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Mein Buch: «Maos grosser Hunger»

Ausgelöst durch ein Buch über die Schreckensherrschaft von Mao in China, macht sich unser Autor Gedanken über Sozialismus und Mehrheiten. Und im Gegensatz zu Peter Bichsel kann er sich eine sozialistische Mehrheit vorstellen. Irgendwann.

In diesem Frühjahr lag auf meinem Nachtischchen sicher drei Monate lang ein gut 500-seitiges Sachbuch, das ich von der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung bezogen hatte – einer Institution, deren Neuerscheinungen man mit Vorteil regelmässig im Auge behält. Nachdem ich es nun fertig gelesen habe, muss ich sagen: Ich bin froh, dass ich es kenne, aber als Nachttisch-Lektüre eignet es sich nicht.

Die Zeit des «grossen Sprungs»

Es heisst: «Maos grosser Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China (1958-1962)». Verfasst hat es der niederländische Sinologe und Historiker Frank Dikötter. Thema ist der zweite Fünfjahresplan der Volksrepublik China, der unter dem Namen «Grosser Sprung nach vorn» in die Geschichte eingegangen ist.

Dieser Sprung war der Versuch des zentral gesteuerten, forcierten wirtschaftlichen Aufschwungs. Der Einparteienstaat hat dabei mit missionarischer Gewalt noch die gemeingefährlichste Dummheit als ökonomische Wahrheit in die Praxis umgesetzt. Dikötter beschreibt diesen Prozess von den utopischen Plänen über die Zerstörungen von Natur und Infrastruktur bis zu den Überlebensstrategien der Hungernden und zu ihren Todesarten.

So viele Tote wie im Zweiten Weltkrieg

Dann stellt er die Frage: «Wie viele Menschen starben?» und antwortet: «Der Hungersnot fielen mindestens 45 Millionen Menschen zum Opfer» (S. 431). Ungefähr 2,5 Millionen starben «durch brutale Misshandlung und Folter» (S. 387). Weitere «1 bis 3 Millionen Menschen nahmen sich das Leben» (S. 395).

Der «Grosse Sprung nach vorn» forderte demnach Opfer in der Grössenordnung der Kriegstoten des Zweiten Weltkriegs (rund 50 Millionen). Welches ist nun das überlegene System: der Kapitalismus, der einen Weltkrieg entfesselt, um in knapp sechs Jahren 50 Millionen Tote zu produzieren oder der Sozialismus, der das Gleiche nach dem Motto «Schwerter zu Pflugscharen» in fünf nicht-kriegerischen Jahren schafft?

«Die Mehrheit des Sozialismus interessiert mich nicht»

Es hat nicht dieses Buch gebraucht, um mich zu einem agnostischen Linken zu machen. Wenn ich je in eine politische Partei eintreten würde, dann zwar sicher in eine sozialistische, aber ebenso sicher in jene von Peter Bichsel. Er versteht sich selber als demokratischer Minderheitssozialist und hat letzthin gesagt: «Sobald die SP 51 Prozent hat, trete ich aus. Die Mehrheit des Sozialismus interessiert mich nicht.»

Allerdings bin ich im Vergleich zu Bichsel ein unverbesserlicher Optimist. Deshalb sage ich: Die Mehrheit des Sozialismus interessiert mich noch nicht. Aber in zwei-, dreitausend Jahren (falls es dann noch Menschen gibt) und die aufgeklärte Vernunft einer kleinen Minderheit die Herzen einer grossen Mehrheit vermenschlicht ist, dann müsste man die Sache wohl noch einmal prüfen. Bis dahin bleibe ich am basisdemokratischen Flügel von Bichsels Partei aktiv.

Vorderhand habe ich als Nachttisch-Lektüre wieder einmal Friedrich Hölderlins Roman «Hyperion» hervorgeholt.

Frank Dikötter: Maos grosser Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China 1958-1962, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 2014, 526 Seiten, 4.50 Euro.