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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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300 Inputs für ein mutiges STEK 15

Im Mai fand das erstes Forum zum zukünftigen Stadtentwicklungskonzept (STEK 15) statt. Seither ist hinter den Kulissen intensiv gearbeitet worden. Jetzt hat man sich zum zweiten STEK-Forum getroffen.

Der nach dem ersten STEK-Forum angebotene «Offene Briefkasten» ist rege benutzt worden. Das Interesse, sich zu beteiligen, ist eindrücklich, und die Gelegenheit wurde wahrgenommen, auf Missstände und Probleme aufmerksam zu machen oder konstruktive bis utopische Diskussionsbeiträge zu liefern. Die rund dreihundert Inputs wurden durch das Stadtplanungsamt in eine vierzigseitige Sammlung aufgenommen und in drei Kategorien unterteilt:

• Kategorie 1: direkt ins STEK 15 einzuarbeitende Anregungen,

• Kategorie 2: in der Stadtentwicklung zu diskutierende und

• Kategorie 3: auf anderem – meist politischem – Weg zu bearbeitende Themen.

Kein Input soll auf der Strecke bleiben

Dieser seriöse Umgang mit den Inputs schafft seitens der Mitwirkenden Vertrauen und ist für Verwaltung und Politik – so sie denn wollen – auch eine Fundgrube guter Ideen und Seismograph für die Problem-Wahrnehmung in der Bevölkerung. Als Illustration seien ein paar besonders typische oder originelle Inputs erwähnt:

• Anreizmodelle zur Reduktion des Wohnflächenverbrauchs (Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem / Kategorie 3);

• Anreize schaffen für mehr Gewerbeansiedlung und damit Schaffung von Arbeitsplätzen (FDP / Kategorie 2);

Dieser seriöse Umgang mit den Inputs  ist für Verwaltung und Politik ein Seismograph für die Problem-Wahrnehmung in der Bevölkerung.

Sabine Schärrer

• «Leuchtturmprojekte» der qualitativen Verdichtung in allen Stadtteilen planen als Initialzündung (Dialog Nord / Kategorie 1);

• Wunsch nach einem anschaulichen Stadtmodell (Kategorie 2);

• ein Haus der Vereine nach Genfer Vorbild und

• Mehrfachnutzungen durch Kleingewerbe zur Belebung und inneren Verdichtung: Tagesnutzung Veloreparatur, abends Barbetrieb, Verleih- und Reparaturgeschäfte aller Art, etc. (die beiden letzten Vorschläge: Alternative Linke / Kategorie 2) etc. etc.

Vorgehen in Teilprojekten und Zeitplan

Fünf Planerteams, begleitet von ProjektleiterInnen aus dem Stadtplanungsamt, haben unterdessen je eines der im Forum 1 vorgestellten Schwerpunktthemen bearbeitet:

• Bern als Zentrumsstadt;

• Siedlungsentwicklung nach innen (Verdichtung);

• Stadterweiterung;

• Quartierzentren und Infrastrukturen;

• Mobilität und Gesamtverkehr.

Dazu kommen die Querschnittsthemen über alle Teilprojekte: Nachhaltigkeit, Grossprojekte, Infrastrukturen. Da man sich als Forumsteilnehmende jeweils für einen der Teilplanworkshops entscheiden musste, wird eine umfassende Darstellung der Teilprojekte erst gegen Jahresende – mit dem Synthese-Zwischenbericht vor dem nächsten Forum – möglich sein. Die Teilnehmenden haben gefordert, dass dieser Bericht einige Wochen vor dem 3. Forum im Januar 2015 verschickt wird.

Die öffentliche Mitwirkung startet dann vor den Sommerferien 2015. Vereine und Quartierorgane werden aufgefordert, die Informationsangebote des Stadtplanungsamts jederzeit zu nutzen!

Der STEK 15-Entwurf wird dem Gemeinderat voraussichtlich im Oktober 2015 vorgelegt.

Es wird befürchtet, dass STEK 15 als Vision durch die Schere im Kopf beschnitten wird, bevor sie formuliert worden ist.

Sabine Schärrer

Denk-Splitter aus den Workshops

Im Verdichtungs-Workshop gaben die Teilnehmenden den Planern und Planerinnen abschliessend die Parole «Mehr Mut!» mit. Dies unter dem Eindruck, dass sie mit allzu vielen bestehenden Tabus und Rahmenbedingungen auf den Weg geschickt worden sind, die sich auf die aktuelle politische Situation beziehen. Es wird allgemein befürchtet, dass STEK 15 als Vision durch die berühmte Schere im Kopf beschnitten wird, bevor sie überhaupt formuliert worden ist. Dabei sind gerade angesichts der grossen gesellschaftlichen Herausforderungen unkonventionelle Ideen und Vorgehensweisen gefragt. Diese Feststellung trifft auf verschiedenste Themenbereiche zu (neue Mobilitätsformen, Gesellschaftsmodelle, Formen des Zusammenlebens und der Nutzung des städtischen Lebens- und Verkehrsraums, der Infrastrukturen etc.). Es gibt keine Gewissheit über die Entwicklung solcher Soft Factors in der Zukunft, aber das Extrapolieren des bereits Vorhandenen genügt mit Sicherheit nicht!

Gut veranschaulichen lässt sich dies an den im Teilprojekt 2 bezeichneten Gebieten im Stadtteil IV mit Verdichtungs-Potenzial, den «Chantiers» 8 und 9: Handfesten planerischen Denk-Aufgaben, zum Beispiel im Galgenfeld oder entlang der Muristrasse, die bereits in den nächsten fünf bis zehn Jahren angepackt werden könnten, stehen «Tabugebiete» wie die Gartenstadtidylle des Brunnadernquartiers gegenüber. Klar, diese «Taubgebiete» sind weder politisch opportun, noch mehrheitsfähig noch unmittelbar dringend.

Aber: Wann wenn nicht jetzt könnte man die theoretischen Grundlagen andenken, die es braucht, um – sagen wir in fünfzig Jahren – ein hoffnungslos unternutztes, grossflächig sanierungsbedürftiges, mit maroden und aufgrund der schwachen Bewohnungsdichte unrentabel gewordenen Infrastrukturen versehenes ehemaliges Edelquartier zukunftsfähig zu machen? Auch aus anderen Quartieren kam die Anregung, über absolut «aufwertungsfeindliche» Eigentumsformen wie Stockwerkeigentum oder kleinteiliges Grundeigentum nachzudenken und z.B. Anreiz- und Kooperationsmodelle für zumindest die übernächste Revision der Bauordnung zu entwickeln.