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Berner Reitschule: Omertà oder Neubeginn

Die Betreiberinnen und Betreiber der Reitschule wollen keine Gewalt. Es gibt sie trotzdem in der Reitschule und in ihrem Umfeld. Die Betreiber lassen es zu, dass die Gewaltbereiten vom Schweigen der IKUR profitieren. Das ist unverständlich.

Schützenmattstrasse, Nacht auf Sonntag: Brennende Barrikaden. Feuerwehr und Polizei rücken an, um sie zu löschen und zu beseitigen. Vom Dach der Reitschule werden Feuerwehrleute und Polizisten mit faustgrossen Steinen beworfen. Nach dem Hinterhalt verschwinden die Barrikadenbauer und Steinewerfer unerkannt in der Reitschule. Ergebnis: Elf verletzte Polizisten.

Barrikaden wofür oder wogegen? Wen sollten sie schützen, was verhindern? Sie dienten keinem anderen Zweck als dem, eine Falle zu stellen. Das ist übel. Noch schlimmer sind die Steinwürfe auf die Helfer und Ordnungskräfte, die die Hindernisse beseitigen.

Das ist Gewalt um der Gewalt willen. Gibt es daran Zweifel? Gibt es dafür Verständnis? Anscheinend zum Teil: Der Verein Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKUR), Betreiber des Kulturorts, kritisiert den Angriff auf die Feuerwehr, nicht aber auf die Polizei.

Kein Verständnis für das Schweigen

Nach dem, was ich in den Medien lese, verstehe ich das nicht. Warum sind Würfe faustgrosser Steine auf Polizisten, die Barrikaden entfernen, nicht zu kritisieren? Welchen Grund gibt es, zu einem sinnlosen, gewalttätigen und gefährlichen Übergriff zu schweigen?

Ich bin überzeugt, dass die engagierten Verantwortlichen der IKUR, die in der Reitschule das Kino, den Frauenraum, das Tojo-Theater, die Bibliothek, die Beiz und das Konzertlokal im Dachstock betreiben, mit den wenigen Gewaltbereiten nichts zu tun haben wollen. Das Gleiche gilt für den Verein, der die Grosse Halle nutzt. Sie suchen keine Konflikte und lassen es auch nicht darauf ankommen.

Aber es gibt in der Reitschule Scharfmacher, die sich dort herumtreiben, ohne zur IKUR zu gehören, die den Konflikt, die Auseinandersetzung, die Kraftprobe mit der Polizei suchen. Die letztlich den Vorplatz und die Schützenmatte zu einer «no go-area» machen. Und die im Labyrinth des komplizierten Gebäudes und der Menge der Besucher jederzeit unterschlüpfen können.

IKUR-Leute im Visier der Schläger

Diese Scharfmacher würde die IKUR gern loswerden. Sie kennt sie. Doch das geht nicht so einfach. Denn die gegen aussen – Fussball-Fans, Polizistinnen und Polizisten – angewendete Gewalt wird auch im Innern der Reitschule angedroht. Es gab in den letzten Jahren Fälle, da IKUR-Leute die Gewalt zu spüren bekamen. Deshalb schweigt man lieber. Auch gegenüber der Polizei. Das ist fatal und feige, denn die Gewalt trifft dann andere.

Mein Eindruck: Die Stadt ermöglicht dank Leistungsvereinbarung und Mietvertrag mit der IKUR den Kulturraum Reitschule. Darin können ein paar wenige nicht der IKUR angehörende Gewaltbereite unverhältnismässigen Einfluss ausüben. Es herrscht ein System des Schweigens, letztlich des Deckens und der Duldung. Das ist – auch wenn andere Kulturorte leider ebenfalls nicht überaus gesprächig sind, wenn es um interne Probleme geht – inakzeptabel und kulturfremd. Folgerichtig erscheint, die Leistungsvereinbarung und den Mietvertrag zu kündigen.

Böswilligkeit oder Gedankenlosigkeit

Dafür spricht noch etwas. Die Reitschule funktioniert seit 30 Jahren passabel. Viel wurde erreicht. Einzelne Veteranen sind seit Beginn weg dabei. Immer wieder kommen neue Jugendliche hinzu. Sie wechseln vom Hotel Mama ins fixfertig installierte Hotel Reitschule. Sie müssen nichts erkämpfen, aber sich natürlich als Neue doch irgendwie bemerkbar machen.

Nach dem Wochenende kommt es mir vor, als würden aus Böswilligkeit oder Gedankenlosigkeit einige mit dem Feuer spielen und andere wegschauen. Das ist die schlimmstmögliche Wendung im Selbstverständnis der Reitschule. Wenn die Alternative heisst «Omertà oder Neubeginn»*, dann macht nur der Neubeginn Sinn. Mit allen Risiken, die damit verbunden sind. Und mit den Chancen, die er öffnet.

*Omertà bezeichnet die Schweigepflicht der Mitglieder einer Organisation gegenüber Aussenstehenden.