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Mühleberg: Abschalten statt aussitzen (IV)

Dem Atomkraftwerk Mühleberg laufen die Leute davon. Allein 2013 waren es 12 Prozent der Angestellten. Jetzt, wo man es immer dringlicher brauchen würde, geht das Erfahrungswissen über die Eigenheiten des AKW-Oldtimers verloren.

Risikokurve eines AKWs: Am Heikelsten sind die erste und die letzte Zeit des Betriebs. (Grafik: Jürg Joss)

Vor einem Jahr hat das SRF-Fernsehmagazin «ECO» Ueli Jost porträtiert. «Von Beginn weg», also seit 1971, habe dieser Elektroingenieur im AKW Mühleberg gearbeitet und auch heute noch, mit 72 Jahren, sei er teilzeitig dabei. «Ich kenne die Anlage à fond, wie sie wahrscheinlich nur wenige kennen», sagte er stolz in die Kamera: Gegenüber Otto Normalverbraucher habe er einen gewaltigen Wissensvorsprung und könne die Anlage besser beurteilen «als jeder, der seine Informationen aus der Zeitung nehmen muss». 

Man nickt ehrfürchtig: Wer über AKWs nur aus den Zeitungen informiert ist, hat keine Ahnung. Da spricht ein alter, weiser Mann zu Unwissenden, um – soweit es ihm sein Schweigegelübde erlaubt – anzudeuten, dass er über geheimes Herrschaftswissen verfügt.

«Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden,
Als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.»

Jaja.

Das Problem Personalfluktuation

Am 20. Juni 2014 hat die Aufsichtsbehörde ENSI ihren Aufsichtsbericht 2013 veröffentlicht. Darin ist auf Seite 45 nachzulesen, dass 2013 unter den 345 Angestellten die Personalfluktuation einen Stand erreicht habe, «welcher auf einen bedeutenden Verlust an werkspezifischem Wissen und Erfahrung hinweist. Das KKW hat 2013 keine grösseren organisatorischen Änderungen vorgenommen». Heisst: Das Wissen schwindet, getan wird nicht viel. Die «Berner Zeitung» hat nachgefragt und erhielt vom ENSI die Auskunft, die Fluktuation in Mühleberg habe 2013 total 12 Prozent betragen. Heisst: In jenem Jahr haben gut vierzig Angestellte gekündigt.

Die SRF-Sendung «10vor10» widmete diesem Problem einen Beitrag und nannte darin zwei Gründe, warum dem AKW Mühleberg die Leute davonlaufen. Zum einen hat die BKW im Oktober 2013 bekannt gegeben, dass das AKW 2019 definitiv vom Netz gehe. Die Fachleute, die bis dahin nicht pensioniert werden, müssen sich demnach nach einer neuen Arbeit umsehen. Zudem, so sagte Professor Wolfgang Kröger, Direktor des Risk Center der ETH Zürich im Beitrag: «Das Studium der Nukleartechnik gilt nicht als extrem zukunftsweisend. Es gibt einen Fachkräftemangel. Unsere Absolventen sind sehr gefragt.»

Auch BKW-CEO Suzanne Thoma nahm Stellung: «Es ist natürlich so, dass wir etwas machen müssen, um die Leute zu behalten. Aber das machen wir auch. Sehr systematisch, sehr konsequent. Wir sind dabei, Konzepte zu erarbeiten, und das Ziel ist, dass wir in etwa anderthalb Jahren jedem Mitarbeiter, jeder Mitarbeiterin genau sagen können, was die Pläne sind.» Bleibt die Fluktuation so hoch wie 2013, dann sind bis dahin weitere gut achtzig Mühleberg-Angestellte mit ihrem Erfahrungswissen weg. 

Wer nichts sagt, sagt nichts Falsches

Am 14. August 2013 kam es im AKW Mühleberg im Rahmen eines sogenannten «Kritikalitätstests» zu einer Reaktor-Schnellabschaltung. Bekannt wurde das dann gut drei Monate später. Die Sendung «News» von Telebärn machte dazu einen Beitrag und fragte Walter Lehmann, den stellvertretenden Kraftwerkleiter in Mühleberg, warum über die Schnellabschaltung nicht sofort informiert worden sei.

Die Antwort Lehmanns in exakter Transkription: «Wir als BKW sind nicht verpflichtet, eine solche Bagatelle, bei der wirklich niemand gefährdet worden ist, zu veröffentlichen. Weil da passiert in einer Revision das eine oder andere, das… ja, wie soll ich sagen?… das man wahrscheinlich, äh… die Leute verunsichern würde, wenn man jedes Ding melden würde.» 

Lehmann ist ein Kollege von Ueli Jost, man merkt’s. Vielleicht wäre in diesem Fall allerdings eine Verunsicherung zu viel das kleinere Übel gewesen als die neuerliche Zelebrierung des AKW-Alltags als Geheimwissenschaft. Denn immerhin weiss die Berner Öffentlichkeit unterdessen: Im AKW Mühleberg werden nur die Risse im Kernmantel immer länger; der Erfahrungshorizont jener, die den antiquierten Oldtimer steuern, wird immer kürzer.

Die ungemütliche Badewanne

Zeichnet man eine Risikokurve über die gesamte Lebensdauer eines Atomkraftwerks, so ähnelt sie einer Badewanne: Zu Beginn und am Ende sind die Risiken am höchsten. Im langjährigen Betrieb dazwischen liegt das Risiko deutlich tiefer (siehe Grafik).

Dass das Risiko am Schluss wieder sehr hoch steigt, hat zwei Gründe: Zum einen birgt das alte, immer mehr versprödende Material zunehmende Gefahren – man denke an die wachsenden Risse im Kernmantel. Zum anderen: Je älter ein AKW ist, desto larger war zur Bauzeit die Sicherheitsphilosophie und desto weniger automatisiert funktioniert der Betrieb. Desto mehr muss demnach das Personal im Normal- und im Krisenfall manuell zu intervenieren wissen.

Aus diesem Grund ist im AKW Mühleberg – mit einem Reaktor der ältesten Generation – das Erfahrungswissen des Personals wichtig. Natürlich verfügt ein Automobil-Mechatroniker frisch ab Berufsfachschule über viel aktuelles Wissen. Trotzdem würde ein pensionierter Automech je nachdem sehr viel schneller auf die richtige Lösung kommen, wenn ein Oldtimer-Motor defekt ist.

Um dieses «Sehr-viel-schneller» geht es. Es sind in den kommenden Jahren im Kommandoraum des AKWs Mühleberg Situationen vorstellbar, in denen die schnelle und richtige Einschätzung entscheidend sein könnte.

Darum erhöht neben dem versprödenden Material in Mühleberg insbesondere der Know-How-Verlust das Risiko gegen Ende der Laufdauer hin. Dass BKW-CEO Suzanne Thoma dazu nichts anderes einfällt, als Konzepte schreiben zu lassen, ist keine wirkliche Beruhigung. Dürfte man nicht blind an ihre weitsichtigen Führungsqualitäten glauben, müsste man geradewegs vermuten, sie versuche, auch dieses Problem auszusitzen. 

Hoffentlich muss man sich in Bern nie sagen, es wäre klüger gewesen hinzuschauen, statt sich bloss allabendlich im Glauben an die neuen Jod-Tabletten im Badezimmerschäftli zu üben.

Fredi Lerch