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Sagt, was Bern bewegt
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KOLUMNE /

Christian Pauli

18.09.2015 | 06:30

Unser Autor stellt fest: Im Kanton Bern treten fast keine Kulturschaffenden zu den Nationalratswahlen an. Aber es gibt wählbare Ausnahmen. Das Rezept für ein kulturfreundliches Wahlverhalten.

Überall miese Plakate und halblustige Filmchen: Es ist Wahlkampf – allerdings ohne die Kultur. Gibt man bei Google «Nationalratswahlen Kulturpolitik Bern» ein, springt einem folgende Anmerkung ins Auge: «Es fehlt: Kulturpolitik». Big Brother muss es ja wissen. Dennoch tut eine kleine Recherche not.

Doch zuerst einen Blick nach Zürich. Dort kandidieren 35 Kulturschaffende auf der Liste Kunst + Politik (PDF) für den Nationalrat. Schriftstellerin Melinda Nadj Abonj, Schauspielerin Mona Petri, aber auch Kurator Stefan Zweifel und Kulturmanager Jean Zuber treten an, um «Kunst und Kultur direkt in die Politik einzubringen».

Initiantin Ruth Schweikert sagt dem österreichischen «Standard», warum Kunst + Politik trotz null Aussichten auf einen Sitzgewinn antritt: «Es gibt keine Vertretung von intellektuellen Städtern, dem Kreativsektor und der Wissenschaft. Stattdessen haben wir Bauern von links bis rechts und Unternehmervertreter. Unabhängige Geister fehlen zusehends.»

Im ländlichen Kanton Bern muss man Künstler, die zu den Wahlen antreten, mühsam zusammen krauen.

Christian Pauli

Schweikert hat recht – steht aber, zumindest ausserhalb Zürichs, ziemlich alleine da. Im ländlichen Kanton Bern muss man Künstlerinnen und Künstler, die zu den Nationalratswahlen antreten, mühsam zusammen krauen. Auf der offiziellen Liste des Kantons sind 567 Kandidaten und Kandidatinnen aufgeführt. Darunter finden sich zehn Kulturschaffende – wenn man den Begriff strapazieren mag. Das Problem: Von den zehn Kulturschaffenden wird niemand gewählt werden. Auch für die Kultur gilt: Ins Parlament schaffen es höchstens die Funktionäre.

Ein kleiner kultureller Rundgang durch Berns linke Parteienlandschaft fördert folgendes zu Tage: Die SP ist ganz ohne Kunst. Zumindest kandidieren für die grösste Partei der Stadt Bern keine Kunst- und Kulturschaffenden. Dafür hat die SP ein Kulturpapier und die prominente Kulturpolitikerin Nicola von Greyerz als Kandidatin mit Wahlchancen – blöd ist höchstens, dass die Kulturpolitik der SP Bern so wischiwaschi ist, dass sie niemand zur Kenntnis nimmt.

Bei den Grünen sieht’s ein bisschen besser aus: Mit Musikerin Bettina Keller und Garten-Schriftstellerin Sabine Reber kandidieren für das Grüne Bündnis immerhin zwei richtige Künstlerinnen. Interessant auch die Grünliberalen: Hans Zaugg-Graf, «Fotografiker» aus Uetendorf und Max Wiher, Werbegrafiker aus Biel vertreten quasi die Kreativwirtschaft.

Ästhetisch gesehen ist die FDP eine Wüste.

Christian Pauli

Auch interessant der Blick in die andere Richtung. Bei der Partei der Arbeit – ja, die gibts noch – kandidieren zwei echte Künstler: Maler Johannes Lortz und Marco Morelli, Clown und Schauspieler. Und bei der Jungen Alternative tritt der mir allerdings unbekannte Musiker Nicolas Fuhrimann an.

By the way, ein Blick nach rechts: Die Freisinnigen hätten ja einen Pascal Rub, der immer mal gescheite Sachen sagt zur Kulturpolitik der Stadt Bern. Aber «going national»? Fehlanzeige! Kein Rub bei den freisinnigen Kandidaten. Ästhetisch gesehen ist die FDP eine Wüste.

Die Zürcher Liste Kunst + Politik ist, wie könnte es anders sein, unter Kulturschaffenden umstritten. NZZ-Literaturkritiker Roman Bucheli holt gar weit aus, um die Liste in die Wüste zu schicken. Seinesgleichen der unnützen «Intellektuellensehnsucht» zu bezichtigen ist ein altbekanntes Muster. Warum diese ewige Selbstzerfleischung? Was stört es Bucheli, wenn ein paar Künstlerinnen, die aus ihrem Schneckenloch gucken, ein paar Stimmen kriegen? Ich auf jeden Fall werde alle sieben Berner Künstlerinnen und Künstler in den linken Parteien wählen. Ausserdem Aline Trede und Anna Linder. Aber das ist eine andere Geschichte.