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«Es ist nicht Zeit für Halligalli»

Web-Talk

Im Web-Talk Nr. 8 mit Journal B äussert sich SP-Nationalrat Matthias Aebischer zum Grat zwischen «Freude verbreiten» und «sich lächerlich machen» im Wahlkampf.

Matthias Aebischer im SP-Wahlkampf. Links Flavia Wasserfallen, rechts Nadine Masshardt. (Bild zvg)

Matthias, noch drei Wochen bis zu den NR-Wahlen. Erschöpft?

Matthias Aebischer:

Das kann man sagen. Ich muss meine Kräfte gut einteilen. Das bin ich mir nicht so gewohnt.

Gemäss Deinen Facebook-Einträgen und Tweets stehst du oft ab 6 Uhr auf der Strasse und nimmst am Abend nach der Session noch an Podien teil. Musst du oder willst du überall mitmachen?

Alle vier Jahre finden nationale Wahlen statt. Alle Leute helfen engagiert mit, die Sektionen initiieren Wahlabende, es werden Wahlpodien organisiert. Dies alles wegen uns, wegen den Wahlen. Ich erachte es als meine Pflicht, überall mit dabei zu sein.

Mir fiel auf, dass diesmal besonders viel Klamauk, insbesondere auch in den elektronischen und sozialen Medien, vorherrscht. Stimmt diese Beobachtung oder wird man im Alter sensibler?

Ich finde, der Wahlkampf muss Freude machen. Doch der Grat zwischen «Freude verbreiten» und «sich lächerlich machen» ist ein schmaler. Fast in jedem Politberatungskurs wird heute gelehrt, Videobotschaften seien sehr wichtig. Es wird auf den amerikanischen Wahlkampf verwiesen. Oft geht in der Euphorie vergessen, dass die Videos professionell produziert werden müssen – und zwar auf der Bild- und auf der Tonebene. Das ist leider in der Schweiz fast nie der Fall.

Du hast dich weitgehend aus dem reinen Spektakel rausgehalten und insbesondere den Videoclip-Wettbewerb von TeleBärn ausgelassen. Wieso?

Ich mag hier nicht den Relevänzler markieren. Aber ein System, bei dem man sich mit Klamauk-Beiträgen Sendezeit für politische Aussagen erkämpfen kann, ist nicht mein Ding.

Hattest Du viele Reaktionen auf deinen Boykott?

Zu mir kamen natürlich nur die positiven. Die negativen Reaktionen so nach dem Motto «Spassbremse» und «Spielverderber» gab es aber sicher auch.

Auch die SVP-Clips gehen in Richtung inhaltsleeren Klamauk und Anbiederung an die Jungen.

Dieses Video zeigt, dass ein Wahlkampf eben nicht immer bis ins letzte Detail zu berechnen ist. Ich bin mir sicher, dass sich die verbissene SVP, wie sie vor vier Jahren aufgetreten war, mit diesem Video etwas Lockerheit einspielen wollte. Leider ist die Stimmung zurzeit eine andere, eine viel ernstere. Mir erscheint das eigentlich professionell gemachte Video im Moment völlig deplatziert. Ich musste wegen der ernsten Politlage übrigens auch Inserate austauschen.

Zum Beispiel?

Meine Inserate lauten ja immer. «Wählen Sie mich nicht … wenn Menschrechte für Sie sekundär sind» oder «Wählen Sie mich nicht … wenn Sie die Renten kürzen wollen». Eines wäre gewesen «Wählen Sie mich nicht … wenn Hausmänner für Sie Warmduscher sind». Wegen der Ernsthaftigkeit der jetzigen Politdebatte habe ich auf dieses verzichtet. Es ist nicht Zeit für Halligalli.

Jetzt ist der Zeitpunkt für eine letzte Wahl-Prognose gekommen.

Du könntest mich auch fragen, wann die Hypothekarzinse steigen oder wann der nächste Börsencrash ansteht. Wer zu solchen Fragen Stellung nimmt, macht sich lächerlich.

Dann halt etwas konkreter: Beeinflusst die Flüchtlingsfrage und die höchst unterschiedliche Haltung der grossen Parteien die Wahlen 2015 in der letzten Phase?

Das glaube ich sehr. Vor vier Jahren war es Fukushima, heute ist es die Asyldebatte. Wer jetzt klar Stellung bezieht, kann punkten. Das sind meiner Ansicht nach vor allem die Polparteien. Wer glaubt, das Boot sei voll, wählt SVP. Wer die humanitäre Tradition der Schweiz hochhält, wählt links. Die SP.

Und die Grünen… Nach den Wahlen musst Du Farbe bekennen. Denn dein Name wurde für Regierungsrats-Ersatzwahl und den Stadtberner Gemeinderat immer wieder genannt. Exklusiv für Journal B könntest du jetzt einen Fingerzeig geben. Aber bitte nicht wieder «Es geht aber noch viel Wasser die Aare zdürab»…

Nein, nein, viel Wasser geht nicht mehr die Aare zdürab. Nach dem 18. Oktober muss ich mich effektiv entscheiden. Mein Resultat wird meinen Entscheid beeinflussen. Bei einem schlechten Resultat werde ich mich aber still halten.