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Ausser die Menschen alles im Blick

Die Ergebnisse der Testplanung für das Gaswerkareal liegen vor und können im Aussenhof der Ryff-Fabrik auf Schautafeln besichtigt werden. Nun gibt es zehn plausible Erkenntnisse, aber noch keine soziale Perspektive.

Ausstellungsareal bei der Ryff-Fabrik: Alec von Graffenried orientiert die Quartierbevölkerung. (Foto: Fredi Lerch)

Drei Planungsteams haben im letzten halben Jahr für eine Pauschale von je 50’000 Franken plus Spesen Ideen entwickelt, wie das Gaswerkareal dereinst überbaut werden könnte:

• Die Bauart Architekten und Planer, Bern, schlagen eine Wohnblocksiedlung im Park vor.

• Das Harry Gugger Studio, Basel, hat eine Reihensiedlung entwickelt, die von der zähringischen Altstadt inspiriert ist.

• Das Büro MVRDV, Rotterdam, entwarf im Bereich des rechten Kopfs der Monbijoubrücke ein «gestapeltes» Dorf.

Die Erkenntnisse der Testplanung

Freilich wird keines dieser Projekte gebaut werden. Für die Auftraggeber – neben der federführenden Losinger Marazzi AG das Stadtplanungsamt, Energie Wasser Bern, das Hochbauamt und die Brückenkopf Bern AG – bedeutet diese Testplanung ein informelles Planungsverfahren, das zu Erkenntnissen und zu einem Schlussbericht zuhanden des Gemeinderats führen soll. 

Spannender als die drei Testplanungsbeiträge sind deshalb die zehn Erkenntnisse, die Alec von Graffenried als Direktor Nachhaltige Entwicklung der Losinger Marazzi AG daraus abgeleitet und am Abend des 25. August im Aussenhof der Ryff-Fabrik der anwesenden Quartierbevölkerung erläutert hat:

1. Das Gaswerkareal wird geöffnet, die bestehenden Zäune werden abgebrochen.

2. Das flussseitige Aareschutzgebiet bleibt unüberbaut, Natur- und Erholungsräume sollen erhalten werden.

3. Die verschiedenen Freiraumarten – Naturraum, Erholungsraum und urbaner Freiraum – sollen erhalten und gestärkt werden.

4. Neuer Wohn- und Arbeitsraum im Umfang der vom Gemeinderat vorgegebenen Richtgrösse von rund 50000 m2 Bruttogeschossfläche ist möglich und soll am ehesten entlang von Sandrainstrasse und Monbijoubrücke entstehen. Um die Vorgabe des Gemeinderats zu erreichen, sind voraussichtlich siebenstöckige Bauten nötig.

Es gibt Platz für die Jugendkultur. Bloss wo? Und muss es der Gaskessel ein?

Fragen der Testplanung

5. Platz für die Jugendkultur soll es weiterhin geben – allerdings ist die jetzige Nutzung des Gaskessels am bisherigen Standort in Frage gestellt. Dass in einem solchen Fall gewöhnlich die Jugendkultur weichen muss, hat zum Beispiel die Schliessung der Boa-Halle in Luzern (Herbst 2007) gezeigt.

6. Die historischen Bauten auf dem Areal – Ryff-Fabrik, Fabrikantenvilla und von Gunten-Bau – sollen stehen bleiben und für öffentliche Nutzungen vorgesehen werden.

7. Auf die Schwimmhalle, die bisher als Option für dieses Areal diskutiert worden ist, wird verzichtet (Gemeinderatsentscheid vom 2.7.2014).

8. Die Sandrainstrasse soll zur Quartierstrasse gestaltet werden (Verlangsamung und Reduktion des Verkehrs).

9. Die Potentiale des westlichen Kopfs der Monbijoubrücke sollen besser genutzt und in die vorgesehene Überbauung einbezogen werden.

10. Der Raum unter der Monbijoubrücke – heute Lagerfläche – soll neu genutzt werden.

Es ist Vernünftiges, zum grossen Teil seit längerem Diskutiertes und weitgehend Unbestrittenes zusammengekommen. Kontrovers bleibt insbesondere der Gaskessel. Wegen der absehbaren Nutzungskonflikte am jetzigen Standort sehen die Planungsteams die jugendkulturellen Aktivitäten im Bereich der Brücke neben Ryff-Fabrik und Dampfzentrale, wobei sowohl die Verschiebung des Gaskessels als auch ein Neubau denkbar ist. Letzterer hätte den Vorteil, dass er massgeschneidert für die aktuellen Bedürfnisse geplant, sowie funktionaler und ökologischer als der Gaskessel betrieben werden könnte.

Räume, Volumen, Dichte, Achsen

Niemand kann sagen, diese Testplanung sei nicht sauber durchgezogen und professionell präsentiert worden. Bloss: Antworten erhält man halt nur auf jene Fragen, die man stellt. Fragt man vor allem nach Räumen, Volumen, Dichte und Achsen, dann werden die Antworten vor allem Räume, Volumen, Dichte und Achsen betreffen. In diesem Bereich sind die Eckdaten und denkbare Varianten nun bekannt.

«Die Stadt Bern fördert ein sozial intaktes Stadtmilieu.»

STEK 1995, Fortschreibung 2003

Aber in der «Strategie Bern 2020» liest man zum Beispiel, Bern solle bis dahin «Wohnraum für 140'000 Menschen» bieten und dabei nicht nur eine wachsende, kreative, ökologische und weltoffene, sondern auch eine «soziale Stadt» sein. Und in der «Fortschreibung 2003» des Stadtentwicklungskonzepts 1995 heisst es: «Die Stadt Bern fördert ein sozial intaktes Stadtmilieu und achtet auf eine ausgewogene Nutzungsmischung und eine vielfältige soziale Zusammensetzung der Stadtquartiere.» Nimmt man solche Formulierungen ernst, müsste man auch auf dem Gaswerkareal nicht vorab von Räumen, Volumen, Dichte und Achsen, sondern zuerst einmal von den Menschen sprechen. Für wen wird das Gaswerkareal übergebaut? Für einen Mix aller Berner Haushalte oder für ein bestimmtes soziales Segment? Und falls letzteres: für welches?

Blickt man auf die Entwicklung der zurzeit angesagten Stadtquartiere, auf das Feld von Siedlungen in Brünnen oder auf die Einfamilienhaustürme in Schönberg Ost: Überall sind Tendenzen zu Segregation und zu Gentrifizierung erkennbar. Und auch die Viererfeldplanung hat bisher nicht erkennen lassen, dass eine soziale Perspektive mitgedacht würde.

Das holländische Testplanungsteam hat für das Gaswerkareal «Die Menschen und ihre Bedürfnisse» thematisiert und festgehalten: «[Unser] Entwurf zielt darauf ab, einen Dialog zwischen Stadt und Landschaft, Dichte und Offenheit, Öffentlichkeit und Privatheit, Hochhäusern und niedrigen Gebäuden, Alt und Neu, Formell und Informell zu erzeugen. Diese Nachbarschaft soll verschiedene Personengruppen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen und Wünschen anziehen, um bestmöglich mit dem öffentlichen Charakter des Aareraums zusammenzupassen, der allen Menschen in Bern gehört.»

Wie unterscheidet sich eigentlich soziale von unsozialer Stadtplanung?

Fredi Lerch

Ist es nicht merkwürdig, wie naiv solche Formulierungen klingen, in denen verschiedene soziale Schichten zumindest mitgedacht scheinen? Eigentlich ist es halt auch in diesem Planungsprozess von vornherein klar: Darüber, wer auf dem Gaswerkareal dereinst wohnen wird, braucht man nicht zu reden. Die Preisklasse des Wohnraums, der schliesslich gebaut werden wird, wird – so die Vorgabe – zu 30 Prozent dem wohnbaugenossenschaftlichen Mittelstand entsprechen, zu 70 Prozent demnach einer steuerkräftigen Privateigentümerschaft aus dem oberen Mittelstand. Das Übrige regelt der Markt.

Sobald der Schlussbericht der Testplanung vorliegt, geht das Geschäft an den Gemeinderat. Er wird entscheiden, wie es mit dem Gaswerkareal weiter geht. Journal B empfiehlt, die gemeinderätliche Debatte darüber mit den Fragen zu eröffnen: Ist Stadtplanung eine Wissenschaft oder eine politische Disziplin? Und: Wie unterscheidet sich eigentlich soziale von unsozialer Stadtplanung?