Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Mein Buch: «Der Sieg des Kapitals»

Ein Buch, das unterhaltsam erhellt. Ein Buch, das zur Umkehr auffordert und zeigt, wie ungewiss diese ist. Aus diesen Gründen ist Ulrike Herrmanns «Der Sieg des Kapitals» die Empfehlung des Autors zum Start der Ferienschluss-Serie «Mein Buch».

Die neue Völkerwanderung, die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge, die Klimaerwärmung, die Umweltprobleme, die Banken-Krise, die Euro-Krise, die Griechenland-Krise, die Sicherung des Sozialstaats, die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems, die Gewährleistung der Pflege – für alles und noch viel mehr sehen die meisten von uns keine Lösungen. Oder zu einfache. «Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhängt, ist das Volk ein Stümper», hat der deutsche Schriftsteller Botho Strauss gesagt. Ein neueres Buch hilft, einen für vieles wichtigen Grund ein bisschen besser zu verstehen: den Kapitalismus.

Das Buch eignet sich auch für die Badi. Es ist spannend geschrieben. Ein Wirtschaftsbuch, das nicht von Mathematik und Zahlen handelt, sondern von der Entwicklung des menschlichen Arbeitens, Zusammenlebens, sich Organisierens erzählt. Lösungen bietet die Autorin, Wirtschaftskorrespondentin der Berliner Tageszeitung taz, nicht an. Wohl aber klärt sie Leserinnen und Leser auf über 250 Jahre einer bestimmten Wirtschaftsweise – und stimmt sie dabei nicht gerade hoffnungsfroh. Denn der Kapitalismus muss überwunden werden, bloss ist dafür kein gängiges Rezept in Sicht.

Ulrike Herrmann schält zuerst den Begriff heraus. Kapitalismus ist nicht Geldwirtschaft, nicht Marktwirtschaft. Es geht bei ihm um den Einsatz von Kapital mit dem Ziel, hinterher noch mehr Kapital zu besitzen; es geht um einen Prozess, der exponentielles Wachstum erzeugt, erzeugen muss. Es geht um eine Form des Wirtschaftens, die Rohstoffe und Energie solange nutzt, bis die Grenze des Wachstums erreicht ist: Um einen zuerst produktiven, letztlich selbstzerstörerischen Umgang mit den Lebensgrundlagen.

Alles begann im Nordwesten Englands um 1760. Die Löhne waren hoch, Energie billig. Es lohnte sich, Arbeit durch Maschinen zu ersetzen. Mechanische Webstühle, Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität. Die Menschen wurden ins Elend entlassen. Nach und nach zog die Konjunktur an. Neue, bessere Arbeitsplätze entstanden. Ab etwa 1880 stiegen die Löhne dank der Gewerkschaften. Die Nachfrage wuchs, die Konsumgesellschaft entstand. Der Zwang zum Wachstum, zur Erschliessung immer neuer Rohstoffe und Ressourcen begann. Bis heute.

Was ist daraus geworden? «Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum bedeutet eine Öko-Katastrophe. Der Kapitalismus erscheint wie ein Fluch. Er hat den Reichtum und den technischen Fortschritt ermöglicht, der es eigentlich erlauben würde, mit wenig Arbeit auszukommen. Aber stattdessen muss unverdrossen weiter produziert werden, obwohl dies in den Untergang führt. (...) Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb gross, dass der Kapitalismus an den Umweltproblemen scheitert, die er selber erzeugt (Seite 246).»

Ulrike Herrmann arbeitet an einer linken Zeitung, vertritt Kapitalismus-kritische Positionen, zeigt auf, erklärt, nimmt uns mit auf dem Weg des Verstehens. Dieses führt sie – und also uns – dazu, im Kapitalismus eine Kulturleistung zu sehen. Eine doppeldeutige, im Sinne des Satzes von Walter Benjamin: «Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein».

Was nun? «Es fehlt nicht an einer Vision, sondern am Weg dorthin. Viele Kapitalismuskritiker glauben, es sei ganz einfach, auf Wachstum zu verzichten und damit den Kapitalismus abzuschaffen, weswegen sie über den Prozess gar nicht erst nachdenken. Tatsächlich ist es jedoch eine bisher ungelöste Herausforderung, wie sich der Übergang von einer kapitalistischen Ökonomie zu einer Kreislaufwirtschaft organisieren liesse (Seite 245).»

Das Ende des Kapitalismus ist also nicht in Sicht. Wenn wir das Buch zuschlagen, wissen wir ein wenig mehr über die Geschichte. Wir erkennen besser, dass Umkehr dringend ist. Wir sehen aber auch, dass es dafür keinen sicheren Weg gibt. Wenn wir trotzdem die Hände nicht in den Schoss legen, haben wir – glaube ich – Ulrike Herrmann verstanden. Und den Sommer in der Badi genutzt.

Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen; Westend Verlag, Frankfurt a.M., 2013, 288 Seiten.