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KOLUMNE /

Sandra Künzi

27.02.2015 | 06:30

«Es ist nicht unsere Aufgabe, die Entscheide des Berner Gemeinderates zu kommentieren»: Unsere Kolumnistin hat dem eidgenössischen Büro für Gleichstellung eine Frage zur Miss-Wahl gestellt. Die fanden das nicht lustig.

Kürzlich wollte ich über das Thema «Eventisierung des öffentlichen Raums» recherchieren. Dabei bin ich auf einen «Blick»-Artikel gestossen, in dem stand, wie gemein es sei, dass die Veranstalter der Miss-Schweiz-Wahlen keine Gebühren hätten zahlen müssen, aber die armen Berner Marktständler schon, obwohl sie wegen diesem Missen-Zeug in die Seitengassen vertrieben wurden. Ich nickte beim Lesen und dachte: Der «Blick» ist auch nicht nur schlecht.

Dann stolperte ich über eine Medienmitteilung des Grünen Bündnis Bern: Zwei Stadträtinnen haben eine Interpellation zu diesem Missen-Debakel eingereicht. Ich versuche mir immer zu merken, was das ist, eine Interpellation. Und was eine Motion. Und obwohl ich es schon oft nachgelesen habe und es mir brav zu merken versuche, vergesse ich es immer wieder. Diesmal hab ich es schon gar nicht mehr versucht.

Sechs intelligente Fragen

Aber ich hab die Interpellation gelesen und fand sie recht zackig. Die Interpellantinnen (heisst das so?) formulierten sechs intelligente Fragen an den Gemeinderat, unter anderem diese:

«Wie ist das Frauenbild, das an der Miss-Schweiz-Wahl propagiert wird, mit den Bemühungen, die der Gemeinderat und die Fachstelle Gleichstellung in der Gleichstellungspolitik unternehmen, zu vereinbaren?»

Zugegeben zackig ist vielleicht das falsche Wort. Eher etwas schwerfällig, aber dafür auch von inhaltlichem Gewicht. Wo ich nun schon mal beim Rumsurfen war statt bei konzentrierter Recherche, hab ich gleich noch die Fachstelle für Gleichstellung angeklickt. Dort fand ich im neuen Aktionsplan 2015–2018 folgendes:

«Schliesslich wurden auch grosse Fortschritte im Bereich geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt erzielt. In den Verträgen mit Plakatgesellschaften konnten Vorgaben zu sexistischer Werbung aufgenommen werden.»

Die Formulierung «Vorgaben zu sexistischer Werbung» scheint mir etwas missverständlich, aber wer Interpellationen und Motionen mit über 40 Jahren noch nicht unterscheiden kann, sollte mal nicht spitzfindig rumstänkern.

Verstaubtes Altformat

Als nächstes ergoogelte ich den mir bis dato unbekannten Sprachleitfaden für die Berner Stadtverwaltung und las:

«Achten Sie auf eine sorgfältige Bildwahl. Stellen Sie beide Geschlechter dar. Sie fördern die Gleichstellung, wenn Sie Frauen und Männer in verschiedenen, auch in ungewohnten Rollen zeigen: die Ingenieurin und den Kindergärtner.»

Eine sorgfältige Bildwahl im geschlechterneutralen Sinne kann von einem so verstaubten Altformat wie den Miss-Schweiz-Wahlen wohl nicht ernsthaft verlangt werden. Offenbar können sich hier nur kinderlose, ledige und nicht geschiedene Frauen zwischen 18 und 28 Jahren mit über 1.68 m Körpergrösse bewerben. Ein Wunder dass man sich nicht noch durch Jungfräulichkeit bei weniger als 50 Kilogramm Körpergewicht auszeichnen muss.

Na ja, ledig und nicht geschieden soll wohl auch irgendwie unverbraucht bedeuten. Wobei diese Kriterien gar nicht zu finden sind auf der einschlägigen Webseite www.miss.ch (wurden sie zwischenzeitlich gelöscht?).

Alternde Herren auf dem Laufsteg

Zurück zum Berner Sprachleitfaden: Ungewohnte Rollen bei derartigen Fleischwettbewerben wären viele junge Frauen im Publikum und alternde Herren auf dem Laufsteg, erfolgreiche Herzchirurginnen und solvente Glas-Dome-Architektinnen. So war das aber nicht im heiss diskutieren Charity-Dome. Also wurde dem Gemeinderat die interpellative Frage gestellt. Und hier die unüberbietbar gemeinnützige Antwort:

«Der Gemeinderat ist nicht der Ansicht, dass die Miss-Schweiz-Wahl ausschliesslich ein einseitiges, auf Jugendlichkeit und Schönheit ausgerichtetes Frauenbild vermittelt. Die äusserliche Erscheinung der Kandidatinnen steht bei der Veranstaltung zweifellos im Vordergrund, ist aber nicht alleiniges Auswahlkriterium. Ausschlaggebend für die Eignung der Frauen als Botschafterinnen für den Charity-Auftrag sind auch andere Aspekte. Der Gemeinderat kann daher den Vorwurf des Sexismus nicht nachvollziehen. Die für den Sexismus kennzeichnende Abwertung, Ausbeutung oder Diskriminierung der Frauen liegt nicht vor. An seinen Bemühungen um eine fortschrittliche Gleichstellungspolitik, die eine Vielfalt an Geschlechterbildern propagiert, ändert sich für den Gemeinderat nichts.»

Dazu stelle man sich am besten vor, wie sich die Miss-Kandidatinnen als blutte Schatten mit toupierter Sixties-Frisur hinter einer gut gegenbelichteten Leinwand räkeln und rhythmisch bewegen. Dieser glatte Showblock war als Huldigung fürs Berner Bond-Girl Ursula Andres gedacht.

Verfickt geiles Penthouse

Und klar, wenn sich da so viele süsse Bondinnen präsentieren, fühlt sich jeder Mann schnell mal als James. Da brauchts nur noch die entsprechenden Drinks, Musik und Lichteffekte und schwups wähnt sich keiner mehr auf dem ehrwürdigen Bundesplatz (weil ehrwürdig ist nur der nette Ausdruck für «extrem langweilig»), sondern in einem verfickt geilen Penthouse mit extrem viel Glasfront hoch über L.A., wo Moral und «political correctness» etwa so beliebt sind wie, ich weiss auch nicht.

Dann hab ich mich gefragt, welche anderen Aspekte denn auch noch ausschlaggebend sind für «Eignung der Frauen als Botschafterinnen für den Charity-Auftrag». Also neben Äusserlichkeiten und Jugendlichkeit. Schade hat der Gemeinderat diese anderen Aspekte nicht aufgeführt. Das hätte ich sehr gern gelesen! Immerhin wird klar: Charity ist das neue «must have» auf dem Bundesplatz! Wieviel davon in einem Anlass steckt, dessen temporärer Tempel allein schon 500'000 Stutz kostet, kann man sich fragen.

Sind da 250'000 Fränkli, die man schliesslich an eine Herzstiftung überweist wohltätig? Nichts gegen die Herzstiftung, in dessen Stiftungsrat auch Simone Niggli Luder sitzt und die mag ich echt gern, aber dennoch frage ich mich: Ist diese «Krone mit Herz» überhaupt ZEWO-zertifiziert? Und wieso dünkt es einem komisch, wenn der Eigentümer der Marke Miss Schweiz, Guido Fluri, auch im Stiftungsrat dieser Herzstiftung sitzt, die wiederum dazu dient, die Miss-Schweiz-Wahlen bis zur angeblichen Wohltätigkeit zu verherzigen. Ich weiss nicht.

«Es ist nicht unsere Aufgabe»

Schliesslich schrieb ich dem eidgenössischen Büro für Gleichstellung. Ich fragte, was sie als Gleichstellungsfachleute von der Ansicht des Berner Gemeinderates hielten, die Miss-Schweiz-Wahlen seien nicht sexistisch. Mit der zugegebenermassen unbefriedigenden Antwort des EBG, Abt. Öffentlichkeitsarbeit, entlasse ich Sie aus meiner Spontankolumne:

«Zweifelsfrei sind die Diskussionen um die Nutzung des öffentlichen Raums sowie die Frage, ob der genannte Anlass als sexistisch bezeichnet werden kann oder nicht, interessant und berechtigt. Leider kann ich Ihrem Wunsch einer Stellungnahme des Eidg. Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG in dieser Sache aber nicht entsprechen. Es ist nicht Aufgabe des EBG als Bundesverwaltungseinheit, die Entscheide und Stellungnahmen des Berner Gemeinderates zu kommentieren. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und wünsche Ihnen für Ihr weiteres Engagement viel Erfolg.»