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Teuer ausgebildet und nicht gebraucht

Rund 22'000 Akademikerinnen möchten arbeiten. Trotz des Fachkräftemangels haben aber besonders sehr gut qualifizierte Frauen mit kleinen Kindern Mühe, eine geeignete Stelle zu finden. Für diese Mütter fehlen Teilzeitstellen.

Die Gratiszeitung «20 Minuten» titelte im August letzten Jahres: «50'000 Hausfrauen haben ein Studium gemacht.» Die Meldung bewegte die Medienwelt, und SRF widmete dem Thema einen «Club». Politiker, Arbeitgebervertreter und Gleichstellungsfachkräfte diskutierten darüber, wie die Frauen für den Arbeitsmarkt gewonnen werden könnten. Doch weshalb hängen die Frauen ihren Beruf nach einem langen und teuren Studium an den Nagel? Denn gemäss der aktuellen Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamtes für Statistik wäre fast die Hälfte gerne berufstätig.

Verpuffte Investitionen

Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 ist der drohende Fachkräftemangel in aller Munde, und die Wirtschaft besinnt sich auf die Humanressource Frau. Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, spricht von einem «miserablen Return on Investment». «Die Gesellschaft hat viel Geld in die Bildung dieser Frauen investiert. Wenn sie aber nicht arbeiten, fliesst diese Investition nicht in Form von Know-how und Steuern in die Gesellschaft zurück», erklärt er.

Für ihn ist besonders stossend, dass es sich für gut ausgebildete Frauen oft nicht lohnt, erwerbstätig zu sein. Aufgrund von Steuerprogression und Krippenkosten könne das Familieneinkommen mit dem zusätzlichen Lohn der Frau sogar tiefer ausfallen, als wenn die Frau nicht arbeite.

Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt rechnet vor: «Würden alle diese Frauen 60 Prozent arbeiten, hätten wir 30'000 Vollzeitkräfte mehr im Arbeitsmarkt.» Er mutmasst, dass die Frauen aus dem Beruf aussteigen, weil einerseits der Wohlstand in unserer Gesellschaft sehr hoch und das Einkommen dieser Frauen für die Familie nicht zwingend notwendig sei. Andererseits hätten die Arbeitgeber nicht mehr Anstrengungen unternommen, die Frauen im Betrieb zu halten.

Wenig Teilzeitstellen

Tanja Leiser (Name geändert) ist eine Hausfrau mit akademischem Titel. Sie hat ihr Psychologiestudium mit 32 Jahren abgeschlossen und ein Jahr lang eine Stelle als Psychologin gesucht. Daneben jobbt sie in der Filmproduktion, wie sie dies schon während ihres Studiums gemacht hat. Dann wird sie schwanger.

Nun sucht sie eine Teilzeitstelle. Sie hofft immer noch, als Psychologin arbeiten zu können. Nach der Geburt des Kindes möchte Tanja Leiser 60 Prozent arbeiten. Sie bewirbt sich mehrmals, erhält aber keine Zusage. Als das Kind auf der Welt ist, arbeitet die junge Mutter weiterhin einen Tag pro Woche in der Filmproduktion.

Mit diesem Pensum sind aber nur administrative Aufgaben möglich, die mit Tanja Leisers Ausbildung nichts gemein haben. Teilzeitstellen für Psychologie sind nur wenige ausgeschrieben. Taucht doch einmal eine im Stellenanzeiger auf, ist Flexibilität gefragt und die Konkurrenz von erfahrenen Bewerbern und Bewerberinnen gross. Da Tanja Leisers Teilzeitstelle in der Administration sehr unbefriedigend ist und wenig Geld einbringt, entscheidet sie sich für einen Erwerbsunterbruch.

Risiko Schwangerschaft

Schon der Berufseinstieg ist für Akademikerinnen oft nicht einfach. Auch Flurina Camenisch (Name geändert) machte nach dem Ethnologiestudium zwei Jahre lang verschiedene schlecht und gar nicht bezahlte Praktika bei NGOs. Um sich finanziell über Wasser zu halten, jobbte sie daneben an einer Kinokasse. Endlich fand sie eine feste Stelle in Osttimor bei der UNO. Eine Weiterbildung in Entwicklungszusammenarbeit erleichterte ihr später den Berufseinstieg auch in der Schweiz.

Drei Jahre und zwei Stellen in der Schweiz später kündigte Flurina Camenisch aufgrund einer problematischen Arbeitssituation, gleichzeitig wurde sie schwanger. Für die Ethnologin war es selbstverständlich, dass sie weiterhin arbeiten wollte. Deshalb suchte sie eine Teilzeitstelle. Viermal wurde sie noch während der Schwangerschaft ans Vorstellungsgespräch eingeladen.

Den Zuschlag erhielt sie nie. Eine Organisation begründete die Absage damit, dass sie es sich nicht leisten könne, eine Mitarbeiterin anzustellen, die schon bald wieder in den Mutterschaftsurlaub gehen würde. Das war noch ganz am Anfang der Schwangerschaft. Flurina Camenisch hatte sie im Gespräch aus Redlichkeit erwähnt. Bei den andern drei Vorstellungsgesprächen war der Bauch schon gut sichtbar.

Frauen um die dreissig chancenlos

Beim ehemaligen Filialleiter einer Privatbank, Marcel Müller (Name geändert), hatten Bewerbungsdossiers im Kaderbereich von Frauen um die dreissig weniger Chancen, wenn es andere Kandidaten und Kandidatinnen mit vergleichbaren Qualifikationen gab.

Das Risiko, dass die Bewerberinnen schon bald nach Stellenantritt ein Kind kriegen könnten, beeinflusste die Entscheidung. Denn nach kurzer Zeit einen Stellvertreter für eine gut ausgebildete und hoch bezahlte Kundenberaterin finden und einarbeiten zu müssen, kostete rasch eine sechsstellige Summe.

Teilzeit nur für Ehemalige

Auch Dossiers von Müttern, die Teilzeit arbeiten wollten, die Bank aber noch nicht kannten, hatten es schwer. «Das Privileg, Teilzeit zu arbeiten, hatten die Mitarbeiterinnen, die schon eine Zeitlang bei uns tätig waren und mit dem Betrieb gut vertraut waren», erzählt Marcel Müller.

Zu diesen habe die Bank allerdings gut geschaut und ihnen nach dem Mutterschaftsurlaub eine passende Stelle angeboten. «Allerdings musste eine Frau, die nur noch 50 Prozent arbeitete, ihre Anforderungen an den Job deutlich zurücknehmen. Eine Führungsposition oder Kundenberatung lag in den meisten Fällen nicht mehr drin.»

Vollzeit oder gar nicht

Andere Erfahrungen machte Sandra Meier (Name geändert). Sie arbeitete zuletzt als HR-Fachfrau bei einem mittelgrossen Unternehmen. Das Unternehmen war arbeitenden Müttern mit Teilzeitpensen bis 60 Prozent gut gesinnt. Als sich aber die Wirtschaftskrise bemerkbar machte, fielen diese Teilzeitstellen dem Spardruck als erste zum Opfer. Bald darauf wurde Sandra Meier Mutter. Nun sah sich die topausgebildete Kaderfrau vor die Wahl gestellt, entweder mindestens 80 Prozent oder gar nicht zu arbeiten. Sie entschied sich für das Kind und kündigte die Stelle.

«Ich möchte arbeiten, und ich möchte für meine Kinder da sein», sagt sie. «Deshalb will ich meine Kinder lieber nicht mehr als drei Tage fremdbetreuen lassen. Ich kenne viele Frauen, die ihre Kinder vier oder fünf Tage in die Krippe geben. Sie erziehen ihre Kinder nicht mehr selbst.»

Zu wenig interessante Stellen

Für Personalberater Roman Bussinger von der a&u Kaderberatung besteht das Problem vor allem darin, dass es zu wenige interessante Stellen zu 80 Prozent oder weniger gibt. Er stelle keine besonderen Schwierigkeiten beim Vermitteln von Müttern fest, ausser dass diese nicht so viel arbeiten wollten. Ein Pensenwunsch von weniger als 80 Prozent mache es im qualifizierten Bereich schwieriger, eine Stelle zu finden.

Aber die Unternehmer hätten den Fachkräftemangel erkannt. Deshalb rechnet Roman Bussinger damit, dass der Markt mehr tieferprozentige Teilzeitstellen hervorbringen werde, um die gut qualifizierten Frauen zurück in den Arbeitsmarkt zu holen.

Fehlender Wille der Arbeitgeber

Diese Zuversicht teilt Christine Wittwer, Beraterin am Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum Bern, nicht. «Vom Fachkräftemangel sprechen die Arbeitgeber schon lange. Aber ich sehe zahlreiche interessante und gut qualifizierte Frauen mit Kindern, die zwar ab und zu an ein Bewerbungsgespräch eingeladen werden, aber selten einen Zuschlag erhalten. Einige nehmen irgendwann einen tiefer qualifizierten Job an, andere werden ausgesteuert.» Vielen Arbeitgebern fehle der Wille, Mütter einzustellen, mutmasst sie.

Die ehemalige HR-Fachfrau und Mutter Sandra Meier hat ein gewisses Verständnis für Vorgesetzte, die ihrerseits unter einem enormen Druck stünden. «Wir erreichten jedes Jahr bessere Ergebnisse. Dennoch wurden die Ziele für das kommende Jahr noch höher gesteckt», erzählt sie.

Die Teamleiter könnten sich keine Ausfälle leisten. Die Furcht, dass die Kinder der Mitarbeiterinnen immer wieder mal krank seien und die Mütter zuhause blieben, sei gross. Ausserdem bedeuteten Teilzeitstellen für den Arbeitgeber einen höheren logistischen Aufwand, weil das Team für ein gut funktionierendes Jobsharing Überschneidungen brauche.

Zu hohes Tempo in der Arbeitswelt

Das hohe Tempo in der Arbeitswelt sei auch ein Grund, der gegen Teilzeitstellen spreche. Viele Arbeiten müssten sogleich erledigt werden. Schliesslich werde den Müttern fehlende Flexibilität vorgeworfen. Sie seien für eine spontane Sitzung um sechs Uhr abends nicht mehr zu haben, weil sie das Büro spätestens dann verlassen müssten, um ihr Kind aus der Krippe zu holen. Die Flexibilität fehle aber auch den Vorgesetzten, die ihre Sitzung nicht dann planen könnten, wenn die entsprechenden Mitarbeiterinnen anwesend seien, findet Sandra Meier.

Gerade als ehemalige HR-Fachfrau versteht sie nicht, dass die Unternehmen nicht zumindest die hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen im Betrieb halten wollten. «Man lässt hoch qualifizierte Mitarbeiterinnen mit grossem Know-how einfach ziehen. Jeder weiss, dass das sogenannte Humankapital das Wichtigste ist, was ein Unternehmen hat.»

Flexibilität gefragt

Für Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbandes, ist unter anderem ein Umdenken der Arbeitgeber nötig. Sie müssten flexibler werden und auch auf Führungsstufe mehr Teilzeitstellen anbieten. Dies geschehe zwar, aber noch nicht schnell genug.

Andererseits müssten die Gemeinden die Tagesstrukturen insbesondere für Kinder im Volksschulalter verbessern. Schliesslich, so Valentin Vogt weiter, sollten die Frauen bei einer Mutterschaft nicht voll oder nur eine kurze Zeit aus dem Erwerbsleben aussteigen.

Letzteres unterstreicht auch Rudolf Minsch von Economiesuisse. Die Familienpause einer Akademikerin sollte nicht länger als ein paar Monate dauern. Denn je höher die Qualifikation sei, desto schneller vergesse man das Gelernte, wenn man nicht mehr im Beruf sei.

Und dann müssten die Arbeitgeber auch gegenüber Vätern, die Teilzeit arbeiten wollten, aufgeschlossener werden. «Wenn der Vater 100 Prozent und mehr arbeitet, kann die Mutter nicht auch noch so viel von zu Hause wegbleiben.» Für die Volkswirtschaft wäre es ideal, wenn Mann und Frau einen möglichst hohen Anstellungsgrad aufweisen würden.

Geduld ist gefragt

Die Ethnologin Flurina Camenisch erhielt kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes eine 40-Prozent-Stelle bei einer NGO angeboten. Weil sich das Kind aber nicht an die Krippe gewöhnen konnte, entschied sie sich nach zwei Monaten mühsamen Eingewöhnungsversuchen, die Berufstätigkeit zu unterbrechen. Heute hat sie ein zweites Kind.

HR-Fachfrau Sandra Meier hat unterdessen drei Kinder. Aber langsam hat sie genug davon, ausschliesslich für die Familie da zu sein, und streckt erneut die Fühler in den Arbeitsmarkt aus. Sie hofft auf ihr Netzwerk und rechnet dennoch damit, dass sie viel Geduld brauchen wird.

Die Psychologin Tanja Leiser ist heute Mutter von zwei Kindern. Das jüngere geht in den Kindergarten, und Tanja Leiser orientiert sich neu. Sie macht eine Weiterbildung zur Berufsberaterin und hofft, frisch qualifiziert, in diesem Metier eine 60-Prozent-Stelle zu finden.

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift «Der Arbeitsmarkt» erschienen.