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Christoph Reichenau

Es ist Zeit für mehr Licht

Das Kunstmuseum Bern treibt das Projekt voran, im Innern des Hauses zusätzlichen Ausstellungsraum für Gegenwartskunst freizuspielen: Klein, aufwendig, fragwürdig. Warum wird es nicht gestoppt?

Seit drei Monaten steht der Raum des ehemaligen Kinos im Kunstmuseum Bern leer. Um der irgendwann kurzfristig kommenden Kündigung zuvorzukommen, hat Cinéville an der Schwanengasse das Kino Rex neu belebt. 2018 wird das im Kunstmuseum (KMB) untergebrachte Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern (IKG) an die Mittelstrasse umziehen und die weiterhin gemeinsam mit dem KMB genutzte Bibliothek mitnehmen. Dann steht im Atelier-5-Bau des KMB der Raum zur Verfügung, in dem «inhouse» rund 600 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche mit einer Höhe unter 4 Metern für Gegenwartskunst geschaffen werden sollen.

Es geht um das, was vom seit den 1990er-Jahren in unterschiedlicher Gestalt vorangetriebene Projekt «Museum für Gegenwartskunst» übrig geblieben ist. Man erinnert sich: Zuerst war die Rede von einem eigenen Haus, dann von einem Teil des ehemaligen Progrs, später von einem Anbau ans KMB, jetzt noch vom Innenausbau.

Hohe Kosten

Die Baubewilligung ist erteilt. Wie teuer kommt das Bauen? Auf Anfrage erklärt KMB-Direktor Matthias Frehner, eine definitive Kostenschätzung existiere noch nicht; der Stiftungsrat habe eine solche im Zusammenhang mit einer generellen Standortbestimmung in Auftrag gegeben. Aus anderen Quellen ist zu erfahren, die 600 Quadratmeter sollen auf 13 Millionen Franken zu stehen kommen.

Dieser Preis enthalte allerdings nicht alles, was es wirklich braucht. Denn einige mit diesem Vorhaben untrennbar zusammenhängende Installationen – zum Beispiel die Verlagerung der Klimatechnik vom neuen Ausstellungsgeschoss in eine tiefere Etage – sollen separat unter dem Titel allgemeine Sanierung oder aufgelaufener Unterhaltsbedarf des Atelier-5-Baus in Rechnung gestellt werden. Wer addiert, kommt auf mindestens 20 Millionen.

Unsichere Finanzierung

Woher kommt das Geld? Die Finanzierung sei ebenfalls Gegenstand der laufenden Evaluation des Projekts, so Matthias Frehner. Dass die Erweiterung des Ausstellungsraums auch nach Gründung der Dachstiftung KMB-Zentrum Paul Klee praktisch im Alleingang des KMB erfolgt, nachdem 2014 der damalige Stiftungsrat des Zentrums dagegen protestiert hatte, bedarf keines Kommentars.

Fragen darf und muss man jedoch, ob das Vorhaben zwingend ist, ob die dafür nötige Investition mittelfristig zweckmässig ist, ob es – bei gesamthafter Betrachtung der zur Dachstiftung gehörenden Räumlichkeiten – keine Alternativen gibt.

Es gibt Alternativen

Wo? Im Schöngrün stehen im Südhügel des Zentrums Paul Klee (ZPK) etwa 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche parat. Heute sind dort die Verwaltung und das wissenschaftliche Personal des ZPK untergebracht. Die für den Betrieb notwendigen Arbeitsplätze könnten verhältnismässig kostengünstig (die Rede ist von 2 Millionen Franken) entweder in den Nordhügel des ZPK oder in die Campagne Schöngrün verlegt werden, wo über dem Restaurant Räume frei stehen.

Weitet man den Blick, stünde dafür auch im Atelier-5-Bau des KMB Platz zur Verfügung, wenn das IKG ausgezogen sein wird. Dessen Auszug ist ohnehin Voraussetzung für den «inhouse-Ausbau». Und indem man die allgemeinen Verwaltungen beider Häuser zusammenführte, verliehe man dem Zusammenwachsen von KMB und ZPK zusätzlich Schub.

So oder so: In beiden Fällen ergäbe sich eine weit bessere Lösung als die jetzt im Klein-Klein ohne Weitsicht an der Hodlerstrasse geplante Lösung. Da beruhigt Matthias Frehners Auskunft, der Stiftungsrat habe mögliche Alternativen zum Projekt «Inhouse» in seine Strategiediskussion einbezogen.

Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Zusammenfassung: Für ein Projekt ist die Baubewilligung erteilt. Es ist verbunden mit dem Auszug der von IKG und KMB gemeinsam geführten Bibliothek an die Mittelstrasse. 600 Quadratmeter Ausstellungsraum kommen auf mindestens 20 Millionen Franken zu stehen. Die Finanzierung ist nicht gesichert. Jetzt nimmt der Stiftungsrat eine allgemeine Standortbestimmung vor. Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Optimistisch gesehen ist es nie zu spät, klüger zu werden. Die neue Dachstiftung von KMB und ZPK ist noch jung. Sie verdient Kredit. Ihr Präsidium wird für seine Arbeit nicht knauserig honoriert, kann sich also ins Zeug legen. Die Rede ist von jährlich 50'000 Franken Präsidialentschädigung. Die konkrete Frage danach lässt Vizepräsident Marcel Brülhart, der seinerseits für die Interimsdirektion ab 1. März (nach dem Weggang von Peter Fischer beim ZPK bis zum Stellenantritt der neuen künstlerischen Gesamtleitung KMB/ZPK) monatlich bis 20'000 Franken beziehen soll, unbeantwortet.

Realisten ahnen die Schwierigkeit des Neuanfangs. Noch lastet, nicht entschieden genug abgestreift, die Hypothek der vergangenen Jahre. Viel zu lange haben sich Direktion und Stiftungsrat des KMB, aber auch einige mit dem Museum verbundene Stiftungen, gegen ein enges Zusammengehen mit dem ZPK und erst recht gegen eine Fusion gesträubt. Aber noch drückt der verlorene Abwehrkampf, Endpunkt einer verunglückten langen Amtszeit, durch im kostspieligen Projekt des Innenausbaus des KMB.

Es ist jetzt Zeit, den Spuk zu beenden. Und erst einmal die Möglichkeiten zu erkunden, welche die neue Zusammenarbeit mit dem ZPK auch in der Raumnutzung eröffnet.

Es ist Zeit für mehr Licht.