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Frühlingserwachen in Hinterkappelen

Historisches ereignete sich im Kipferhaus und niemand hat es gemerkt: Mit der Zustimmung der Regionalversammlung Bern-Mittelland zu den Kulturverträgen kommt ein Modell zum Tragen, das richtungsweisend sein könnte.

Ort und Wetter waren passend. Hinterkappelen in der Gemeinde Wohlen; der 20. März, ein prächtiger Vorfrühlingstag. Aus der Sicht der Stadt, sagte Gemeindepräsident Bänz Müller in der Begrüssung, sei Wohlen das Dorf hinter dem Wald. Aus der Sicht der kleinen Gemeinden am Frienisberg hingegen die Grossgemeinde mit professioneller Verwaltung und höherem Budget.

Wohlen ist die typische, bernische Agglomerationsgemeinde zwischen Hochhaus und Kuhglocke. Bestens ÖV-erschlossen, ländlich geprägt, aber auch mit markantem städtischem Ausläufer in der Grossüberbauung am Kappelenring. Da gab es doch Zoff mit den Jungen, denkt man sich auf der Fahrt im Postauto über die Kappelenrücke, es ging um die gleichen Fragen wie in der Stadt auf der anderen Seite des Waldes: Wie viel Nachtleben, wie viel Freiraum?

Routinegeschäft Kultur

Dort, in der Mitte der Region Bern, im Kipferhaus, einem alten Hof an der Dorfstrasse, der zum Gemeinschaftszentrum umgebaut wurde, tagte die Regionalversammlung. Vertreterinnen und Vertreter von 72 der 85 in der Regionalkonferenz Bern-Mittelland organisierten Gemeinden waren anwesend. Haupttraktandum waren die Kulturverträge mit neun städtischen Institutionen und vier weiteren in Köniz, Bolligen und Rubigen. Kostenpunkt: 5'995'130 Franken.

Aber das Haupttraktandum ging über die Bühne wie ein Routinegeschäft. Obwohl die Erneuerung der Kulturverträge im Vorfeld mancherorts, vor allem in kleineren, nicht zentrumsnahen Gemeinden, für viel Unmut gesorgt hatte, blieb die hitzige Debatte, die ja durchaus hätte erwartet werden können, gänzlich aus. Die Meinungen waren gemacht, was sollte man sich jetzt noch streiten.

Keine weitergehenden Controllinginstrumente

Die Forderung aus Bowil, ab den übernächsten Subventionsverträgen müssten die unterstützten Kulturinstitutionen einen bedeutend höheren Eigenfinanzierungsgrad ausweisen, wurde zur Kenntnis genommen – in den Verträgen für die Jahre 2016 bis 2019 beläuft er sich auf rund 20 Prozent.

Ein Antrag der Stadt Bern, das Controlling-System zu erweitern, wurde haushoch abgelehnt – man war dezidiert der Meinung, die heutigen Kontroll-Instrumente genügten vollauf.

Ein paar rote Karten

13 so genannt tripartite – das heisst von Kanton, Region und Standortgemeinde – finanzierte Leistungsverträge standen zur Abstimmung. 40 Prozent des Gesamtpakets der öffentlich erbrachten Leistungen von 50,5 Millionen Franken trägt der Kanton, 12 Prozent die Region und 48 die jeweilige Standortgemeinde. Über die Verträge, befand die Versammlung, sei einzeln abzustimmen. Bereits nach den ersten zwei Runden wurde das Prozedere jedoch abgekürzt.

Die Forderung nach Einzelabfertigung, es war offensichtlich, bezog sich vor allem auf den Vertrag mit Konzert Theater Bern, der eine Erhöhung des jährlichen Betriebsbeitrags um 681'250 Franken vorsieht. Hier war es einigen Gemeinden schon ein wichtiges Anliegen, ihren Ärger über die Erhöhung durch das Zücken der roten Karte manifest zu machen.

Der KTB-Vertrag – und damit der mit 4,5 Mio. höchste Posten der regionalen Kulturrechnung – bekam ein paar Nein-Stimmen mehr, aber die Zustimmung der Regionalversammlung war nur gering weniger wuchtig als jene zu den restlichen, danach im Paket verabschiedeten Verträgen mit den städtischen Institutionen (KTB: 126:18; Rest: 143:9). Mit noch höheren Ja-Anteilen wurden auch die vier Verträge mit regionalen Institutionen verabschiedet.

Nein-Stimmen aus kleinen Gemeinden

Die 9 Nein-Stimmen, das war die leise Fundamental-Opposition gegen das kulturelle Vertragswerk – obwohl das Nein sich vermutlich weniger auf die regionale Kulturförderung an sich bezog, sondern mehr auf den als ungerecht empfundenen Verteilschlüssel der zu entrichtenden Beiträge.

Die Nein-Stimmen kamen aus kleinen Gemeinden und – etwas überraschend – aus der Agglomerationsgemeinde Münchenbuchsee. Insgesamt jedoch hat die Regionalversammlung mit ihrem Entscheid ein klares kulturpolitisches Bekenntnis abgelegt.

Das ist nicht selbstverständlich – es gibt Gemeinden, die höhere Beiträge bezahlen als zuvor, und es gibt Gemeinden unter finanziellem Druck, für die Kulturbeiträge an vornehmlich städtische Einrichtungen kaum zuoberst auf der Prioritätenliste stehen.

Ein komplexes System

Möglich gemacht hat die breite Zustimmung eine von der Kulturkommission der Regionalkonferenz eingebrachte, verfeinerte Variante des Finanzierungsschlüssels. Vier Kategorien gibt es.

Wer wie viel bezahlt, ist eine hochkomplexe Angelegenheit: Die Beitragshöhe einer Gemeinde ergibt sich aufgrund der Agglomerationsdefinition des Bundes und den Reisezeiten zwischen den Gemeinden und Bern. 6,65 Franken pro Kopf und Jahr bezahlen die Gemeinden in der untersten Kategorie, 26,57 Franken die ganz oben.

Ein neues Kulturverständnis

Mit dem Ja zu den Kulturverträgen setzt die Regionalkonferenz Bern-Mittelland ein Förderungsmodell um, das im Rahmen des neuen, 2013 in Kraft getretenen Kantonalen Kulturförderungsgesetzes geschaffen wurde. Die Entlastung der Standortgemeinden und die Stärkung von Institutionen mit regionaler Bedeutung sind zwei Grundpfeiler des Modells. Daraus abgeleitet, ermöglicht es erstmals auch die Unterstützung von Institutionen ausserhalb der Stadt Bern – bisher kamen die Subventionen aus der Region nur grossen städtischen Häusern zu.

Vier Institutionen ausserhalb Berns haben Verträge bekommen: BeJazz Köniz, Kulturhof Schloss Köniz, Mühle Hunziken und das Reberhaus Bolligen. Ein bescheidener Anfang, könnte man meinen, kaum der Rede wert. Und doch nicht weniger als der Beginn eines neuen Kulturverständnisses: Dass Kultur nicht nur verbal eine wichtige, die ganze Region verbindende öffentliche Aufgabe ist, sondern auch im Alltag des Kulturbetriebs, dass das Verbindende also auch gelebt und bezahlt wird. Denn bei aller internationaler Vernetzung entsteht Kultur immer auch in einem bestimmten regionalen Umfeld, ohne dieses fehlt ihr der Boden.

Das auf drei Ebenen abgesicherte Förderungsmodell für Institutionen von regionaler Bedeutung dürfte schweizweit einmalig sein. Und es könnte auch richtungsweisend sein: Es definiert sich über den Lebensraum Region und stolpert nicht mehr über politische Grenzen. Teilhabe, aber auch Mitverantwortung am Kulturbetrieb werden breiter verankert. Ein Stück mehr direkte Demokratie kommt in die Kultur.

Zusammenrücken in der Region

Und noch etwas ist ganz anders als zuvor: Früher waren die Erneuerungen der regionalen Kulturverträge Zitterpartien, heute geschieht das in einem für alle Gemeinden der Regionalkonferenz verbindlichen und damit für die Vertragspartner aus der Kultur verlässlichen politischen Prozess.

In den kulturpolitischen Berner Alltag übersetzt, heisst das: Auch wenn sie – aus der Sicht der Stadt – dort draussen in der Region manchmal laut schimpfen, machen sie dann doch irgendwie mit. Die Region rückt mehr zusammen, ob sie das nun will oder nicht.

Anwesend im Kipferhaus in Hinterkappelen waren drei Kulturinstitutionen, eine städtische und zwei regionale. Das ist recht schäbig. Bei einer vergleichbar entscheidenden Kulturabstimmung im Berner Stadtrat sässen die Institutionen auf der Tribüne und die Alternativen wären draussen auf dem Rathausplatz. Wie die Politik braucht wohl auch die Kultur ein wenig Zeit. Man muss sich auf beiden Seiten erst daran gewöhnen, dass man mehr miteinander zu tun hat.