kennengelernt und die Demo spontan mitorganisiert. (Foto: Naomi Jones)
  • Luna fordert sichere Fluchtrouten und Frieden. Und zwar sofort. (Foto: Naomi Jones)
  • Politisches Engagement macht müde. (Foto: Naomi Jones)
  • Der Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne) hört einem Vorredner zu. (Foto: Naomi Jones)
  • Michael Räber baute zusammen mit seiner Frau private Hilfe für die mit Booten ankommenden Flüchtlinge auf Lesbos auf. www.schwizerchrüz.ch  (Foto: Naomi Jones)
  • Unia-Präsidentin Vania Alleva nimmt als Privatperson an der Demo teil. (Foto: Naomi Jones)
  • Nebst den beiden Gewerkschaften Unia und Syndicom demonstrieren die Jungsozialisten und die Jungen Grünen dafür, dass Flüchtlinge menschenwürdig behandelt werden. (Foto: Naomi Jones)
  • Gegen eine Spende für Flüchtlinge in Griechenland konnten sich Demonstrantinnen und Demonstranten fotografieren lasse. Ihr Foto wurde an eine Stellwand geheftet. (Foto: Naomi Jones)
  • Ganze Familien schicken den Flüchtlingen im Camp ihre Grüsse. (Foto: Naomi Jones)
  • Via Skype ist der Syrer Taha Al-Achmed aus dem Flüchtlingscamp zugeschaltet. Er ist dort mit seiner Frau und drei Kindern im Alter von eins bis sechs Jahren. (Foto: Naomi Jones)
  • An der Demo waren auffallend viele bekannte Gesichter aus der Kulturszene, aber auffallend wenig bekannte Polit-Köpfe zu sehen. Hier der Berner Schriftsteller Guy Krneta. (Foto: Naomi Jones)
  • Die Regisseurin Ursina Greuel hält ihre Rede als Bürgerin, als Mutter, als Deutsche und als Schweizerin, letztlich als Mensch. (Foto: Naomi Jones)
  • Balthasar Glättli bittet in seiner Rede die Zuhörer, sich auf den Boden zu setzen. Fünf Personen bleiben stehen. So sieht anteilsmässig die Bedrohung durch die Flüchtlinge aus Idomeni in Europa aus. (Foto: Naomi Jones)
  • Es war ein emotionaler Tag für Organisatorin Diana Hinz. (Foto: Naomi Jones)

«Wenn in Europa die Menschenrechte nicht für alle Menschen garantiert sind, fühle ich mich hier nicht mehr sicher», erklärt Organisatorin Diana Hinz die Motivation für ihr Handeln. Denn wer garantiere, dass die Menschenrechte ihrer Kinder immer sichergestellt seien. Hinz sagt, komme aus Deutschland und lebe heute noch mit Schuldgefühlen für die Taten ihrer Vorfahren. Nun gebe es in Europa erneut eine humanitäre Katastrophe.

Klare Worte fand die Regisseurin Ursina Greuel. Sie hat Ihre Rede Journal B zur Verfügung gestellt:

«Ich spreche hier als Bürgerin, die im Frieden aufgewachsen ist. Ich spreche als Mutter von vier Kindern, die jeden Tag ohne Hunger und ohne Angst aufwachen und in eine öffentliche Schule gehen können.

Ich spreche als Deutsche, die gross geworden ist im Bewusstsein, dass jeder Einzelne eine Verantwortung trägt, wenn es um das Erkennen von Unmenschlichkeit, Grausamkeit und Ausgrenzung von ganzen Menschengruppen geht.

Ich spreche als Schweizerin, die sich schämt, dass ihr reiches gesundes starkes Heimatland die Türen schliesst, wenn Schwache und Verfolgte anklopfen und um Hilfe bitten. Ich spreche als Mensch, der das zufällige Privileg, in der Schweiz zu leben nicht mehr erträgt, wenn es nicht endlich verstanden wird als das Privileg helfen zu können!

Ich ertrage es nicht im Angesicht frierender und angsterfüllter Menschen jeden Tag in die Migros zu gehen, meiner Familie Mittagessen zu kochen und mich über den ausbleibenden meteorologischen Frühling zu beklagen. Ich ertrage die Ohnmacht nicht, zu der ich verdammt bin aufgrund der geltenden Asylgesetze, die Flüchtlinge fernhalten sollen, anstatt ihnen zu helfen.

Ich will nicht mitschuldig sein daran, dass Tausende von Menschen, von Familien, von Kindern vor meiner Haustür im Dreck dahinvegetieren. Wie Tiere behandelt werden. Gewaltsam in Lager gesteckt und deportiert werden.

Ich will meinen Kindern nicht beibringen wegzuschauen, wenn andere in Not sind. Ist das unser Land, in dem als Verbrecher gilt, wer Schutz sucht? In dem als Realist gilt, wer die Schultern zuckt im Angesicht des Elends von Tausenden von Menschen?

Sehr geehrte Frau Sommaruga

Sie sind hingestanden und haben gesagt 'Das geht gar nicht', als zwei muslimische Schüler einer Lehrerin den Händedruck verweigerten.

Stellen Sie sich nun hin und sagen sie 'Das geht gar nicht!', dass Tausende von Menschen, von Familien, von Kindern in Lagern gehalten und deportiert werden. Sagen Sie 'Das geht gar nicht', dass diesen Menschen die Hilfsbereitschaft verweigert wird von unserem Land. Verteidigen Sie unsere humanistischen und solidarischen Werte gegen Bequemlichkeit und Egoismus, gegen Angst und gegen die Hetze Machthungriger.

Nehmen Sie sofort alle Flüchtlinge aus Idomeni auf! Wir schaffen das! Alle Flüchtlinge aus Idomeni aufnehmen. Zeigen Sie Rückgrat. Seien Sie mutig, flexibel, pragmatisch. Vertrauen Sie auf die Bevölkerung!

Die Schweizer Bevölkerung wird helfen! Wir möchten nicht mitschuldig sein an diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wegschauen heisst sich schuldig machen.»

(Rede von Ursina Greuel am 9. April 2016 auf dem Bundesplatz in Bern)