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Mühleberg: Abschalten statt aussitzen (I)

In Mühleberg steht ein altes Atomkraftwerk mit neuen Rissen im Kernmantel. Nachrüstungen wären dringlich. Weil sie kosten, geschieht nichts. Das könnte Bern noch teuer zu stehen kommen.

Der Kernmantel im Reaktordruckbehälter: Wachsende Risse stellen seine Stabilität in Frage. (Bild: Fokus Anti-Atom)

11. März 2011, AKW-Katastrophe in Fukushima. In drei der sechs Reaktorblöcke kommt es zu Kernschmelzen. Der Reaktortyp zeigt bisher unbekannte Schwächen. Er ist typengleich mit dem Reaktor von Mühleberg. Darum muss das AKW Mühleberg so schnell wie möglich nachgerüstet werden. Trotzdem passiert nichts.

Schon jetzt ist klar: Auch vier Jahre nach jener Katastrophe wird in Mühleberg keine der vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI als nötig erachteten Nachrüstungsmassnahmen im Bau, geschweige realisiert sein. In einem Punkt sind sich ENSI und BKW offensichtlich einig: Aussitzen statt abschalten.

Das sind die drei wichtigsten Schwachstellen des AKW Mühleberg:

Schwachstelle Kernmantel 

Das Stahlgehäuse des Kernmantels umschliesst die Brennstäbe, die Wasser erhitzen und so den Dampf erzeugen, der die stromproduzierenden Turbinen antreibt. Er ist etwa acht Meter hoch, hat einen Umfang von zehn Metern und besteht aus sechs Zentimeter dickem Stahlblech. Beim Bau sind mehrere röhrenartig geformte Stahlblechstücke aufeinander gestellt und zusammengeschweisst worden. So entstanden horizontale Schweissnähte. Seit 1990 ist bekannt, dass es in ihrem Bereich Risse gibt. 1996 sind deshalb vier stabilisierende Zuganker montiert worden. Trotzdem sind die bekannten Risse bis 2013 auf 3,36 Meter Gesamtlänge angewachsen. Ihr Wachstum verläuft nicht linear. Nicht berechenbar ist, wann und wo neue Risse entstehen.

Die Rissentwicklung: 2013 betrug die kommunizierte Gesamtrisslänge 3,36 Meter; mit den neusten Meldungen sind weitere ungefähr dreissig Zentimeter dazugekommen. (Grafik: Fokus Anti-Atom)

Die Rissentwicklung: 2013 betrug die kommunizierte Gesamtrisslänge 3,36 Meter; mit den neusten Meldungen sind weitere ungefähr dreissig Zentimeter dazugekommen. (Grafik: Fokus Anti-Atom)

Zur Zeit weiss niemand, wie viele neue Risse es gibt, wie lang und wie tief sie sind und wie schnell sie wachsen.

Jürg Aerni/Jürg Joss

Am 8. September ist nun öffentlich geworden, dass dieser Kernmantel zusätzlich bisher nicht bekannte, vertikale Risse quer zur Schweissnaht aufweist – also Risse ins Stahlblech hinein. Weil die Prüfung bloss visuell und punktuell an der Schweissnaht H 4 durchgeführt worden ist, weiss zur Zeit niemand, wie viele solcher Risse es gibt, wie lang und wie tief sie sind und wie schnell sie wachsen. Trotzdem hat das ENSI am 4. September das «Wiederanfahren» des wegen Revisionsarbeiten zuvor vier Wochen stillgelegten AKWs genehmigt, ohne in seiner Mitteilung die neuen Risse auch nur zu erwähnen. Instabile oder wegbrechende Stahlblechstücke am Kernmantel würden zu Störungen der Wasserkühlung oder zum Verkeilen von Brennelementen und jenen Steuerstäben führen, die im Notfall für die Schnellabschaltung des Reaktors verantwortlich sind. Schlimmstmögliche Folge wäre in beiden Fällen die Kernschmelze.

Wegen der wachsenden Risse hat der Verein «Fokus Anti-Atom» bereits 2008 gefordert, der Kernmantel sei auszutauschen. In Japan und in Schweden hat man gezeigt, dass dies technisch machbar ist (allerdings um den Preis massiver Verstrahlung der Arbeitenden). Die HSG (heute ENSI) hat in Bezug auf Mühleberg 2008 widersprochen, aus technischen Gründen sei der Kernmantel andernorts «einfacher ersetzbar» gewesen, als er es hier wäre. «Einfacher ersetzbar» heisst nicht: unmöglich. Allerdings wäre mit Kosten von über einer halbe Milliarde Franken zu rechnen gewesen. Darum war der Vorschlag nicht diskutabel.

Vernünftig wäre heute, dass AKW abzuschalten: Die wachsenden Schäden am Kernmantel stellen seine Stabilität immer mehr in Frage.

Schwachstelle Notkühlungssystem

Die Ansaugstutzen für das Aarewasser der AKW-Kühlung können bei Hochwasser – und erst recht beim Brechen des Wohlensee-Staudamms – verstopfen. Deswegen wurden sie direkt nach Fukushima im Rahmen der Schnellnachrüstung leicht erhöht und gegen Erdbeben gesichert. In der Folge forderte das ENSI von den Betreibern trotzdem eine unabhängige zweite Kühlwasserquelle bis Ende 2015. Die BKW prüfte vom Kühlturm bis zum Saane-Stollen verschiedene Lösungen und schlägt zur Zeit als Minimalvariante bloss noch vor, die Trinkwasserversorgung von Mühleberg anzuzapfen.

Die BKW prüfte verschiedene Varianten und schlägt nun die Minimalvariante vor.

Jürg Aerni/Jürg Joss

Sofort nötig wäre heute zweierlei: Zum einen die sofortige Realisierung des Saanewasser-Stollens, um eine Aare-unabhängige Notkühlung garantieren zu können, zum anderen der Bau eines vom ersten unabhängigen Notkühlsystems für Reaktor und Lagerbecken (siehe unten). Vernünftig wäre, das AKW abzuschalten, bis ein solches Notkühlsystem in Betrieb ist.

Schwachstelle Brennelemente-Lagerbecken

Aus heutiger Sicht ist das AKW Mühleberg schlecht konstruiert: Das Lagerbecken für die abgebrannten Brennelemente befindet sich ungeschützt im Reaktorgebäude, und zwar über dem Reaktor und über sämtlichen Pumpen der Notkühlsysteme. Die späteren AKWs Gösgen oder Leibstadt verfügen dagegen über externe Brennelemente-Lagerbecken in einem erdbebenfest gebauten Nebengebäude mit unabhängiger Kühlung. Nötig sind solche Becken, weil die Brennelemente nach ihrer Verwendung rund sieben Jahre lang abkühlen müssen, bevor sie in Castor-Behälter geladen und abtransportiert werden können.

Die unterdessen verworfene Nachrüstung: Aarewasser-unabhängiges Notkühlsystem für Reaktor und Kühlwasserbecken. (Grafik: BKW)

Die unterdessen verworfene Nachrüstung: Aarewasser-unabhängiges Notkühlsystem für Reaktor und Kühlwasserbecken. (Grafik: BKW)

Es sind mehrere Schadenfälle denkbar, die zur Kernschmelze von abgebrannten Brennstäben führen können.

Jürg Aerni/Jürg Joss

Im Reaktorgebäude von Mühleberg sind mehrere Schadenfälle denkbar, bei denen das Kühlwasser aus dem höher liegenden Lagerbecken in den Reaktorraum hinunter strömt – etwa bei einem Erdbeben oder wenn ein Flugzeug auf der an der dünnsten Stelle bloss 15 Zentimeter dicken Decke des Gebäudes aufschlägt oder wenn es (wie in Fukushima) innerhalb des Reaktorgebäudes zu einer Wasserstoffexplosion kommt. Dann passiert folgendes: Die Notkühlungspumpen werden unter Wasser und ausser Betrieb gesetzt und gleichzeitig bleibt das darüber liegende Lagerbecken ohne Wasser, weshalb es zur Kernschmelze von abgebrannten Brennstäbe kommt.

Die BKW schlägt für dieses Lagerbecken ein zweites Notkühlsystem vor, das ebenfalls mit dem Wasser aus dem Saane-Stollen gespiesen wird, der dummerweise nicht mehr gebaut werden soll. Vernünftig wäre, das AKW Mühleberg sofort abzuschalten, aber trotzdem so schnell wie möglich eine aareunabhängige Notkühlung zu realisieren. Denn wie gesagt: Bis sieben Jahre nach der Abschaltung besteht die Gefahr einer Kernschmelze. Und immerhin steht das AKW bloss ein Kilometer unterhalb der knapp hundertjährigen, gut 22 Meter hohen Wohlensee-Staumauer.

Die hohe Kunst des Aussitzens

Warum eigentlich hat das ENSI als Aufsichtsbehörde das AKW Mühleberg nach Fukushima nicht sofort stillgelegt? Spätestens im Juni 2011 war allgemein anerkannt, dass es in Mühleberg beim Kernmantel, bei der Notkühlung und beim Lagerbecken der Brennelemente schwerwiegende Sicherheitsdefizite gibt.

Zudem ergeben diese drei Risiken kumuliert eine nicht zu tolerierende Kernschmelzwahrscheinlichkeit – und zwar nach den Vorgaben, die das ENSI eigentlich selber anwendet. So gesehen hätte die Aufsichtsbehörde die Abschaltung des AKWs nicht nur verfügen können, sondern müssen. Stattdessen lässt sie sich seit mehr als drei Jahren immer neu auf wechselnde Nachrüstungsvorschläge der BKW ein, die ausser Fristverlängerungen bisher nichts gebracht haben. Konkret:

• 2011 hat die BKW gesagt: Wir bauen, sobald wir die Bewilligung haben, in 36 Monaten einen Kühlturm. Das ENSI hat gesagt: Wir prüfen den Vorschlag.

• Im Juni 2012 hat die BKW gesagt: Wir machen keinen Kühlturm, sondern einen Saane-Stollen. Das ENSI hat gesagt: Wir prüfen den Vorschlag.

• Im August 2012 hat die BKW gesagt: Der Saane-Stollen soll mit neuen Notkühlungsleitungen und neuen Pumpen innerhalb des Reaktorgebäudes zu einem Gesamtsystem verbunden werden – Bedingung: Fristverlängerung bis 2017. Das ENSI hat gesagt: Wir prüfen den Vorschlag.

• Im November 2013 hat die BKW gesagt, dass alle bisher vorgeschlagenen Massnahmen zu vergessen seien, weil man Mühleberg 2019 freiwillig abschalten wolle. Das ENSI hat gesagt: Dann muss jetzt aber bis Juni 2014 nachgewiesen werden, dass die Sicherheit der Anlage auch ohne grössere Nachrüstungen bis 2019 garantiert werden kann.

• Im Moment prüft das ENSI die fristgerecht eingegangene BKW-Eingabe vom Juni und will Ende Januar 2015 dazu Stellung nehmen. Wir dürfen annehmen, dass die Aufsichtsbehörde dannzumal wichtige Präzisierungsfragen zu stellen hat mit einer Frist sagen wir bis im Sommer. Und wir verstehen, dass die BKW-Antworten danach bis ungefähr Dezember 2015 sehr ernsthaft zu prüfen sein werden.

• Und so weiter.

Könnte es so sein? Die BKW hat längst entschieden, dass aus finanziellen Gründen keine grösseren Nachrüstungen mehr gebaut werden und das AKW trotzdem so lange wie möglich betrieben wird. Möglich ist das genau so lange, bis sich die Aufsichtsbehörde wegen des steigenden politischen Drucks genötigt sieht, einen endgültigen Abschalttermin zu verfügen.

Könnte es weiter sein, dass dieser Abschalttermin ungefähr auf 2019 lauten wird? Und könnte es schliesslich sein, dass die BKW dann PR-wirksam im Dienst der öffentlichen Sicherheit das Werk freiwillig zwei, drei Monate früher abstellt – froh darum, die eingesparten Nachrüstungsmillionen endgültig im Trockenen zu haben?

Das rotgrüne Bern wird vermutlich weinen vor Rührung. Zu hoffen ist, dass die Stadt nicht schon vorher weint, falls es doch noch knallt bei diesem Russisch Roulette-Spiel.

Fredi Lerch