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Planung Schützenmatte: Die Reitschule schweigt

Planungslabor Schützenmatte, 4. bis zum 7. September: Ganz Bern ist eingeladen, bei der Neunutzung eines Unorts mitzuwirken. Bloss die benachbarte Reitschule ist dummerweise mit sich selber beschäftigt.

David Böhner: «Bei der neuen Nutzung auf der Schützenmatte geht es auch um die Zukunft der Reitschule.» (Foto: zvg)

Meine Damen und Herren, wir treffen in Bern ein: Rechts sehen Sie Berns legendären Schandfleck der Bürgerlichen, die Reitschule. Und links, das ist der Unort der Rotgrünen dieser Stadt: die Schützenmatte!

Diese Schützenmatte dient als überdimensionierter Verkehrskreisel, sieht im vorderen Teil wie eine Baubrache aus, die provisorisch als Parkplatz genutzt wird, und ist im hinteren Teil – dem Reitschulareal – seit mehr als einem Vierteljahrhundert umstrittener Freiraum und beliebte Kultur- und Ausgangsmeile zugleich. In zwei Arbeitstreffen im Januar und im Mai hat ein «Begleitgremium» den Planungsprozess für eine Neunutzung dieses Areals aufgenommen. Nun ist die Berner Öffentlichkeit vom 4. bis zum 7. September eingeladen, im Planungslabor Schützenmatte mitzuwirken.

Welche Nutzung will die benachbarte Reitschule? Journal B fragte David Böhner, einen erfahrenen Reitschul-Aktivisten, der als Vertreter der Alternativen Linken Bern (AL) an den beiden Treffen des Begleitforums teilgenommen hat.

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Journal B: David Böhner, wie lautet die aktuelle Position der Reitschule zur laufenden Neunutzungsplanung auf der Schützenmatte?

David Böhner:

Es gibt keine. Bis jetzt hat es in der Reitschule zwar informelle Gespräche, aber noch keine formelle Diskussion zu diesem Thema gegeben. Zudem dreht sich die Reitschule zurzeit wieder stark um sich selber. 

Was öffentlich bekannt ist: Der Vorstand des Vereins Grosse Halle ist eben mit einem Offenen Brief an die Öffentlichkeit getreten, nachdem anonyme Leute aus dem Reitschulumfeld die Grosse Halle massiv versprayt haben. Im Bund war davon die Rede, in der Reitschule herrsche das «Gesetz der Omertà». Das würde heissen: Eine gewaltbereite Minderheit bringt die basisdemokratische Mehrheit zum Kuschen.

Im so genannten Umfeld der Reitschule bewegen sich ganz viele Gruppen und Personen mit unterschiedlichsten Anliegen und Interessen. Nicht alle fühlen sich der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule IKuR zugehörig und nicht alle agieren im Interesse der IKuR. Zum Teil wird auch mit Gewalt und Drohungen vorgegangen.

«Im Umfeld der Reitschule bewegen sich Gruppen, die nicht im Interesse der IKuR agieren.»

David Böhner

Es ist aber nicht so, dass das nicht thematisiert werden darf. Und es ist auch nicht so, dass das eine völlig neue Entwicklung ist. In der nun über fünfundzwanzigjährigen Geschichte des autonomen Kulturzentrums gab es immer wieder solche Auseinandersetzungen. Wir versuchen die Konflikte im Gespräch zu lösen. Schade ist, wenn über die Medien kommuniziert wird, bevor solche Gespräche stattgefunden haben.

Sie haben als Vertreter der Alternativen Linken Bern an den bisherigen beiden Arbeitstreffen des Begleitforums teilgenommen. Ihr Eindruck?

Ich bin positiv überrascht. Die Veranstaltungen stiessen auf grosses Interesse – es kamen jeweils an die achtzig Leute. Bloss die Gewerbe- und Wirtschaftslobby fehlte weitgehend. Tonangebend waren Leute der Kulturlobby, die die Verbindung von Progr, Kunstmuseum und Reitschule in den Vordergrund stellen wollen. Dass eine kommerzielle Nutzung der Schützenmatte nicht gewünscht ist, weil sie das Projekt Reitschule gefährden würde, war bei den Treffen nicht gerade Konsens, aber doch die überwiegende Meinung. Mag sein, der Prozess steckt zurzeit noch in der Friede-Freude-Eierkuchen-Phase.

Insbesondere fragt sich ja, was Berns Bürgerliche wollen.

Das ist so. Ein Mitwirkungsprozess ist halt kein Mitentscheidungsprozess. Der einzige Bürgerliche, der bisher mitdiskutiert hat, ist der BDP-Stadtrat Martin Mäder. Er schlug den Bau eines Verwaltungsgebäudes auf der Schützenmatte vor, blieb aber mit diesem Vorschlag allein. Die anderen bürgerlichen Parteien haben bisher keine Vorschläge gemacht.

Für die Bürgerlichen gilt wohl, spät zu lobbyieren sei effizienter als früh mitzuwirken. Und für die Reitschule offenbar: Die Schützenmatte brennt, die Reitschule pennt. 

Man muss allerdings sagen: Wenn die Diskussion im Begleitgremium in eine andere Richtung laufen würde, würde die Reitschule sicher schnell reagieren… Trotzdem denke ich, dass sie in nächster Zeit eine offizielle Stellungnahme erarbeiten muss. Ich hoffe, dass dank des dreitägigen Schützenmattlabors in der Reitschule die Information ankommt, dass es bei dieser Planung auch um die eigene Zukunft geht.

«Wenn auf der Schützenmatte eine öffentlichere Nutzung möglich wird, könnte das für die heutige Reitschule spannend werden.»

David Böhner

Schaute man bisher weg, weil eine Neunutzung bedrohlich sein könnte? 

Klar könnte eine neue Nutzung auch eine Gefahr sein, weil man je nachdem nicht mehr in gleichen Mass machen könnte, was man will. Aber umgekehrt ist diese Planung auch eine Chance. Wohl auch dank des unattraktiven Parkplatzes konnte sich das Zentrum zu dem entwickeln, was es heute ist: Es störte nicht. Aber wenn man diesen Parkplatz heute wegkriegt, wenn auf der Schützenmatte eine öffentlichere Nutzung möglich wird, könnte das für die heutige Reitschule spannend werden.

Was ist Ihre Vision?

Die Schützenmatte soll nicht weiter überbaut werden. Sie ist es ja schon durch die dominierende und nicht veränderbare Eisenbahnbrücke, die die SBB sogar noch verbreitern möchte. Das Areal soll als multifunktionaler Raum genutzt werden für Zirkusse, Flohmärkte, Feste, Kundgebungen.

Gelöst werden muss das Problem mit dem Strassenverkehr: Heute ist das Areal eine Insel und von der Stadt abgeschnitten. Eine Möglichkeit wäre, entlang des Aarehangs die Schützenmattstrasse aufzuheben und den Verkehr von der Lorrainebrücke her über einen Kreisel am Bollwerk durch die Neubrückstrasse stadtauswärts zu führen. Die stillgelegte Schützenmattstrasse könnte dann mit Räumen für das Gewerbe, für Ausgehlokale oder für eine «Maison des Association» – ein Haus der Vereine, wie es in Genf existiert – überbaut werden.

Aus meiner Sicht wäre das ein gutes Ergebnis, das auch der Reitschule entgegenkommen würde.

Und was wäre ein schlechtes Ergebnis? 

Eine Überbauung mit teurem Wohnraum zum Beispiel. So hat man 2007 in Luzern das Kulturzentrum Boa kaputt gemacht. Mit den neuen Nachbarn entstanden schnell so viele Konflikte, dass das Zentrum geschlossen wurde.

Aber wie gesagt: Ein solches Projekt steht bis jetzt nicht zur Diskussion.