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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Das STEK im Spiegel eines Stadtteils

Aus den Quartieren

Die allgemeinen Themen des Stadtentwicklungskonzeptes STEK 2015 hat Journal B bereits reflektiert. Besonders interessant: die konkreten Ideen zu den einzelnen Stadtteilen, beispielsweise zum Stadtteil IV.

Für das STEK 2015 (siehe auch «Mutige Ideen und eine schlappe Vision») liegen nun Ideen von fünf hochkarätigen, teilweise internationalen Teams zu den folgenden Themenbereichen vor:
• Zentrum Bern und funktionaler Raum
• Siedlungsentwicklung nach innen und Freiräume
• Stadterweiterung
• Quartierzentren und-struktur
• Mobilität und Gesamtverkehr

Mit grossem Interesse diskutierten die Delegierten der Quartierkommission des Stadtteils IV / QUAV4 am 1. September die im STEK vorgeschlagenen Projekte und Ideen für eine Entwicklung in den kommenden 15 bis 20 Jahren

Big Picture, Zooms und Micro-Massstab

In den verschiedenen Teilprojekten wird mit ganz unterschiedlichen Flughöhen gearbeitet. Von grossräu-migen und langfristigen Entwicklungen wie Stadterweiterung und Bypass A6 bis zu Analysen von ‚funktio-nalen Nachbarschaften' mit einzelnen Ladenstandorten wird eine beeindruckende Fülle von Themen zur Diskussion gestellt. Gerade beim Fokussieren auf die Lebenswelt der Quartiere wird deutlich, dass der neue Ansatz des STEK 2015 gegenüber dem Vorgänger STEK 95 wesentlich integraler und unter Einbe-zug gesellschaftlicher Themen angelegt ist.

Zentren XS, S und M - Kleidergrössen für das Quartierleben?

Mit der etwas saloppen aber eingängigen Bezeichnung für die Analyse dessen, was sich an vielfältigen Lebensformen in den Quartieren abspielt, gestützt oder ausgebaut werden sollte, implizieren die Bezeich-nungen aus der Modewelt sinnfällig, dass die gebaute Umwelt, die Quartiere und Nachbarschaften den Menschen wie gut angemessene Kleider auf den Leib geschnitten sein sollten!

Der Entwurf macht Lust zum Mitdenken

In nunmehr drei Überarbeitungsstufen haben sich die Delegierten aus den Quartiervereinen und Parteien zum laufenden STEK-Prozess äussern können. Etliche der daraus entstandenen Rückmeldungen sind eingeflossen. Nun, im letzten Schritt vor dem definitiven Entwurf geht es ‚um die Wurst'. Es wird konkret und entsprechend sind auch die Voten engagiert. Alles in Allem gibt es viel Lob und Respekt für die gute Arbeit der Planerteams. Auch wenn ein STEK die Welt nicht neu erfinden kann - gerade dieser Blick von aussen öffnet Fenster und bietet neue Aussichten auf alte Probleme. Es wird ein Ball geworfen, der von den Delegierten gern aufgenommen wird. Hoffentlich pfeifen nicht irgendwelche Schiris das Spiel ab bevor es richtig beginnt! Im Folgenden eine Auswahl an Themen und Kommentaren.

Stadterweiterung Ost - die Taube auf dem Dach?

Eine Stadterweiterung Ost - innerhalb bereits bebauter Siedlungsstrukturen zwischen den Gemeinden Muri, Ostermundigen und Bern - könnte relativ umweltverträglich und landschaftsschonend erfolgen. Aller-dings sei, so die These im STEK, der Autobahn-Bypass Voraussetzung und deshalb die Entwicklung erst nach 2030 zu erwarten.

Wir sind nicht damit einverstanden, alles zeitlich auf eine sehr unsichere Realisierung des Bypass auszu-richten. Woher werden wohl in 20 Jahren Mittel fliessen, die heute in noch prosperierenden Zeiten nicht zu finden sind? Das ist Prinzip Hoffnung! Es müssen unbedingt intelligente und zeitlich abgestufte Über-gangsszenarien ausgeheckt werden...

Plan B für den Freudenbergerplatz - der Spatz in der Hand!

In dasselbe Kapitel passt das nächste Thema: Das Abwarten auf den grossen Befreiungsschlag des By-pass führt folgerichtig auch dazu, dass sich niemand die Finger am Unort Freudenbergerplatz verbrennen will.

Wir wollen aber nicht noch 30 Jahre auf deutliche Verbesserungen warten. Der ‚Platz' ist allen Widrigkeiten zum Trotz nämlich rege belebt und schon heute ein Ankerpunkt: Einkaufszentrum, Fuss- und Veloknoten-punkt, ÖV-Knoten, Autobahn-Vollanschluss und - kritische - Wohnlage. Sofort ans Werk - muss hier die Parole heissen!

Wohin mit dem Monster-Monument?

Die Umgestaltung des Helvetiaplatzes als Empfangszentrum für die Museumsinsel und als belebter Treffort für alle ist auch aus Quartiersicht eine interessante Option, die relativ rasch angegangen werden könnte.

Wer weiss, vielleicht lässt sich dadurch auch einmal das ungeliebte Monster-Monument los werden? Wir sind aber dezidiert der Ansicht, dass erst über die Museumsinsel befunden werden kann, wenn eine Ge-samtplanung aller Freizeit- und Kulturzonen, der Frei- und Naturräume und des dazugehörigen Erschlies-sungskonzepts im unteren Kirchenfeld vorgelegt wird. Das planerische Eigenleben des Tierparks muss ebenso eingebunden werden wie das Konzept zur Ka-We-De und der angrenzenden Sport- und Erho-lungsflächen im Dählhölzli und an der Aare. Erst dann kann über die Quartierverträglichkeit der Eingriffe befunden werden. Wagen wir als ersten Schritt eine Langfirst-Vision Kirchenfeld-Dählhölzli!

Die Zwillingsschwestern Verdichtung und Freiraum

Die Zwillingsschwester der Verdichtung ist der Freiraum. Das Eine ist nicht ohne das Andere denkbar. Ver-dichten kann man nur dort, wo im Gegenzug die Qualität der Umgebung, der Wohnlage und Wohnform deutlich verbessert werden kann. Die beiden für den Stadtteil IV vorgeschlagenen grösseren Verdich-tungsgebiete Muristrasse / Mülinenstrasse (Baustelle 8) und 9 Galgenfeld (Baustelle 9) werden diesbezüg-lich unterschiedlich beurteilt.

Während der Masterplan Galgenfeld, der die zukünftige Entwicklung der heute strukturlosen Gegend zur dichten und gemischten ‚Kreativ – und Wohnzone' Galgenfeld steuert, ein altes Anliegen der Quartierkom-mission darstellt, überrascht die Wahl der Baustelle 8' an der Muristrasse. Einerseits fehlt an der Muristras-se zum Boulevard das städtebauliche Gegenüber, andererseits trifft dieses Projekt ausgerechnet eine für das Quartier bereits dichte Zone mit grosszügigen und günstigen Wohnungen. Noch gut überdenken!

Ein verkehrsfreier Platz für jeden Stadtteil

Dies ist die mutige Forderung im STEK 2015.

Es ist zu befürchten, dass diese Forderung zur ewigen Vision verdammt ist, denn wo bitte findet sich ein Platz von einiger Grösse, der nicht seine eigentliche Bestimmung in der Lenkung von Verkehrsströmen findet? Helvetiaplatz? Thunplatz? Burgernziel? Egghölzli? Freudenbergerplatz? Vergässets! Konzentrieren wir also unsere Bemühung auf die Verbesserung der letztgenannten Verkehrswüste am Freudenbergerplatz. Mit den Übrigen lässt es sich leben...

Quartierzentren und –läden

Es geht um Nachbarschaften, Identitätsorte um Versorgung, Mobilität und Ausstattung innerhalb der Quar-tiereinheiten.

Endlich wird einmal formuliert, wie prekär in gewissen Quartierteilen und Nachbarschaften die Versorgung mit täglichen Gütern bereits ist und wie schädlich sich dieser Mangel unter anderem auf die Quartieridenti-tät auswirkt. Allerdings sind konkrete Stützungsmassnahmen für Quartierladenstandorte als informelle Treffpunkte schwierig. Das A und O für das Überleben solcher Kleinststrukturen ist Personendichte - und die lässt bekanntlich besonders in Gartenstadtquartieren zu wünschen übrig.

Im Herbst werden Gemeinderat und Parlament, anfangs 2016 auch die Bevölkerung zum neuen Stadtent-wicklungskonzept Stellung nehmen können.