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Kita-Lehrstellen: Stadt will trotz Mangel sparen

Weil Berns StimmbürgerInnen vor zwei Jahren eine Defizitgarantie für Kitas abgelehnt haben, will die Stadt nun Lehrstellen in Praktikumsplätze umwandeln. Ein «Rückschritt», sagt Beat Zobrist, Geschäftsleiter der OdA Soziales Bern.

Praktikumsplätze statt Lehrstellen in den Kitas: «Zeichen in eine völlig falsche Richtung.» (Foto: Severin Nowacki)

Melanie S. hat einen Traum. Sie möchte Kleinkinderzieherin beziehungsweise Fachperson Kinderbetreuung (FaBeK) werden. Um sich diesen Traum zu erfüllen, absolviert sie derzeit ihr drittes Praktikum in einer Kindertagesstätte. Rund 35 Mal hat sie sich in den letzten drei Jahren auf eine Lehrstelle in einer Kita beworben. Doch die Lehrstellen sind rar und die Zahl der jungen Leute, die den Beruf lernen möchten, ist gross. «An meinen ersten beiden Praktikumsplätzen arbeiteten jeweils vier Praktikanten, die sich auf die gleiche Lehrstelle bewerben durften», erzählt die bald 18-Jährige. Dazu traten die jungen Leute zum Test an. «Beim praktischen Test mussten wir gemeinsam eine Aufgabe lösen», sagt Melanie S. Die Situation habe sich eigenartig angefühlt: «Ich wollte herausstechen, doch die Konkurrenten waren Kollegen.»

Die Stadt will Kita-Lehrstellen streichen

Nun überlegt sich die Stadt Bern aus Spargründen, rund 20 von 100 Lehrstellen in den städtischen Kitas in Praktikumsstellen umzuwandeln. Dies teilte der Gemeinderat als Antwort auf eine Kleine Anfrage von Stadträtin Annette Lehmann (SP) mit. Weil die Berner Stimmbürger im Juni vor zwei Jahren gegen eine Defizitgarantie für städtische Kitas gestimmt hätten, fehlten diesen im nächsten Jahr rund 800 000 Franken. Mit der Umwandlung von Lehrstellen in sogenannt «qualifizierende» Praktikumsplätze – die Praktikanten dürfen an 20 Bildungsveranstaltungen teilnehmen – will die Stadt 110 000 Franken pro Jahr an Personalkosten sparen. Weil 80 Prozent der Ausgaben einer Kindertagesstätte Personalkosten seien, sei der Sparauftrag «nicht ohne Einsparungen im Personalbereich zu erfüllen», sagt die stellvertretende Leiterin des Jugendamtes Scarlett Niklaus. Dabei versuche das Jugendamt, die Betreuungsqualität in den städtischen Kitas aufrechtzuerhalten. Die Praktikumsplätze mit Weiterbildungsangebot seien eine Massnahme dazu.

«Ob die Massnahme umgesetzt wird, ist noch offen», sagt Niklaus. Der Entscheid falle in den nächsten Wochen. Doch bestätigt sie, dass bereits ein Konzept für das Weiterbildungsangebot bestehe. «Verschiedene Module sollen das Berufsfeld abbilden und eine fachliche Qualifikation darstellen, ohne den Berufsschulunterricht vorwegzunehmen.» Bei entsprechender Eignung hätten die Praktikanten bei der Vergabe von Lehrstellen Priorität. Ausserdem dürften nur Betriebe Praktika anbieten, die im Anschluss eine Lehrstelle zu vergeben hätten. Als Praktikanten und Praktikantinnen würden nur Schulabgänger angestellt, die noch kein anderes Praktikum gemacht hätten.

Praktika sind ein Rückschritt

Beat Zobrist (SP), Geschäftsführer der OdA Soziales Bern, bedauert die Pläne der Stadt: «Wir sind klar gegen Praktika für angehende FaBeK-Lernende und bedauern den Rückschritt der Stadt.» Die Stadt habe bei der Einführung der neuen Ausbildung löblicherweise auf Praktikumsstellen verzichtet. «Das war ein Lichtblick», sagt Zobrist. Die OdA sei zwar über die Pläne der Stadt informiert worden. Doch seien diese nicht wie der Gemeinderat in seiner Antwort sagt «besprochen». Die OdA werde kein Kursangebot für die Praktikanten entwickeln und dem Jugendamt anbieten. «Das würde ja bedeuten, dass wir den Praktika indirekt zustimmen.»

Auch Nadine Hoch von Verband Kibesuisse findet die Entwicklung bedenklich. Sie glaubt nicht, dass die Stadt mit den Praktikumsplätzen grosse Summen einsparen kann: «Das ist am falschen Ort gespart.» Wolle die Stadt ihren Praktikanten und Praktikantinnen tatsächlich 20 Bildungsveranstaltungen mit externen Dozierenden anbieten, koste dies vermutlich ebenso viel, wie mit den Praktikumsplätzen anstelle von Lehrstellen eingespart werde. Zudem sei es gefährlich, wenn in einem Wachstumsmarkt weniger Personal ausgebildet würde, sagt sie. «Dies ist ein Zeichen in eine völlig falsche Richtung.» Denn grundsätzlich habe sich die Tendenz, Praktikumsplätze statt Lehrstellen anzubieten, im Vergleich zu vor zehn Jahren gewendet. «In der Ostschweiz ist das Verhältnis von Praktikumsplätzen zu offenen Lehrstellen heute eins zu eins», sagt Nadine Hoch von Kibesuisse.

An der BFF Bern, der kantonalen Berufsschule für angehende Betreuungsfachpersonen, stellt man ebenfalls eine positive Entwicklung fest, seit die Ausbildung vor zehn Jahren zur dreijährigen Lehre mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis geworden ist. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Praktikum Bestandteil der Ausbildung, die privat als schulischer Lehrgang organisiert war. Weil es aber viel mehr AnwärterInnen als Ausbildungsplätze gab, mussten viele mehrere Praktika absolvieren, bis sie einen Ausbildungsplatz an der Schule erhielten. «Die Zahl der Klassen hat sich seither verdoppelt und der Altersdurchschnitt in den Klassen ist gesunken», sagt Bereichsleiter Philipp Stadelmann. Doch stelle er fest, dass immer noch «erschreckend viele» Lernende vor dem Antritt der Lehrstelle ein Praktikum gemacht hätten, obwohl dies für die Ausbildung nicht mehr nötig wäre. Dies lässt vermuten, dass in vielen Kitas auch heute noch PraktikantInnen als billige Arbeitskräfte angestellt werden.

Mehr als ein Viertel macht länger als ein Jahr Praktika

Dass Melanie S. keine Lehrstelle findet, liegt kaum an ihren mangelnden Qualifikationen. Sie hat einen Sekundarschulabschluss und keinen Migrationshintergrund, der bei der Lehrstellensuche hinderlich sein könnte. Nein, sie ist schlicht eine von Vielen. Von 183 jungen Leuten, die letztes Jahr ihre Lehre als Fachperson Kinderbetreuung im Kanton Bern begonnen haben, haben gerade mal 25 ihre Lehrstelle ohne vorgängiges Praktikum angetreten. Bei 48 Lernenden dauerte die vorgängige Praktikumszeit laut OdA Soziales Bern länger als ein Jahr. Dies alles obwohl die Ausbildung zur Fachperson Betreuung seit neun Jahren schweizweit eine dreijährige Lehre ist, für die es weder Vorwissen noch ein Praktikum braucht.

«Diejenigen, die nach mehreren Jahren Praktikum aufgeben, können wir nicht erfassen», sagt Geschäftsführer Beat Zobrist. Eine solche ist zum Beispiel Leticia Z. Nach fünf Jahren Praktika in fünf verschiedenen Kitas macht sie heute eine Lehre als Hauswirtschafterin. Man habe ihr jedes Mal Hoffnung auf eine Lehrstelle gemacht und dann doch  jemand anderes angestellt, erzählt sie.

Melanie S. hofft, dass sie nach ihrem dritten Praktikum endlich die Lehre beginnen  kann. Diesmal seien die Chancen deutlich besser, sagt sie. Die Kita beschäftige nur zwei Praktikanten und biete eine Lehrstelle an. Die Chancen der jungen Frau stehen demnach 50 zu 50. Melanie S. mag nicht daran denken, was sie tut, wenn sie auch dieses Mal leer ausgehen sollte. Zur Sicherheit hat sie sich auch auf Lehrstellen im Detailhandel und als medizinische Praxisassistentin beworben. Deshalb hofft sie, dass sie die Chance erhält, ihren Traumberuf zu lernen, bevor sie aus Not einen andern Lehrvertrag unterzeichnet.

800 000 Franken Defizit beim Jugendamt

Ab dem 1. Januar 2016 haben die städtischen Kitas keine Defizitgarantie mehr. Dies haben die Berner Stimmbürger und Stimmbürgerinnen so entschieden. Dem städtischen Jugendamt, das Träger der städtischen Kitas ist, fehlen im Budget des nächsten Jahres 800 000 Franken, die es einsparen muss. Wie kommt es zu diesem Defizit?

Die Umstellung auf Betreuungsgutscheine habe einen grossen Aufwand bedeutet, der in kurzer Zeit habe erbracht werden müssen. Dies habe viele personelle Ressourcen erfordert, erklärt Scarlett Niklaus, stellvertretende Leiterin des Jugendamtes. «Wir mussten neue Stellen schaffen.» Weil das Jugendamt nun sowohl Trägerin der städtischen Kitas sei, als auch Behörde, die die Gutscheine verteile, hätten die Verwaltungsstrukturen entflochten werden müssen. Künftig wolle das Jugendamt die Kita-Leiterinnen und -Leiter vermehrt von administrativen Aufgaben entlasten, damit diese sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren könnten, sagt Niklaus. Die Administration solle im Jugendamt zentral von Sachbearbeitern erledigt werden.

Doch hätten die städtischen Kitas höhere Betriebskosten als private Kitas, weil sie den städtischen Reglementen unterstünden, sagt Niklaus. «Sie müssen das Personal nach städtischen Richtlinien anstellen und sich bei grösseren Anschaffungen an das Reglement des Beschaffungswesens halten.» Die städtischen Richtlinien verlangten aber in vielen Fällen höhere Standards als die Privatwirtschaft. «Deshalb hat das Jugendamt hier keinen oder nur wenig Spielraum zum Sparen», sagt Niklaus.

Die Volltarife für Eltern sind seit dem Systemwechsel bei städtischen Kitas gleich wie bei den privaten und liegen bei rund 120 Franken pro Kind und Betreuungstag. Je nach Einkommen und Erwerbssituation wird den Eltern ein Teil des Volltarifs von der Stadt Bern mit einem Gutschein subventioniert.

Naomi Jones