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Journal B

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Das Gute ist einfach

Wahlen 2015

«Politik muss die Kunst sein, aus unterschiedlichen Haltungen in Zusammenarbeit und in gegenseitigem Respekt gemeinsame, tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Wir müssen Brücken schlagen, und das nicht nur im Wahlkampf.»

Christine Häsler, Nationalrätin der Grünen. – National- und Ständeratskandidatin. (Foto: zvg)

«Das Gute ist einfach. Einfachheit ist die höchste Stufe der Vollendung», sagte Leonardo da Vinci. Vollendung heisst also nicht ausgeklügeltes, kompliziertes Optimum. Vollendung zeigt sich in der Einfachheit.

Wir verdrängen den Wert der Einfachheit gern. Es ist nicht erstrebenswert, als einfach zu gelten oder einfach zu sein. Wir streben nach mehr, nach Grösserem, nach Vollkommenheit, als Menschen, aber auch als Gesellschaft, in Wirtschaft, Politik und Konsum. Wir wollen perfekte Lösungen für komplexe Anliegen. Wir wollen allem gerecht werden, für alles vorsorgen und alles regeln, vom Abfall- bis zum Zivilschutzreglement.

Aber die Gesellschaft braucht auch noch etwas anderes, ganz Einfaches. Zusammenhalt. Quartiergeist. Dorfkultur.

Mein Dorf Burglauenen ist sehr klein. Etwa hundertvierzig Menschen leben in teilweise weit voneinander entfernten Einzelgehöften. Wir laufen nicht jeden Tag zusammen. Es gibt keine Schule, keine Post, keinen Laden und kein Restaurant mehr, nur noch eine Bahnstation. Aber wir kennen uns noch und wir «dorfen»* miteinander, wenn wir uns unterwegs treffen, fragen nach dem Befinden, erzählen und erfahren etwas. Wir wissen, wenn jemand im Spital ist, ein Kind ankommt, jemand stirbt. Dann ist man füreinander da, bringt etwas vorbei, fragt nach, ob Hilfe nötig sei. 

Wir Menschen können noch so durchorganisiert, effizient und kompetent sein. Als Basis brauchen wir auch einfachste, aber existentielle Dinge – Sicherheit, Zugehörigkeit und Geborgenheit. Wir brauchen es, mit jemandem zu «dorfen». Wir brauchen ab und zu Hilfe und wir brauchen es fast noch mehr, helfen zu können.

Und was hat das jetzt mit Politik zu tun? Und mit einem Partei- oder Kandidatinnenprogramm? Das werden Sie sich jetzt wohl fragen. Ich verstehe das.

Doch es hat viel mit Politik zu tun. Mit meiner Idee von Politik. Wir brauchen wieder Gemeinsinn, Solidarität und Zusammenhalt. Wir müssen Brücken schlagen, und das nicht nur im Wahlkampf, denn im Wahlkampf sind immer alle Kandidierenden echte «Brückenbauer», und in der politischen Arbeit sind sie dann erbitterte Grabenkämpfer. So kommen wir zu nichts.

Politik muss die Kunst sein, aus unterschiedlichen Haltungen in Zusammenarbeit und in gegenseitigem Respekt gemeinsame, tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Dieses Kunststück muss uns gelingen. Ungeachtet der schönen Medienpräsenz, die ein echter Streit oder gar ein kleiner Skandal bieten würde. Dieses Kunststück muss uns nur schon deshalb gelingen, weil gewaltige politische Herausforderungen auf uns warten. Der Klimawandel gehört wieder auf den Tisch, die Energiewende müssen wir ins Trockene bringen, die Altersvorsorge sichern, für die riesige Flüchtlingsproblematik Lösungen finden und ebenso für das Gefälle zwischen den Reichsten und den Ärmsten in unserem Land. Armut in der reichen Schweiz darf nicht länger geduldet werden und Menschen, die heute am Rande der Gesellschaft leben, die gehören in die Mitte von uns. Gemeinsam leben – das muss unser Credo als Gesellschaft sein; gemeinsam an Lösungen und an der Zukunft arbeiten das Credo der Politik.

Danke für die Beiträge, die Sie an dieses Projekt leisten!

* «dorfen» steht im Grindelwaldner Dialekt für «miteinander reden».

Journal B hat KandidatInnen von der Mitte bis links aussen gefragt: Welches sind die entscheidenden politischen Knackpunkte in den nächsten vier Jahren und welche Massnahmen sind aus Deiner/Ihrer Sicht vordringlich? Im Rahmen dieser Serie werden ihre Antworten dokumentiert.

Bisher erschienen:

• Sabine Reber (Grüne): Neue Gärten braucht das Land!

• Jürg Joss (SP): Die Schweiz wenden!

• Annette Lehmann (SP): Für mich gibt es keine Nicht-Politik