Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

KOLUMNE /

Beat Allemand

22.01.2016 | 06:30

Max Frisch hat es auf die knappe und treffende Formel gebracht: «Vernünftig ist, was rentiert.» In einer solchen Welt fällt uns allen die Pflicht zu, sich einzubringen und grundlegende menschliche Werte zu verteidigen.

Man mag vom Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) halten, was man will, eins ist sicher: Es ist eine Gelegenheit, über wichtige Themen nachzudenken. Wenn sich alle Welt in diesen Tagen mit der Weltwirtschaft beschäftigt – warum sollte ich es nicht auch tun? Allerdings bin ich nicht ans WEF nach Davos gefahren. Denn um ins hermetisch abgeriegelte Kongresszentrum vorzudringen, bin ich nicht reich und mächtig genug. So läuft es nun mal auf der Welt.

Über was reden denn die Politiker und Wirtschaftskapitäne in diesen schwierigen Zeiten? Sie reden, wie uns erklärt wurde, über die digitale Revolution, die Auswirkungen der Flüchtlingskrise, über das Wirtschaftssystem, den Weltfrieden, über die soziale Gerechtigkeit. Gleichzeitig geht es natürlich um «wichtige Kontakte», wie man so schön sagt. Und die Hoffnung heisst immer wieder Wachstum – dabei hat uns doch die Entwicklung der letzten Zeit drastisch vor Augen geführt, dass Wachstum nicht unendlich sein kann. Aber eigentlich habe ich nur sehr vage Vorstellungen davon, was man am WEF eigentlich macht.

Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion in einem kirchlichen Kontext, in der einer der Redner sagte, die Firmenchefs hätten nur kurzfristige Gewinne im Auge. Es klang irgendwie überheblich. Das hat mich damals beschäftigt. Vielleicht war der Redner einfach erschrocken von dem, was immer wieder für Schlagzeilen und auch Unmut sorgt: die hohen Managerlöhne. Den Zustand der Welt zu beklagen ist das eine. Etwas dagegen zu tun, um sie nachhaltig zu verändern, etwas ganz Anderes.

Für mich ist die Kirche nicht eine Gegnerin der Wirtschaft. Sie ist auch nicht eine Interessenvertretung irgendeines Teiles unseres Staates. Vielleicht betrachten wir es als selbstverständlich, dass die Kirche für Schwächere, für diejenigen, die sich weniger gut äussern können, da ist, und nicht für diejenigen, die ohnehin für sich ein Forum finden, auf dem sie sich zeigen können. Aber die Kirche ist für alle da und es gibt auch unter den Wirtschaftsleuten Menschen, die in der Kirche etwas suchen und von der Kirche etwas brauchen.

In einer Welt, in der Wettbewerb, Profitmaximierung und Rentabilität an der Tagesordnung sind, hat die Kirche auch die Aufgabe, eine Mahnerin, vielleicht auch eine Kritikerin zu sein. Sie muss sich natürlich auch fragen – und fragen lassen –, mit weIcher Berechtigung sie ihre Kritiken äussert; insbesondere die Frage, ob sie in Wirtschaftsfragen kompetent genug ist, ist ein berechtigter Einwand.

Unser Gesellschaftsmodell, nicht unwesentlich von der christlichen Soziallehre geformt, ist geprägt durch Werte wie beispielsweise Respekt und Ehrlichkeit. Ich denke, solche Werte werden auf der ganzen Welt verstanden, unabhängig davon, ob ich Christ, Muslim, Buddhist oder was auch immer bin. Wahrscheinlich werden sie sogar dann verstanden, wenn jemand überhaupt keinen Glauben hat oder der Ansicht ist, er habe keinen. Es geht also nicht primär darum, ob es diese Werte gibt, sondern ob wir sie ernst nehmen, leben und umsetzen – in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Mir persönlich ist wichtig, dass es möglichst allen gut geht. Insbesondere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die wenig verdienen, Kinder haben und vielleicht sogar zu den «working poor» zählen, sind mir wichtig. Und dass die globale wirtschaftliche Entwicklung nicht für alle gut ist, entgeht mir auch nicht: Die Abhängigkeit der ärmeren Länder wird eher noch verstärkt. Hier übernehmen die Politiker und Wirtschaftsleute eine wichtige Funktion und sind die ersten Ansprechpartner.

Ich glaube, jeder Mensch hat die Pflicht, sich einzubringen, vor allem dann, wenn sie oder er befürchtet, dass grundlegende menschliche Werte gefährdet sind. Aber eben: nicht überheblich.