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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Strahms bildungspolitischer Plan

Aus dem Buch «Die Akademisierungsfalle» zusammengeklaubt, ergibt sich ein Plan für den Umbau und die Weiterentwicklung der schweizerischen Bildungspolitik.

Er enthält folgende Punkte:

Ende der obligatorischen Schule

• Entscheidend ist, dass die Eltern das schweizerische Bildungssystem verstehen und mit ihren Kindern und Jugendlichen den geeigneten Bildungsweg erkennen. Dazu gehört vor allem bei zugewanderten Müttern und Vätern Nachholbildung in den Grundkompetenzen (Lesen und Schreiben, Alltagsmathematik, Grundkenntnisse in Informationstechnologie, Kennen der Rechte und Pflichten). Elementar sind Kenntnisse einer Landessprache.

• Wo Zugewanderte Abschlüsse haben, sollen diese in der Schweiz auf ihre Gleichwertigkeit hin geprüft werden. Informell erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten sind anzurechnen (Validation des aquis).

• Im Übergang der Jugendlichen von der Schule (Sekundarstufe I, 7.-9. Schuljahr) an die Sekundarstufe II (Berufslehre, Mittelschule oder Gymnasium) ist – unter anderem im Fach Berufsorientierung – eine Begleitung in vielen Formen und Brückenangeboten (Berufsvorbereitung, Schnupperpraktika, Vorlehren, Motivationssemester, 10. Schuljahre, Werkjahre, Sprachaufenthalte) entscheidend, damit möglichst alle den richtigen Platz finden.

Berufsbildung

• Wo es in Berufsbereichen Engpässe gibt, sollen in der Berufslehre Massnahmen zur Talenterfassung eingeführt werden. Beispiele: Ein erstes Lehrjahr in Form einer Lehrwerkstätte, Tagesstrukturen, besondere Förderung von Frauen und Migranten.

• Die Zuteilung von Zuwanderern aus dem Ausland an bestimmte Branchen oder Regionen soll mit einer Ausbildungspflicht in der Branche oder Region verbunden werden. Strahm nennt als Beispiel 8 Lehrstellen bei 100 Vollzeit-Beschäftigten für Spitäler.

• Durch die Entwicklung der Technologie und des Arbeitsmarkts geschaffene neue Lernberufe sollen durch Werbemassnahmen oder Basisjahre – das erste Lehrjahr erfolgt vorwiegend an einer Berufsfachschule – aufgewertet und für Firmen tragbar gemacht werden.

• Im Berufskundeunterricht (ein halber Tag pro Woche an der Berufsfachschule) sind ständig neue, anwendungsorientierte Wissensmodule zu integrieren.

• Der allgemeinbildende Unterricht (ein halber Tag an der Berufsfachschule) ist um eine oder zwei Stunden pro Woche zu verstärken.

• Leistungen in der beruflichen Weiterbildung sind offiziell anzuerkennen.

Höhere Berufsbildung

• Die Höhere Berufsbildung soll durch den Bund mit 400-500 Millionen Franken stärker finanziert und dadurch für die Teilnehmenden etwa so günstig werden wie ein Hochschul- oder ein Fachhochschulstudium.

Die Titel der Höheren Berufsbildung sollen standardisiert und jenen der Hoch- und der Fachhochschulen angepasst werden, zum Beispiel als «Professional Bachelor» oder «Professional Master».

• Der Tertiärsektor soll nicht länger in einen A-Teil (ETH, Hochschulen, Fachhochschulen, Pädagogische Hochschulen) und einen B-Teil (Höhere Berufsbildung) gegliedert werden, sondern in Tertiär H (= Hochschulen) und Tertiär P (= Professional).

Universitäten

• Die Universitäten sollen zusätzlich zur gymnasialen Matur weitere Zugangshürden aufstellen oder eine Zugangsselektion vornehmen.

• Die Universitäten müssen den Zugang ausländischer Studierender restriktiver regeln, zum Beispiel durch Anhebung der Studiengebühren.

• Die Universitäten sollen eine akademische Nachwuchspolitik betreiben und mit Anreizen Dozentenkarrieren fördern. Professoren, die sich für Nachwuchs- und Begabtenförderung einsetzen, sollen belohnt werden.

• Es braucht Massnahmen, damit nicht so viele Studenten das Fach wechseln oder ihr Studium ganz abbrechen.

• Die Universitäten sollen die Employability ihrer Absolventen in deren Abschlussbereich durch Anpassungen des Studiums steigern.

• «Die geistes-und sozialwissenschaftlichen Fächer haben einen humanistischen Eigenwert», schreibt Strahm. Er regt an, dass alle Studierenden, auch Naturwissenschafter, Mediziner, Iuristen, obligatorisch eine oder zwei geisteswissenschaftliche Disziplinen als Pflichtwahlfächer belegen müssen. Ein interessanter Gedanke, den die ETH seit ihrer Gründung umsetzt.

• Die kantonalen Regierungen sollen – entgegen der Hochschulautonomie – klarere Leistungsaufträge an die Universitäten formulieren. Dabei können zum Beispiel Vorgaben des Bundes umgesetzt werden, um dem Mangel an Fachkräften zu begegnen.

• Die Konkurrenz zwischen Universitäten und Fachhochschulen bei der Werbung um Talente und um Forschungsaufträge soll eingegrenzt werden.

Fachhochschulen

• Die Fachhochschulen sollen praxisnah ausbilden und ein klares Profil anstreben.

• Beim Zugang von Studenten ohne Berufslehre zu den Fachhochschulen ist das gesetzlich geforderte strukturierte Betriebspraktikum unbedingt zu verlangen.

• Die Hälfte der Dozenten soll aus der Berufspraxis kommen.

• Für Sozialarbeit sollen die Fachhochschulen ihr Ausbildungsprofil neu ausrichten; es braucht Absolventen, die das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt kennen.

• Für die Künste (visuelle Kunst, Design, Film, Musik, Tanz, Theater) ist das Ausbildungsprofil besonders punkto Employability zu überdenken und der bestehende Numerus clausus noch einzugrenzen. Strahm schwebt sogar die Bildung einer zentralisierten gesamtschweizerischen Hochschule der Künste vor.

• Für die Weiterbildung auf Universitäts- und Fachhochschulstufe braucht es klare Qualitätskriterien.

Und sonst

• Der laut Strahm zum Teil selbstverschuldete Mangel an Fachkräften – etwa an Medizinern, Ingenieuren, Mathematikern, Informatikern, aber auch beim Pflegepersonal – soll mittelfristig durch gezielte bildungspolitische Massnahmen behoben werden.

• Umgekehrt sind über 50-jährige Fachkräfte mit Weiterbildungen und Anpassungen ihrer Aufgaben im Betrieb zu halten.

• In einer aktivierenden Sozialpolitik spielt Ausbildung eine wichtige Rolle. Die verschiedenen Betreuungsdienste (Sozialhilfe, Berufsberatung, Regionale Arbeitsvermittlungsstellen, IV-Stellen, Migrationsämter, Integrationseinrichtungen sollen systematisch zusammenarbeiten.

• Schliesslich – und zurück an den Anfang – sollen für Integrationsmassnahmen auch die Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden, vor allem wenn es um Nachholbildung geht.

• Und: Der Staat soll durch Zuschüsse geschützte Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose, Bezüger von Sozialhilfe und Menschen mit Behinderungen ermöglichen.

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Ausbildung als Chance zum Teilhaben