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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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KOLUMNE /

Aline Trede

21.11.2014 | 06:30

Die Dynamik in Bern geht Richtung Luxuswohnungen. Die Gentrifizierung darf die Stadt Bern nicht einverleiben.

Vor kurzem stand in der Zeitung, dass die Gentrifizierung in meinem Quartier, im Fischermätteli-Weissensteinquartier, angekommen sei. Wenn ich heute auf der Strasse die Gentrifizierung erklären müsste, ganz einfach und volksnah, fände ich das schwierig. Was ich aber weiss ist, dass mir vieles mit «Gen», doch eher suspekt ist: Gentechnologie, Genozid, Genveränderung, genau, generell, Gentleman.

Ich habe dann mein Quartier angeschaut und mir überlegt, was nun hier wohl in den letzten Jahren passiert ist. Was ich feststelle: Es hat sehr viele junge Familien gegeben, die mit vielen kleinen Kindern auf der Strasse auftauchen und diese für riesige Bobbycar-Rennen nutzen. Wir Eltern trinken dann ein Bier auf der Strasse und machen einen auf «Reclaim the Street».Wir Eltern trinken dann ein Bier auf der Strasse und machen einen auf «Reclaim the Street».

Im Quartier gibt es auch Sozialwohnungen, die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen am Quartierfest teil oder bleiben für einen Schwatz mit ihrem Hund auf der Strasse stehen. Eigentlich find ich es in meinem Quartier viel dörflicher als im Film «Zum Beispiel Suberg». Dort spricht ja anscheinend niemand miteinander, gibt es kein Lädeli mehr (was bei uns sehr wohl der Fall ist), grosse Hecken verdecken die Sicht und das Interesse aneinander ist sehr klein.

Wohnungen werden in den Städten immer teurer, die Politik muss hier regulieren.

Aline Trede

Wenn bei uns im Quartier jemand Alleinstehendes sterben würde, würde das immer jemand merken. Dass eine Leiche zwei Jahre rumliegt, nein, das käme bei uns nicht vor. Unser Quartier ist eigentlich ein kleines Dörfli in der Stadt, mit Reichen, Jungen, AusländerInnen und einem Generationenwechsel. Ich finde es okay und ich fühle mich aufgehoben. Ist nun die Gentrifizierung angekommen?

Was ich aber vestehe: Dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner der Lorraine gegen die «Baumhäuser-Luxuswohnungen» wehren. Wenn sowas in unserem Quartier geplant würde, würden wir auch auf die Strasse gehen. Wohnungen werden in den Städten immer teurer, die Politik muss hier regulieren.

Die letzten grösseren Siedlungen, die in der Stadt Bern gebaut wurden, sind für Familien gedacht. Aber im preislichen Segment stehen diese Wohnungen sehr hoch oben, ob sich das wirklich viele Familien leisten können? Wollen wir wirklich nur noch Doppelverdiener in der Stadt haben? Die Durchmischung darf nicht gefährdet werden, denn nichts ist langweiliger und gesellschaftlich gefährlicher als die Ghettoisierung. Sei das in gehobener Schicht oder nicht.

Die Baumhäuser dürfen nicht gebaut werden, es gibt bereits genug Luxuswohnungen in Bern. Das Quartier wehrt sich und muss ernstgenommen werden. Darum: Keine Gentrifizierung in der Stadt Bern!