Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Unterwegs auf der Balkan-Route (III)

Statt eines Kommentars: Was heisst das, wenn das Netzwerk «Welcome to Europe», Flüchtlinge unterstützend, «Politik mit humanitärer Nebenwirkung» macht? Eine misstrauische Nachfrage und die Replik von Salvatore Pittà.

Salvatore Pittà am 14. Mai 2015 auf dem Lido von Lugano an einer Kundgebung des Soccorso Operaio Svizzero. (Foto: zvg)

Lerch an Pittà (Mail, 23.7.2015, 9.14 Uhr)

Lieber Salvi

Ich habe noch einmal über die «Politik mit humanitärer Nebenwirkung» nachgedacht, mit der Du die Praxis des Netzwerks «Welcome to Europe» charakterisierst. Wenn ich diese Praxis als politische Strategie verstehe, dann ist das ja wohl eine, die die flüchtlingspolitischen Widersprüche in Westeuropa so weit radikalisieren will, dass sich gesellschaftlich quasi ein qualitativer Sprung ereignet.

Dieser Sprung wird aber voraussichtlich nicht zum flächendeckenden Ausbruch von Menschenfreundlichkeit führen oder zur Einsicht der Reichen, europa- oder gar weltweit den sozialen Ausgleich forcieren zu wollen. Führen wird er voraussichtlich zu Gewalt: entweder zu militanter Renitenz gegen die staatlichen Asylpolitiken (von rechts) und/oder zu militanter Fremdenfeindlichkeit.

Klar kann «Welcome to Europe» dann sagen: «Was zu beweisen war: Überall Rassismus!» Und bewiesen wäre dann tatsächlich auch, dass die Grundidee des Netzwerks keine humanitäre ist. Bloss scheint mir in diesem Fall das politische Kalkül, das hinter dem Engagement des Netzwerks steckt, ein zynisches zu sein, weil es das Verheizen von Flüchtlingen billigend in Kauf nimmt.

Pittà an Lerch (Mail, 23.7.2015, 15.45 Uhr)

Lieber Fredi

Unsere politische Strategie entspricht entgegen Deinen Ausführungen den Lehren der «Underground Railroad»: Die Fluchthilfe begann in den USA des 19. Jahrhunderts durch Menschen, die sich selbst von der Sklaverei befreit hatten, indem sie den Weg nach Norden beschritten. Sie wurden mit den Jahren mehr und mehr, und parallel dazu immer häufiger auch von Menschen unterstützt, die zwar sozusagen nicht direkt betroffen waren, jedoch an den Zuständen verzweifelten, unter denen diese Menschen litten. Von Jahr zu Jahr wurde die Unterstützung grösser, immer mehr Menschen mobilisierten sich für die Abschaffung der Sklaverei. Es kam zum Sezessionskrieg, worauf die Sklaverei abgeschafft wurde.

Wenn Du nun meine Intervention an der griechisch-mazedonischen Grenze anschaust, dann kam der Impuls von den Flüchtlingen selbst, und ich beschränkte mich eigentlich darauf, bereits Mobilisierte zusammenzubringen und danach öffentlich sichtbar zu machen – immer entsprechend ihren Wünschen. So ist auch unser Netzwerk an einem Grenzcamp entstanden, an dem sich Bootsflüchtlinge und Solidarische austauschten. In sechs Jahren konnten wir Aktive aus 33 Ländern zusammenbringen. Nun, ich kann tatsächlich nicht voraussagen, ob es auch in Europa zu kriegsähnlichen Zuständen kommen wird, wenn wir es schaffen, mehr Menschen für unsere Sache zu mobilisieren. Und noch weniger kann ich voraussagen, wohin solche Zustände führen würden. Aber das kannst Du wohl auch nicht.

Für die Widersprüche der europäischen Migrationspolitik kann «Welcome to Europe» reichlich wenig. Siehst Du denn eine Alternative dazu, die Bevölkerung für diese Widersprüche und deren tödlichen Folgen zu sensibilisieren und dagegen zu mobilisieren? Ich sehe nichts Zynisches darin, im Gegenteil: War nicht das Schweigen der Mehrheit in Nazi-Deutschland, ist nicht das In-Kauf-Nehmen von Toten durch eine Asylgesetzrevision zynisch? Hat Euer Schweigen denn zu einer Abnahme an Rassismus geführt, und falls Du dieser Meinung bist: Woran erkennst Du das? Hast Du das Gefühl, man hätte über Mittelmeer-Tote geredet, wenn nicht wir von «United» deren Namen gesammelt und veröffentlicht hätten (Du berufst Dich ja selber auf die «United»-Liste mit zurzeit 22394 dokumentierten Opfern der Festung Europa seit 1993); wenn nicht wir vom Referendumskomitee gegen die Abschaffung des Botschaftsasyls gekämpft hätten? Es ist meines Erachtens eine zentrale Bürgerpflicht, auf Missstände aufmerksam zu machen und zu versuchen, Widersprüche zu überwinden.

Manchmal braucht es dazu eine Eskalation, meistens nicht. Wir haben zum Beispiel in Eidomeni keine Steine geworfen, sondern mit den mazedonischen Grenzbehörden eine Lösung gesucht und auch gefunden, die Situation also deeskaliert. Ziel von «Welcome to Europe» ist jedoch weder das Eine noch das Andere: Wir wollen konkret Lebenshilfe leisten und gleichzeitig die Verhältnisse ändern, die unsere Lebenshilfe nötig machten. Anders formuliert: Ich finde es toll, wenn ich mithelfen kann, einzelne Menschenleben zu retten oder ihre Situation zumindest existenziell zu verbessern. Daraus schöpfe ich auch sehr viel Motivation. Wenn ich aber mit meinem Engagement Verhältnisse schaffen kann, die nicht nur das eine Schicksal, sondern mehrere substantiell verbessern, dann werde ich mich mehr um das Zweite kümmern.

Das Eine zu tun, ohne das Andere zu lassen: Innerhalb des Netzwerks gehöre ich zur Fraktion, die deshalb das Politische über das Humanitäre stellt. Das heisst aber nicht zwingend, dass ich irgendwen missbrauchen müsste, um meine politischen Ziele zu erreichen. Laufen die beiden Interessen in die entgegengesetzte Richtung, endet die Zusammenarbeit einfach. Ich veröffentliche zum Beispiel nie etwas, was zu Ungunsten des «Einzelfalls» gereichen könnte, und auch nie ohne dessen Einverständnis, im Gegenteil: Ich rate immer wieder Menschen davon ab, die sich an mich wenden, um ihren Fall zu veröffentlichen. Wohl deshalb bat ich Dich auch beim inzwischen verworfenen ersten Fotovorschlag, die Gesichter zu verwischen, nicht?

Richtig primitiv finde ich den immer wiederkehrenden Vorwurf, wir täten da irgendwen manipulieren. Im Gegenteil. Wir sind professionell genug, die Menschen so zu beraten, dass sie am Schluss selber entscheiden, was für sie gut ist. Oft sind sie erst durch unsere Kontakte und Informationen in der Lage, eine ausgewogene, informierte, also qualitativ hochstehendere Entscheidung zu treffen. Im Fachjargon nennt man das Empowerment, Ermächtigung. Ergeben sich daraus gemeinsame Ziele, arbeiten wir zusammen, sonst verweise ich sie an andere, die ihnen mehr helfen können, näher stehen.

Wir verzeichnen auch einen grossen Anstieg an Aktiven (Homepage und Mailing-List), die früher selbst von unserer Unterstützung profitiert haben: Wie bitte schön sollen Flüchtlinge Flüchtlinge instrumentalisieren, und falls das doch möglich wäre: Wie erklärst Du Dir diese massiv überdurchschnittliche Beteiligung der «Direktbetroffenen» an unserem Projekt? Die Begeisterung all derjenigen, denen ich eine Karte von uns in die Hand gab, die sie über Tausende von Kilometern mit sich nahmen, die unsere Dienste weiter empfehlen, die gesamte Homepage auf Farsi oder auf Arabisch übersetzen und selbst zu «BeraterInnen» geworden sind? Sie würden ja in Scharen davonlaufen, wenn sie merkten, dass wir sie verheizen. Sowas spricht sich sehr schnell rum! Bis jetzt erlebte ich das Gegenteil: Mein Netzwerk, das Vertrauen in mich und in meine Partner und Partnerinnen  kommt nicht von ungefähr.

Ich weiss schliesslich auch nicht, warum Du darauf kommst, wir wollten beweisen, da sei überall Rassismus in der Schweiz oder Europa. Wenn Du meine Schilderungen zur Situation in Ungarn analysierst, dann wirst Du feststellen, dass ich damit angefangen habe, indem ich sagte: «Dort gibt es zum Glück nicht nur den rassistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seinen Stacheldraht.» Es ist mir ein wichtiges Anliegen, immer wieder zu betonen, dass WIR nicht Wenige sind und immer mehr werden. Meine Medienarbeit läuft immer darauf hinaus, Realitäten aufzuzeigen, die eben NICHT rassistisch sind, sondern sich konkret und aktiv in dem durchaus rassistisch geprägten institutionellen Politbetrieb engagieren, um noch mehr Menschen dafür zu mobilisieren.

Ich kann nichts dafür, dass die heutigen Medien diese durchaus relevante, grosse Minderheit sträflich missachten, genauso wie ich nichts dafür kann, dass sie sich um die Balkan-Route foutieren, obwohl sie in der Realität mindestens so bedeutend ist wie die durch das zentrale Mittelmeer. Ich kann Dir aber versichern, dass ich seit Jahren alles mir Mögliche tue, um dieses falsche Bild zu korrigieren, und das auch immer wieder erfolgreich.

«Welcome to Europe» kann man unterstützen

Die Arbeit des Netzwerks «Welcome to Europe» beruht durchgängig auf freiwilliges Engagement. Kosten für Infrastruktur, Kommunikation, Kontakt- und Recherche-Reisen sowie internationale Treffen werden grösstenteils von den Freiwilligen selbst getragen. Das Netzwerk freut sich über jedwede finanzielle Unterstützung, die insbesondere zugunsten ihrer aktivsten Freiwilligen mit prekären Aufenthaltsbedingungen aufgewendet wird:

bordermonitoring.eu e.V.

Reason for payment: w2eu
Bank für Sozialwirtschaft

Konto 98 14 300
blz 700 205 00

IBAN de75700205000009814300

BIC bfswde33mue