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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Mutige Ideen und eine schlappe Vision

Drittes und letztes Forum zum STEK 2015. 52 Organisationen haben 485 Anregungen eingebracht und fünf interdisziplinäre Teams ebenso viele Teilprojekte. Der Synthesebericht allerdings ist nicht befriedigend.

485 Anregungen und Inputs von 52 Organisationen nahm die Projektleitung des Stadtentwicklungskonzepts STEK 2015 aus den ersten beiden Mitwirkungsforen im Mai und im August 2014 entgegen und integrierte sie «wo immer möglich» in die fünf Teilprojekte:

• Zentrum Bern und funktionaler Raum;

• Siedlungsentwicklung nach innen und Freiräume;

• Stadterweiterung;

• Quartierzentren und -struktur;

• Mobilität und Gesamtverkehr.

Das Resultat, der Entwurf zur Schlussfassung des STEK 2015, wurde am 8. September im Rahmen des dritten und letzten Forums in der Schulwarte mit den «Stakeholdern» aus Politik, Verbänden und Quartieren diskutiert.

Fünf interdisziplinäre Teams, fünf spannende Teilprojekte

Seit dem letzten Forum vor ziemlich genau einem Jahr haben die PlanerInnen die groben Linien der Teilprojekte verfeinert und konkretisiert. Das Resultat ist ausgesprochen spannend. Man spürt deutlich die erfrischende Sicht der Teams, die zum Teil mit dem Aussenblick von Zürich, Hamburg, Karlsruhe her die leicht verhockte Berner Mentalität und Sichtweise erweitern. Endlich, möchte man rufen, wird so etwas wie ein Stadt-ENTWICKLUNGS-Konzept formuliert, das als Richtschnur für die Zukunft dienen kann! Das grosse Motto «Gutes Leben in der Stadt – für Alle» blitzt vielfältig auf in den Teilprojekten.

«Wir wünschen uns definitiv etwas mehr visionären Enthusiasmus für Bern!»

Sabine Schärrer

Allerdings folgt das grosse ABER auf dem Fuss: Als Kondensat aus den farbigen Teilprojekten ist verwaltungsintern ein Synthese-Bericht erstellt worden, der die spannenden Bausteine durch die Mühle dreht und eine zahn- und mutlose Endfassung des STEK 2015 befürchten lässt. Viele VotantInnenen am dritten Forum riefen den PlanerInnen denn auch Mut zu und würdigten explizit die kreative und – zumindest für hiesige Verhältnisse – unkonventionelle Herangehensweise der Teilprojektteams.

Ein mutlose Einschränkung…

Als besonders beunruhigend empfinde ich den Disclaimer, den das Stadtplanungsamt seiner Einleitung zum Synthese-Bericht voranstellt: Das STEK 2015 befasse sich ausschliesslich mit räumlichen und raumplanerischen Themen. Diese Einschränkung ist nicht akzeptabel und trifft auch gar nicht zu. Bereits auf Seite 9 wird die Verpflichtung auf Nachhaltigkeit stipuliert, die ja bekanntlich ausdrücklich soziale, ökonomische und ökologische Parameter integriert. Zumindest das Teilprojekt 4 behandelt mehrheitlich stadtsoziologische Aspekte und alle Teams waren interdisziplinär zusammengestellt. Es kann doch heute kein Stadtentwicklungskonzept mehr geben, das sich nicht intensiv mit gesellschaftlichen Fragen im weitesten Sinn befasst! Die einschränkende Formulierung darf nicht so stehen gelassen werden und den Planungsbehörden als zukünftige Ausrede dienen, sich «ausschliesslich auf räumliche und raumplanerische Themen» zu beschränken.

…und eine schlappe Vision

Während sich das Motto «Gutes Leben in der Stadt – für Alle» als recht taugliche oberste Zielsetzung eignet, ist die im Synthesebericht versuchte «Vision» – richtigerweise in Anführungszeichen gesetzt – blutleer und brav. Einzig die Formulierung «selbstbewusste und charmante Hauptstadt» vermag eine etwas positive Stimmung zu erzeugen. Kommt die Bravheit vielleicht daher, dass die «Vision» nachträglich aufgrund des «räumlichen Handlungsbedarfs und der festgestellten strategischen Handlungsfelder» (sic!) formuliert wurde? Wir wünschen uns definitiv etwas mehr visionären Enthusiasmus für Bern!

Gute Ideen aus den Teilprojekten

Im Gegensatz zur schlappen «Vision» bieten die Teams der Teilprojekte viel frischen Wind und mutige Ideen. Zum Beispiel:

Aus dem Kulturbereich: Die Umgestaltung des Helvetiaplatzes zum Empfangszentrum für die Museumsinsel und als belebter Treffort für alle.

Verdichtung nach innen: Zur Zeit das Top-Thema, das sehr differenziert und situativ auf Quartierstrukturen angepasst und nur im Verbund mit gesteigerter Qualität propagiert wird. Wo nötig (Gartenstadtquartiere im Privateigentum) wird viel Zeit für die Transformation eingeräumt, andere Gebiete wie z.B. das «Chantier [= Baustelle] Galgenfeld» böten schon bald erhebliches Verdichtungspotenzial. Unter diesen Voraussetzungen kann Verdichtung mit verschiedenen Instrumenten angegangen und gesteuert und der Bevölkerung auch kommuniziert werden.

Verkehrsräume und grosse Strassen: Für Bern ist es ein interessanter neuer Ansatz, dass viel Verkehr nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit Verkehrswüste, sondern zu einem urbanen Umfeld dazugehört und ein eigenes Aufwertungs-Potential besitzt. Es gibt zukünftig keine ungenutzten «Restflächen» mehr. Dafür könnten heutige Verkehrskorridore in Zukunft zu belebten Stadt-Boulevards werden.

Neues Verkehrsregime:

Das Strassennetz wird neu eingeteilt in

• Basisnetz mit grundsätzlich 50 km/h;

• Quartier-Verbindungsnetz grundsätzlich und flächendeckend 30 km/h (Ausnahmen möglich);

• Quartierstrassen grundsätzlich und flächendeckend 20 km/h (Ausnahmen möglich). Mit der Einführung von Tempo 20-Zonen für ganze Wohninseln wird das Verkehrsregime geklärt, Wohnqualität gewonnen und gleichzeitig die Signalisation vereinfacht.

• Die Dominanz des parkierten Verkehrs in den Quartieren soll reduziert werden.

Quartierzentren und -strukturen:

Ein interessantes Teilprojekt, das versucht, sich explizit auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung in dreissig Jahren auseinanderzusetzen: Es geht um Nachbarschaften, Identitätsorte, um Versorgung, Mobilität und Ausstattung innerhalb der Quartiereinheiten. Aus den Kriterien Zentrenstruktur, Freiräume, Versorgung, Mobilität und soziale Infrastruktur wird ein Konzept zur Stärkung der Identität und der Versorgungs- und Infrastruktur erarbeitet.

Was der STEK-Entwurf ausblendet

Der Entwurf zum STEK orientiert sich an heutigen Lebensumständen und Verhaltensweisen in der Annahme, dass diese in zwanzig oder dreissig Jahren immer noch gelten. Die Extrapolation der heutigen Daten auf diesen Zeitraum ist jedoch angesichts der Tatsache, dass sich in vielen Lebensbereichen sehr schnell grosse Veränderungen abzeichnen, mit viel Ungewissheit behaftet. Verschiedene TeilnehmerInnen haben deshalb die Idee eines ins STEK 2015 integrierten, periodischen Monitorings zur Überprüfung der heute getroffenen Annahmen anhand einiger ausgewählter Parameter eingebracht. Dabei geht es insbesondere um die Parameter Klima, Energie, Mobilität, Gesellschaft, um ihre Wechselwirkungen und ihr Veränderungspotential.

Die Erwartungen an ein Leitwerk der Planung für die nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahre liegen naturgemäss hoch. Die sich abzeichnenden grosse Umbrüche in vielen Lebensbereichen bilden sich erst zuletzt in der gebauten Umwelt ab. Ein Stadtentwicklungskonzept muss sich deshalb intensiv und integral mit den weichen Entwicklungsfaktoren befassen. Eine Forumsteilnehmerin fasste den Umgang mit diesem Anspruch in die Worte: «Wir können vom STEK wohl nicht eine neue Welt erwarten, aber es sollte aufzeigen, wie und mit welchen Konsequenzen es sich in das Regelwerk von Politik und Verwaltung und in die gelebte Erlebniswelt der BewohnerInnen einfügt und inwiefern es sich als übergeordnetes Steuerungsinstrument eignet.»

Im Herbst werden Gemeinderat und Parlament, Anfangs 2016 auch die Bevölkerung zum neuen Stadtentwicklungskonzept Stellung nehmen können.