Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Roger Köppels Selbstentlarvung

Der neue SVP-Nationalrat Roger Köppel zeigt sich als Weltwoche-Chefredaktor fasziniert von Hitlers Nummer 2, Hermann Göring. Und der Bernbezug? Bei den eidgenössischen Wahlen 2015 erreichte die SVP im Kanton Bern 33 Prozent.

Im Entsetzen über den Wahn des Alt-Bundesrats, der die Schweiz auf dem Weg in eine Diktatur sieht – ausgerechnet er! –, ist Roger Köppels Editorial in der Weltwoche Nummer 1/2016 medial nahezu unbemerkt geblieben. Meines Wissens wies nur Milo Rau in seiner Kolumne in der Sonntagszeitung vom 17. Januar darauf hin: Im Grossen und Ganzen sei es ein völlig normaler Weltwoche-Artikel. Das ist verharmlosend.

Worum geht es? In familiärem Ton plaudert der Herausgeber und Neu-Nationalrat über seine Ferienlektüre, eine 1975 erschienene Biographie des englischen Journalisten Leonard Mosley über Hermann Göring, die Nummer 2 im Dritten Reich.

Wer war Hermann Göring?

Hermann Göring (1895-1946), aus bürgerlicher Familie stammend, Vater Reichskommissar für Deutsch-Südwestafrika, diente als Flieger im 1. Weltkrieg, wo er sich auszeichnete, schloss sich früh der Nazi-Bewegung an, wurde 1928 in den Reichstag gewählt und 1933 nach Hitlers Machtergreifung preussischer Ministerpräsident. Er baute die Gestapo auf, war verantwortlich für den Terror der SA nach dem Reichstagsbrand, baute die ersten Konzentrationslager. 1935 wurde er als Reichsmarschall Oberbefehlshaber der Luftwaffe, für die er Offensivflugzeuge bauen liess, die 1936 im spanischen Bürgerkrieg von der «Legion Condor» zu Gunsten von Franco erprobt wurden.

«Hermann Göring erteilte 1941 den Auftrag für die ‘Endlösung der Judenfrage’.»

Christoph Reichenau

Göring zog jüdische Vermögen für den Staat ein, forderte von den Juden Schadenersatz für die NS-Exzesse in der «Reichskristallnacht» und erteilte 1941 den Auftrag für die «Endlösung der Judenfrage». Mit Beginn des Kriegs gegen Polen ernannte Hitler Göring zum Nachfolger. Als Göring am 23. April 1945, vierzehn Tage vor Deutschlands Kapitulation, Hitlers Einwilligung suchte, um die Staatsgeschäfte zu übernehmen, liess dieser ihn verhaften, enthob ihn seiner Ämter und schloss ihn aus der Partei aus. Das Nürnberger Tribunal verurteilte Göring zum Tod durch den Strang, dem er sich durch Einnahme von Zyankali entzog.

Eine längere, engere Verbindung mit dem «Führer», wie Köppel ihn in Anführungszeichen nennt, war kaum möglich. Göring sorgte nach dem Röhm-Putsch 1934 auch für die parteiinterne Säuberung. Er war an nahezu jeder Unrechtsentscheidung im Nazi-Staat beteiligt. Und er soll gesagt haben: «Ich habe kein Gewissen. Mein Gewissen heisst Adolf Hitler.»

Köppels Göring: «Vermeintlich beste Absichten»

Sicher scheint, dass Göring 1939 gegen die Auslösung des Kriegs argumentierte, weil er dessen Erfolgschance bezweifelte. Nun vermutet Görings Biograph Mosley laut Köppel, dass der Zweite Weltkrieg von Hitler nicht bewusst begonnen, sondern gleichsam hasardierend und planlos in Kauf genommen worden sei. Dazu Köppel: «Nicht nur die Deutschen waren einem Blender auf den Leim gekrochen. Man darf den Faktor Unfähigkeit in der Politik nie unterschätzen.» Man darf fragen: Wer sind die anderen neben den Deutschen? Die Russen? Die Engländer? Die Amerikaner? Weshalb die Unklarheit?

«Göring war weder Monster noch Teufel. […] Der Mensch bleibt sich selbst das grösste Rätsel.»

Roger Köppel

Zum Abschluss seines Lektüreberichts folgert Köppel: «Göring war weder Monster noch Teufel. Sein Trauma war der Absturz Deutschlands nach dem Weltkrieg 1918. Wie Millionen andere glaubte er in Hitler den genialen Wiedererrichter deutscher Grösse, den Beseitiger politischen Unrechts zu erblicken. Zweifellos hatte Göring Qualitäten, wie auch seine Gegner nach dem Krieg bestätigten. Trotzdem stand er an der Spitze eines kriminellen Staats, der Leichenberge, ein verwüstetes Deutschland und einen zerbombten Kontinent hinterliess. – Wie ist so etwas möglich? Der Mensch bleibt sich selbst das grösste Rätsel, und niemand kann sicher sein, dass nicht auch er mit den vermeintlich besten Absichten in der grössten Katastrophe endet. Bescheidenheit bleibt das ewige Gebot der Stunde.»

Wie kommt Köppel dazu, so zu schreiben?

Wie kann ein intelligenter Journalist und Nationalrat, der auch Göring hohe Intelligenz attestiert, so etwas schreiben? Wieso kein Wort zu Hitlers Programm, das seit der Publikation von «Mein Kampf» 1925 in allen Einzelheiten bekannt war, Weltkrieg und Judenvernichtung eingeschlossen? Wieso kein Wort zur Verfolgung und systematischen Tötung der europäischen Juden? Wieso nennt Köppel Mosleys Vermutung, das Dritte Reich habe den Zweiten Weltkrieg «gleichsam hasardierend und planlos in Kauf genommen» eine «Erkenntnis»? Liegt die wahre Erkenntnis nicht vielmehr darin, dass der NS-Staat seit dem ersten Tag Hitlers im Amt des Reichskanzlers systematisch alles daran setzte, aufzurüsten und Raum zu gewinnen für das arische Volk?

«Köppel, Blochers Gehülfe, erkennt sich in Göring wieder, dem Exekutor von Hitlers Wahn.»

Christoph Reichenau

Wieso tut Köppel das? Und wieso gerade jetzt, wo doch Mosleys Buch vor vierzig Jahren erschienen ist? Ich sehe drei Beweggründe, die sich durchaus ergänzen können: (1) Jede Provokation nützt. (2) Köppel, Blochers Gehülfe, erkennt sich in Göring wieder, dem Exekutor von Hitlers Wahn. (3) Wenn man Göring und wohl auch der NSDAP «vermeintlich beste Absichten» zubilligt, darf man dasselbe auch für sich selbst und die SVP beanspruchen.

Der erste Grund: Die Provokation

Aufsehen hilft, gehe es um Gutes oder Schlimmes. Eine Zeitschrift muss verkauft werden. Ein Politiker braucht Aufmerksamkeit. Je unwahrscheinlicher, unwahrer und tabubrechender eine Aussage, desto auffälliger und einträglicher. Gibt es ein grösseres Tabu als das, Chef-Vollstreckern des NS-Verbrecherstaats nicht näher umschriebene «Qualitäten» zu attestieren?

Der zweite Grund: Das Spiegelbild

Göring war eitel, inszenierte sich bis ins Fantastische, baute eine regelrechte Scheinwelt auf und war – wie er sagte – «nicht scheu, wenn es um die Erschiessung von tausend Juden ging». Irgendetwas, schreibt Köppel, «musste der noch kaum arrivierte, blauäugige Göring gehabt haben». «Irgendetwas» muss auch Köppel haben, das zeigt sein Wahlergebnis. Dass er eitel ist, dass er Aufmerksamkeit benötigt, vermute ich. Es liegt nahe, von Görings Verhältnis zu Hitler auf Köppels Verhältnis zu Blocher zu schliessen. Eine Nummer 2 ist fasziniert von einer Nummer 2. Eine Selbstentlarvung.

Der dritte Grund: Die Entschuldigung

«Niemand kann sicher sein, dass nicht auch er mit den vermeintlich besten Absichten in der grössten Katastrophe endet.» Kann man den Satz anders verstehen, als dass auch die Nationalsozialisten beste Absichten gehabt hätten? Nur «vermeintlich» zwar, aber immerhin. Die Absichten der Nationalsozialisten waren aus Hitlers Buch «Mein Kampf» seit 1925 bekannt. Das sind ohne Zweifel keine «besten Absichten». Sie richten sich gegen die Juden, gegen Sinti und Roma, gegen Homosexuelle, gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, gegen die Kirche, gegen viele weitere Teile der deutschen Bevölkerung, gegen die anderen europäischen Mächte.

«Köppels präventive Entschuldigung: Wir wollen das Beste; wenn es dann anders kommt, können wir nichts dafür.»

Christoph Reichenau

Interessant: Während in diesem Zusammenhang Köppel von vermeintlich besten Absichten schreibt, lässt er bei politischen Gegnern in der Schweiz oder bei der EU gewöhnlich nicht einmal solche Absichten gelten. Köppels Satz enthält eine präventive Entschuldigung: Wir wollen doch das Beste; wenn es dann anders kommt, können  wir nichts dafür. So lässt sich zum Beispiel auch eine systematische Politik zur Ausserkraftsetzung der Gewaltenteilung und der Menschenrechte entschuldigen.

Mein Fazit: Zwei Wahnhafte

So fasziniert von einer Nazi-Grösse hat sich seit langem kein hiesiger Politiker geäussert. So verständnisbereit gegenüber einem Verbrecher an Millionen Menschen, vor allem an Juden. So fast achselzuckend bereit, fünf gerade sein zu lassen. Dass Selbstverliebtheit, Sucht nach Aufmerksamkeit und das Wissen, in der nationalistischen Mehrheitspartei unangreifbar zu sein, zu derartigem Fehlverhalten verleiten, erscheint mir widerlich und Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zur Wahrheit und getrübter Urteilskraft. Innert weniger Tage haben damit zwei SVP-Grössen wahnhafte Züge gezeigt.

Übrigens: Hermann Göring hatte einen Bruder, Albert. Dieser rettete während des Nazi-Regimes 34 Juden vor Verfolgung und Tod. In der  gleichen Familie waren unterschiedliche Haltungen möglich. Das ist eine Hoffnung. 

vgl. William Hastings Burke: Hermanns Bruder – wer war Albert Göring? Aufbau Verlag, Berlin 2012.