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Stadtreparatur im Osten: Testplanung jetzt!

Die Entstopfung des Autobahn-Flaschenhalses zwischen Wankdorf und Muri ist vorderhand auf Eis gelegt. Aber das Quartier ist nicht bereit, noch dreissig Jahre auf die dringende Stadtreparatur zu warten.

Alltag an der A6 über dem Freudenbergplatz. (Foto: Fredi Lerch)

Dass im Osten Berns eine Stadtreparatur überfällig ist, ist weitherum unbestritten. Wann und wie, da scheiden sich die Geister. Der Bund hat denn auch 2008 aus dem Infrastrukturfonds ein Sanierungspaket zur Engpass-Beseitigung geschnürt, das anfänglich auf Wunsch von Stadt und Kanton Bern auch den Bypass der A6 – also den ein- oder zweiröhrigen Seidenbergtunnel – zwischen Wankdorf und Muri enthalten sollte. Dies hätte die Möglichkeit eröffnet, grobe Planungsfehler aus den autoverliebten 60er Jahren zu korrigieren.

Das vor einigen Jahren als verkehrs- und siedlungspolitischer Befreiungsschlag lancierte Projekt Bypass A6 hat sich jedoch als kaum finanzierbar herausgestellt. Obwohl alle beteiligten Stellen beteuern, daran weiter zu arbeiten, wird es doch zumindest um dreissig bis vierzig Jahre, also um mindestens eine Generation hinausgeschoben. Die mit dem Bypass versprochene Stadtreparatur soll damit sang- und klanglos beerdigt werden. Wie gäbig!

Pannenstreifenumnutzung in der Pipeline

Zwischenzeitlich soll das Projekt «Pannenstreifenumnutzung PUN» auf der überlasteten A6 Remedur schaffen. Die Pannenstreifen werden je nach Stausituation dem Ausfahrts- oder Einmündungsverkehr zur Verfügung gestellt. Ampeln und elektronische Anzeigen ermöglichen ein weiträumiges Verkehrsmanagement (Muri, Wankdorf, Achse Ostring-Thunplatz etc.). Verflüssigung, weniger Stau ergo weniger Schadstoffe und Lärm und trotzdem keine Verkehrszunahme seien zu erwarten, so die projektverantwortlichen Behörden.

Gleichzeitig mit PUN wird auch die gesetzlich vorgeschriebene und dringend notwendige Lärmschutzsanierung mittels neuer Lärmschutzwände an die Hand genommen. Soweit so gut. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) hat sich zwar bisher um offene Information bemüht, aber Mitsprache haben letztlich nur die betroffenen Liegenschaftsbesitzer und die Stadt Bern – Quartierorganisationen sind nicht einspracheberechtigt. Eine weitere Tatsache ist, dass der gesamte Perimeter Freudenbergerplatz inkl. aller Verkehrsanlagen in Besitz und Verantwortung des ASTRA ist, welches sich sicher nicht aus eigener Initiative um Verbesserungen der Fussgängerverbindungen auf Platzniveau kümmert, zum Beispiel.

Ist PUN der Spatz in der Hand?

Zu befürchten ist, dass durch das nützliche Flickwerk PUN die eigentliche Stadtreparatur vergessen geht. Das Quartier ist nicht bereit, «untätig» noch weitere dreissig Jahre auf die versprochene grosse Stadtreparatur zu warten. Deshalb verlangt die Quartierorganisation QUAV4 vom Gemeinderat:

•  dass zum Beispiel mittels einer Testplanung möglichst rasch abgeklärt wird, welche Möglichkeiten zur Verbesserung der städtebaulichen Fehlplanung aus den 60er Jahren am Ostring bestehen;

•  dass ein partizipatives Vorgehen unter Einbezug aller Anspruchsgruppen gewählt wird;

•  dass ergänzend zu den verkehrs- und lärmschutztechnischen Massnahmen von PUN Pläne für eine «Stadtreparatur light» im Raum Freudenbergerplatz erarbeitet werden.

Schützenhilfe aus dem Parlament

Die dringliche Motion von Thomas Göttin (SP) und weiterer MotionärInnen greift dasselbe Anliegen auf. Am 13. August 2015 wurde dem Gemeinderat mit 43 zu 25 Stimmen der Auftrag erteilt, sich einerseits mittels Einsprache beim ASTRA für die Anliegen der QuartierbewohnerInnen einzusetzen und andererseits die weiteren Fragen der Stadtreparatur in diesem Perimeter unter Einbezug der Bevölkerung mittels eines Testplanverfahrens abzuklären.

Aus Sicht von QUAV4 müssen zudem so schnell wie möglich folgende Fragen geklärt werden:

•  Welche Möglichkeiten gibt es, diesen Quartierteil trotz weiterhin riesiger Verkehrsbelastung zukunftstauglich zu gestalten?

•  Wie soll sich die Gegend um den Freudenbergerplatz nutzungsmässig entwickeln? Welche heutigen Wohnlagen sind allenfalls mittelfristig «umzustrukturieren», welcher Nutzungsmix ist anzustreben?

•  Wie können die unwirtlichen Räume unter den Viadukten umgestaltet, das heisst um- oder zwischengenutzt werden? Welche Möglichkeiten einer fussgängerfreundlicheren Platzgestaltung gibt es?

•  Wie stellt man eine grösstmögliche Quartierverträglichkeit der neuen Lärmschutzwände (LSW) sicher (Form, Materialien, Bepflanzung etc.)? Wo genügen LSW, wo muss allenfalls mit Einhausungen gearbeitet werden?

Sehr wichtig wird dabei sein, die privaten Liegenschaftsbesitzer ins Boot zu holen und sie für diese Zukunftsdiskussion zu motivieren. Denn diese Diskussion kann nicht (wie mit dem Instrument der Einsprache vorgezeichnet) allein mit den Liegenschaftsbesitzern geführt werden – von der Stadtreparatur im Osten Berns sind viel Bevölkerungsteile, ja grundsätzliche Interessen eines ganzen Stadtteils betroffen!